netzeitung.deIm Revoluzzer-Express

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Auf diesen Schienen fährt derzeit nichts mehr - sie enden am Zaun von Heiligendamm (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Auf diesen Schienen fährt derzeit nichts mehr - sie enden am Zaun von Heiligendamm
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ein Zug, ein Ziel - und jede Menge junger Menschen aus verschiedenen Ländern: Michael Fengler ist mit G8-Gegnern nach Rostock gefahren.

«Ich werde Rostock nicht verlassen, ohne ordentlich Lärm gemacht zu haben», sagt Muhammad beim Aussteigen auf dem Rostocker Bahnhof. Als er das Begrüßungskommittee im Blau und Grün der Bundespolizei sieht, wird er aber schnell leiser. Die viel drängendere Frage jetzt: «Wie kommen wir nach Reddelich?» - einem der Camps für G8-Gegner.

Der junge Londoner hat kaum geschlafen. «Der Flug ging schon um sechs. Wir haben die Nacht durchgemacht. Na ja, ist ja nur ein Tag. Das war auch schon mal mehr.» Mit seinem britisch-pakistanischen Akzent sticht er aus der Gruppe heraus, die in Wagen zwei oben saß. Immer wieder hat er unvermittelt von seinem Buch aufgeschaut und von seinen vielen Camp- und Festivalerfahrungen berichtet.

Kennenlernrunde
Auf der Fahrt von Berlin Hauptbahnhof an die Ostsee hat sich der Regionalexpress in eine fahrende Kennenlern- und Diskussionsrunde verwandelt. Stapelweise Rucksäcke, eingerollte Zelte und Isomatten in einigen Abteilen, dazwischen Menschen irgendwo zwischen Abitur und Anfang 30. In drei von vier Waggons sitzen Leute wie Joanna, Andreas, Mika, Muhammad und Jan, die alle ihren Nachnamen nicht sagen wollen, aber sonst viel zu sagen und zu diskutieren haben. «Wir müssen doch was tun!» - heißt es immer wieder.

In einem Fenster von Wagen drei steht auf einem blauen Plakat unverhohlen: «Block G8». Eine Berliner Demo-Abordnung diskutiert selbst auf dem Bahnsteig in Waren - der einzigen Chance auf eine hastige Zigarette an frischer Luft - die Demonstrationsverbote rund um den G8-Tagungsort Heiligendamm. «Ich würde das bis zum Verfassungsgericht durchklagen», gibt sich Jan kämpferisch und dreht dabei schnell seine Zigarette fertig. Andreas hält vom Rechtsweg weniger: «Was soll's – wenn die uns nicht lassen, dann setzen wir uns trotzdem dahin. Wie wollen die uns denn aufhalten?»

Nicht mit den Polizisten anlegen
Darauf hatte Polizeichef Knut Abramowski schon eine Antwort. Wenn es nach ihm ginge, dann solle man sich besser nicht mit seinen Polizisten anlegen. Das ist bis hierher noch nicht vorgedrungen. Bei Keksen, Tee, Kaffee und Limo tauschen sich die Jungs und Mädchen über Feinheiten bei Sitzblockaden aus. Politisch verorten sich die Revoluzzer im Regionalexpress «irgendwo links, aber der Spaß in den nächsten zehn Tagen ist viel wichtiger», mein Jan. Das Angebot ist ja auch recht groß: Kunst im öffentlichen Raum, 120 Workshops beim Alternativgipfel - und jede Menge Podien und Konzerte.

Einige der Gipfelgegner sind müde von der langen Anreise, andere ganz aufgekratzt. Mika aus Finnland ist einer der Aufgeregten. Unter seiner schief sitzenden Mütze sprudelt es hervor. Von 16.000 Polizisten habe er gehört und dem massiven Zaun, der wie einst die Berliner Mauer sei. Aber «eigentlich freue ich mich auf das Camp. So viele coole Leute und immer was zu tun», sagt Mika und grinst.

Auf dem Oberdeck von Wagen zwei hat er schon seine «coolen» Leute gefunden. Eine bunte Truppe, zusammengewürfelt auf dem Flughafen Schönefeld, auf dem sie alle gelandet sind, um dann «irgendwie drei Stunden unterwegs zu sein.», wie Joanna aus Barcelona meint.

Aus Portugal, Frankreich, Finnland und Großbritannien sind sie, ihre lingua franca Englisch in den verschiedensten Färbungen. Die Zugbegleiterin steuert derweil immer wieder lässig durch die vollen Gänge, lächelt und ermahnt freundlich, doch bitte nicht die beschuhten Füße auf die Polster zu packen. «Foot, please» und ein mahnend winkender Zeigefinger. Lachen auf beiden Seiten. In einem Gruppenticket fehlt ein Name. «Name, please. There», und der Zeigefinger huscht kurz über das Ticket, der Kugelschreiber kommt freundlich hinterher.

Alles ganz entspannt. Rostock kennt noch keiner, aber die anderen Gipfelorte an denen sie schon waren, kannten sie vorher auch nicht. Muhammad erinnert sich noch ganz genau an Genua, aber nicht, weil die Stadt so schön war, sondern «weil wir richtig Action hatten!». Kurze skeptische Blicke, das Thema wird nicht vertieft. Muhammad kratzt sich ein bisschen verlegen unter seiner bunten Jamaika-Mütze. In Genua kam damals ein junger Demonstrant zu Tode.

Kurze Action gibt's noch mal knapp vor dem Ziel: Alle wollen plötzlich aussteigen, aber ein beherzter Mitreisender kann die zehn Leute in Schwaan, einem kleinen Dorf irgendwo im nirgendwo kurz vor Rostock, noch davon abhalten auszusteigen. Wieder Lachen und ein bisschen Erleichterung. Dann Rostock, der Revoluzzer-Express leert sich.