24. Jun 2007 16:26
«East Coast Corner» ist ein rechter Szeneladen in Rostock. Das Geschäft befindet sich inmitten eines Viertels mit hohem Studentenanteil. Am Wochenende kam es zu Krawallen.
berichtet.
Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper flogen. Wilde Jagdszenen seien zu sehen gewesen, berichten Augenzeugen. Ruhe herrscht nach der Ankunft der Polizei aber noch lange nicht. Nicht einmal 200 Meter hinter der Polizeikette stehen etwa 20 Neonazis vor ihrem Laden und sprinten plötzlich los. Sie haben es auf einen Fotografen abgesehen. Einer der Rechten hält eine Holzlatte in der Hand, ein anderer eine Bierflasche als sie den Mann über die Straße jagen und auf der gegenüberliegenden Straßenseite an einer Hauswand stellen. Polizisten eilen herbei. Ein Mann in kurzer Hose und T-Shirt bückt sich und drückt schnell einen Teleskop-Schlagstock – auch Totschläger genannt – zusammen. «Er soll das Foto löschen!» fordert einer aus der Gruppe der Rechten. Nach einer kurzen Diskussion zieht sich der bewaffnete Trupp zurück vor das Ladengeschäft.
Ein Rostocker Ehepaar steht schräg gegenüber auf dem Gehweg und ist erschüttert. «Wir machen uns große Sorgen um unsere Tochter, die wohnt hier um die Ecke und muss noch nach Hause. Wir wissen gar nicht wo sie ist», sagt der Ehemann mit Basecap auf sein Fahrrad gestützt. Seine Frau wird böse: «Ich habe kein Verständnis für so einen Laden. Der gehört dichtgemacht!» Das fordert den Widerspruch von Andreas B. heraus, der 44jährige mit den raspelkurzen blonden Haaren steht in Jeansjacke und T-Shirt an einer Laterne und meint: «Was soll das denn. Sowas muss eine Demokratie aushalten. Diktatur hatten wir lange genug!» Seiner Meinung nach müsse man den Laden einfach ignorieren. «Wenn da keiner einkauft, gehen die auch pleite», ist er sich sicher. Alles was radikal ist findet er daneben.
Die drei an der Straßenlampe streiten weiter. Für seinen Laden kämpft Torsten D., der mitten in der Nacht mit knapp 20 Gleichgesinnten seinen Laden schützen will. Er kommt zu einer Gruppe Journalisten und sagt: «Die kriegen uns aus dem Viertel hier nicht mehr raus. Hier wird die Machtfrage gestellt und wir sind bereit zu antworten», gibt sich der glatzköpfige Mann in der blauen Jacke mit dem Everlast-Aufdruck entschlossen. Die Linken seien am Ende ihrer Kräfte ist er sich sicher. «Wir werden jetzt unsere Kontakte spielen lassen. Und dann werden hier jede Woche Leute anrollen. Rostock wird zur Frontstadt!» Kontakte in die NPD und vor allem die Freien Kameradschaften seien das.
«Wir wollen eigentlich nur Klamotten verkaufen. Wir sind radikal, aber nicht militant. Wir haben sogar mit den Punkern von gegenüber gesprochen, bevor wir den Laden aufgemacht haben», erklärt D. mit fester Stimme. Das Verhältnis zu allen Nachbarn sei friedlich und gut. Für mindestens fünf Jahre will D. bleiben, so lange läuft der Vertrag für das Geschäft, plus drei Jahre Option. Das wollen die Demonstranten ein paar Meter weiter verhindern.
Noch immer stehen mehr als 100 Personen der mittlerweile verstärkten Polizei gegenüber. Ein Hubschrauber kreist knatternd über der Szenerie und wirft einen blendend hellen Lichtkegel auf den Platz. Um elf Minuten nach eins hatte schon einmal eine Lautsprecherstimme verkündet: «Diese Ansammlung ist rechtswidrig. Entfernen sie sich in Richtung Doberaner Platz!» Flaschen rollten klirrend über die Straße und die Hunde der Einsatzstaffel kläfften.
Die Aufforderung wurde dreimal wiederholt und ergänzt: «Platzverweise werden durch Ingewahrsamnahme und Ausübung unmittelbaren Zwangs durchgesetzt.» Was das heißt ist wenig später klar: Polizisten stürmen vor und greifen gezielt einzelne Demonstranten heraus. Jetzt fliegen wieder viele Flaschen, es wird laut und unübersichtlich. Die Beamten greifen hart durch
Die Bilanz: 14 Polizisten und mehrere Randalierer werden verletzt. 40 Personen sowohl aus der linken als auch aus der rechten Szene werden festgenommen, apäter aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Gegen sie werde wegen schweren Landfriedensbruchs, Sachbeschädigung, Körperverletzung und Widerstandes gegen Beamte ermittelt, teilte die Polizei mit.
Die Bundespolizei schickt zur Unterstützung ihren Gefangentransporter, der polizeieigene kann das Aufkommen nicht bewältigen. Einige beklagen sich über unmäßige Härte der Polizisten. Manchen der Beamten merkt man den Unmut über die Situation an. Ein bärtiger Polizist ärgert sich unter seinem schweren Helm über das «rechte Politikum» und hat «auch keine Lust hier mit dem Rücken zu denen zu stehen».“
Um kurz vor drei will die Polizei die Straße endlich freibekommen. Aus dem Lautsprecher wird der Einsatz von Reizmitteln, sprich Tränengas und Pfefferspray, angedroht und dann setzt sich die Polizeikette unvermittelt in Bewegung. Die verbliebenen Demonstranten stieben auseinander, die Polizisten hinterher. Auch die Seitenstraßen werden jetzt im Morgengrauen geräumt und dann gesichert.