Der etwas andere Globalisierungsgipfel07. Jun 2007 16:30, ergänzt 20:33  |  Protestaktion beim Kirchentag in köln | Foto: dpa |
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Der ganze Kirchentag ist ungefähr so teuer wie der Zaun in Heiligendamm. Das ist nur eine der Gemeinsamkeiten zweier eigentlich grundverschiedener Veranstaltungen. Domenika Ahlrichs berichtet aus Köln.
Sie kritisieren die Globalisierungspolitik, kämpfen für eine gerechtere Welt und gegen Armut. Sie sind Hunderttausende, und sie sind aus ganz Deutschland zusammen gekommen, um sich ein paar Tage lang gemeinsam stark zu fühlen. Nein, die Rede ist nicht von Heiligendamm oder Rostock: In Köln findet bis Sonntag der 31. Deutsche Evangelische Kirchentag statt.
«Ausgerechnet zur gleichen Zeit wie der G8-Gipfel», seufzt ein Jugendlicher, der nach Köln gekommen ist, obwohl die Freunde gerade in Mecklenburg-Vorpommern demonstrieren. Als das Datum des Kirchentags vor Jahren festgelegt wurde, ahnte niemand, dass die Vertreter der sieben mächtigsten Industrienationen und Russlands sich just zu diesem Zeitpunkt an der Ostseeküste treffen und das Interesse aller Globalisierungskritiker auf sich ziehen würden.Traditionell ist der Kirchentag der Ort, an dem es genau um die Themen geht, die nun auch in Heiligendamm auf der Tagesordnung stehen. Während dort jedoch geschützt vom zwölf-Millionen-Euro-teuren Zaun allein acht Mächtige das Wort haben, sind es in Köln gut 400.000 Menschen, die miteinander diskutieren – und singen, feiern, vortragen, zuhören. Allein die Summe, die für den Heiligendammer Zaun ausgegeben wurde, hätte in Köln fast gereicht, um die gesamte Großveranstaltung zu organisieren: 14 Millionen Euro.
Sättigendes «Leipziger Allerlei» Das Programmheft für die vier Tage ist 600 Seiten dick und umfasst Angebote zu so ziemlich allem, was christlich Engagierte interessiert. Ein Auszug: «Gerechtigkeit für die Gesellschaft», «Weltpolitik ermöglichen», «Glauben für die Menschen». Ganz zu schweigen von meditativem Tanz, Clown-Workshops und Fotoausstellungen über internationale Musiktheaterprojekte.Kölns katholischer Erzbischof Joachim Kardinal Meisner stichelte denn auch pünktlich zur Eröffnung des Evangelischen Kirchentags in seiner Stadt am Mittwoch, das Programm erwecke «den Eindruck eines 'Leipziger Allerleis'». Woraufhin Kirchentagspräsident Reinhard Höppner trocken konterte: «Als Ostdeutscher möchte ich dazu bemerken: Leipziger Allerlei ist ein sehr schmackhaftes Gericht – und es sättigt auch.»
Am Donnerstagabend sättigt der Kirchentag im übertragenen Sinne auch diejenigen, die sich hin- und her gerissen fühlten, sich gern in Heiligendamm dem Strom der Protestierenden angeschlossen hätten und dann doch nach Köln fuhren. «Globalisieurng neu denken», heißt der Programmpunkt lapidar auf Seite 214. Per Live-Schaltung an die Ostsee soll es einen «Ruf an den G8-Gipfel» geben. Statements kommen von Kirchentagspräsident Höppner, Bischof Wolfgang Huber, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Erzbischof Desmond Tutu aus Südafrika. Last but not least meldet sich auch die globalisierungskritische Organisation Attac zu Wort, vertreten durch Susan George aus Frankreich.Bundeskanzlerin Angela Merkel kann dann am Samstag erzählen, wie dieser Ruf der Hunderttausend bei den acht Mächtigen ankam. Sie wird den G8-Gipfel in Heiligendamm bereits beendet haben, wenn sie auf dem Kirchentag zum Thema «Weltwirtschaft gestalten» spricht. Sie wird sich den kritischen Fragen und sicherlich auch Vorwürfen ihrer Zuhörer stellen müssen. Denn dass die Abschlusserklärung des Gipfeltreffens im Sinne der Globalisierungskritiker ausfallen könnte, daran glaubt hier niemand.
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