31. Jul 2007 11:00, ergänzt 12:40
Staat und Medien gehen zu nachlässig mit Scientology um, meint Thomas Gandow. Er jedenfalls sehe «große Ähnlichkeiten mit der Nazi-Ideologie», sagte der Sekten-Experte der Evangelischen Kirche.
Insbesondere in Berlin werde Scientology immer wieder mit anderen religiösen Gruppierungen verwechselt, klagte Gandow. Dabei warne die Innenministerkonferenz seit Jahren vor Scientology als einem neuen politischen Extremismus. Nach Gandows Einschätzung besteht in Berlin ein großer Nachholbedarf im Kampf gegen die Sekte: «Es gibt keine Möglichkeit, in Berlin bei einer staatlichen Stelle eine solide, grundsätzliche Beratung in Sachen Scientology zu bekommen.»Der Sektenexperte betonte zudem, dass Scientology mittlerweile von den Feuilletonisten der deutschen Zeitungen in Schutz genommen werde: «Es ist offensichtlich politisch nicht korrekt, wenn man darauf hinweist, dass es ganz große Ähnlichkeiten mit der Nazi-Ideologie gibt. Hier sollen Menschen vernichtet werden.»
Gandow sprach sich dafür aus, Möglichkeiten eines Verbots der selbst ernannten Kirche zu diskutieren: «Es muss endlich zur Kenntnis genommen werden, dass wir es hier mit Totalitarismus zu tun haben», argumentierte er und mahnte auch einer Auseinandersetzung der Kirchen mit dem Thema Scientology an: «Genauso wie mit der NPD oder dem Nationalsozialismus, weil Scientology eine Gefahr für die Religionsfreiheit ist.»
Die Hamburger Innenbehörde bestätigte unterdessen einen Bericht der «Berliner Zeitung» vom Montag, wonach die Tochter von Berliner Scientologen nach Hamburg geflüchtet sei. Das 14 Jahre alte Mädchen habe seine Eltern - die Mutter ist eine Scientology-Direktorin - in der Hauptstadt verlassen und Schutz beim Hamburger Jugendamt gesucht. Anlass sei der Ausstieg ihres elf Jahre alten Stiefbruders aus der Organisation gewesen, erläuterte die Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology Ursula Caberta. Ob den Eltern das Sorgerecht entzogen wird, müsse die Jugendbehörde entscheiden.
Die Berliner Oppositionsparteien CDU und FDP hatten am Montag ihre Forderung nach einer besseren Betreuung von Aussteigern aus der Organisation Scientology bekräftigt. Anlass war der Fall des Berliner Mädchens. Auch ein elf Jahre älterer Stiefbruder der 14-Jährigen hatte sich laut Behördenangaben abgesetzt. (nz/dpa)