Leere unter blauem Himmel
07. Jun 2007 13:55
 |  Futter für die TV-Kanäle: Küsschen bei Kaiserwetter zwischen Merkel und Frankreichs Staatschef Sarkozy
| Foto: dpa |
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Schnellboote, Straßenblockaden, Shakehands – mit dem G8-Gipfel-Drumherum füllen die Medien Stunden und Seiten. Doch nach Neuem fahnden die 5000 Journalisten vor Ort vergeblich, resümiert
Tilman Steffen.
G8-Gipfel in Deutschland – Das Polit-Ereignis des Jahres. Seit Monaten laufen die Vorbereitungen des Gastgebers, aber auch der Fernsehsender, Radio- und Zeitungsredaktionen. Klimaschutz, Armut in Afrika, der US-Raketenschild in Osteuropa, die gefährlichen Hedgefonds der Finanzwelt – all das sollte Thema sein bei den letzten Vorab-Gesprächen der Unterhändler und den drei Gipfel-Tagen im Seebad Heiligendamm. Tausende Journalisten sind für den Gipfel angemeldet und vor Ort. Nicht wenige davon berichten direkt vom weiträumig eingezäunten Tagungsgelände, auf dem die Staatsgäste am Donnerstagmorgen unter makellos blauem Himmel der Kanzlerin die Hand drücken durften.
Doch zur Sache zu berichten gibt es: nichts. Jedenfalls nichts Belastbares. Zu füllen sind aber Sendezeit und Zeitungsseiten trotzdem. Und die vor Ort agierenden Kollegen müssen ihre Daseinsberechtigungen erbringen. Themen der Artikel sind so die Scharmützel der Tausenden Gipfelgegner mit der Polizei (Schlagzeilen vom Donnerstag: «Gipfelgegner erreichen verbotene Zone», «G8-Gipfel erfolgreich blockiert»). Transportiert wird jede noch so kleine «angebliche Annäherung», die aus Kreisen irgendeiner Delegation «verlautet». Tenor: Die USA bewegen sich, in Richtung eines Klima-Abkommens, eines Abkommens «unter dem Dach» der Uno, wie von Gipfel-Gastgeberin und Kanzlerin Merkel als Ziel formuliert.
Auf und ab und Blair
Dabei hatte sich der sachbezogene Optimismus kurz vor dem Gipfelauftakt am Mittwoch noch einmal ordentlich zerlegt: «USA: Keine festgeschriebenen Ziele für alle Staaten möglich», funkte eine Nachrichtenagentur um 9:41 Uhr per Eilmeldung in die Redaktionen. Nachdem die Unterhändler ihre Vorab-Gespräche beendet hatten, hieß es mittags: «Hoffnung auf Klima-Kompromiss beim G8-Gipfel sinkt».
Als das Klima dann «Chefsache» war, begann der Reigen von Neuem: «Merkel ringt mit Bush um Einigung beim Klimaschutz», so eine Meldung, mit der keiner etwas falsch machen konnte – tut Merkel dies doch spätestens seit ihrem Amtsantritt. Den frühen Nachmittag dominierte der britische Premier Blair die Meldungen, der optimistisch verbreiten ließ, eine Einigung auf einheitliche Klimaziele sei zu erreichen («Blair hält Klima-Kompromiss für möglich»). Aus «Delegationskreisen» um Blair «verlautete», die Papiere seien noch nicht zu Ende verhandelt. Beruhigend zu wissen, dass sich die G8-Staatenlenker nicht nur zum Essen treffen.
Greenpeace-Rennen mit der Polizei
Wie zur Bestätigung vermelden die Gipfel-Beobachter später «Bewegung in der Klimadebatte», nachdem Gastgeberin Merkel mit US-Präsident Bush zusammengesessen hatte. Beide hätten sich «zuversichtlich gezeigt». Doch beim eigentlichen Knackpunkt Klimaschutz-Ziele herrscht bis heute unverändert Dissens. Die Meldung «USA und Japan sperren sich gegen Zielvorgaben gegen Klimakatastrophe» zerstört die Reste des aufgekommenen Optimismus erneut. Mit «Merkel geht entschlossen in G8-Verhandlungen zum Klimaschutz» verabschiedet der Medienapparat die Öffentlichkeit in die erste Gipfel-Nacht - Das Vakuum als Arbeitsnachweis. Die Grünen erklärten den Gipfel da bereits für gescheitert. Bei derartigem Inhaltsmangel ist dem Gipfel-Drumherum größte Medienaufmerksamkeit garantiert. Nur so kamen auch die eher banalen Scharmützel zwischen Polizei und Demonstranten zu großer Geltung. Am Donnerstag transportieren die Helikopter-Kameras des Nachrichtenfernsehens starke Bilder von Greenpeace-Schlauchbooten. Die haben es auf der vom Sonnenlicht glitzernden Ostsee in die Hochsicherheitszone geschafft. Die Polizei hetzt in Schnellbooten hinterher und versucht, die Umweltschützer abzudrängen. «Greenpeace-Schlauchboote dringen in Sperrzone um G8-Gipfel ein», konkretisiert die rot unterlegte Eilmeldung am Bildschirmrand. Eine der Umweltaktivistinnen schildert nebenher das Geschehen per Handy. Bilder wie aus dem Kino, ein Fest für einen Nachrichtensender, der die Bilder immer wieder zeigt.
Sarkozys Einstand
Eingang in die Inlands-Medien findet das Thema G8 so problemlos. Die für Ereignisse eingeplanten Sendezeiten und Druckseiten muss sich der Gipfel im Wesentlichen nur mit dem Kirchentag in Köln teilen, von dem die Reporter einigermaßen inhaltsreiche Bilder liefern. Die Zeitungen füllen die Sonderbeilagen mit den Blockade-Berichten, Fotos, Reportagen und Hintergrundartikeln.
Im Ausland interessiert sich hingegen kaum einer für den G8-Gipfel, ist das Ereignis doch bisher eine zutiefst deutsche Angelegenheit. Die Berichte der Auslandskollegen fanden meist nur in die Innenteile der Zeitungen. Auf britischen Titelseiten ging es nur um Premier Blair und seinen letzten Gipfelauftritt, in Frankreich auf den Einstand des neuen Präsidenten Sarkozy. Erst wenn sich die Gipfel-Resultate von den derzeit absehbaren Kompromissen unterscheiden, dürfte es auch auf den vorderen Seiten um Inhalte gehen.