Im Revoluzzer-Express
01.06.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Der junge Londoner hat kaum geschlafen. «Der Flug ging schon um sechs. Wir haben die Nacht durchgemacht. Na ja, ist ja nur ein Tag. Das war auch schon mal mehr.» Mit seinem britisch-pakistanischen Akzent sticht er aus der Gruppe heraus, die in Wagen zwei oben saß. Immer wieder hat er unvermittelt von seinem Buch aufgeschaut und von seinen vielen Camp- und Festivalerfahrungen berichtet.
In einem Fenster von Wagen drei steht auf einem blauen Plakat unverhohlen: «Block G8». Eine Berliner Demo-Abordnung diskutiert selbst auf dem Bahnsteig in Waren - der einzigen Chance auf eine hastige Zigarette an frischer Luft - die Demonstrationsverbote rund um den G8-Tagungsort Heiligendamm. «Ich würde das bis zum Verfassungsgericht durchklagen», gibt sich Jan kämpferisch und dreht dabei schnell seine Zigarette fertig. Andreas hält vom Rechtsweg weniger: «Was soll's wenn die uns nicht lassen, dann setzen wir uns trotzdem dahin. Wie wollen die uns denn aufhalten?»
Einige der Gipfelgegner sind müde von der langen Anreise, andere ganz aufgekratzt. Mika aus Finnland ist einer der Aufgeregten. Unter seiner schief sitzenden Mütze sprudelt es hervor. Von 16.000 Polizisten habe er gehört und dem massiven Zaun, der wie einst die Berliner Mauer sei. Aber «eigentlich freue ich mich auf das Camp. So viele coole Leute und immer was zu tun», sagt Mika und grinst.
Auf dem Oberdeck von Wagen zwei hat er schon seine «coolen» Leute gefunden. Eine bunte Truppe, zusammengewürfelt auf dem Flughafen Schönefeld, auf dem sie alle gelandet sind, um dann «irgendwie drei Stunden unterwegs zu sein.», wie Joanna aus Barcelona meint.
Alles ganz entspannt. Rostock kennt noch keiner, aber die anderen Gipfelorte an denen sie schon waren, kannten sie vorher auch nicht. Muhammad erinnert sich noch ganz genau an Genua, aber nicht, weil die Stadt so schön war, sondern «weil wir richtig Action hatten!». Kurze skeptische Blicke, das Thema wird nicht vertieft. Muhammad kratzt sich ein bisschen verlegen unter seiner bunten Jamaika-Mütze. In Genua kam damals ein junger Demonstrant zu Tode.
Kurze Action gibt's noch mal knapp vor dem Ziel: Alle wollen plötzlich aussteigen, aber ein beherzter Mitreisender kann die zehn Leute in Schwaan, einem kleinen Dorf irgendwo im nirgendwo kurz vor Rostock, noch davon abhalten auszusteigen. Wieder Lachen und ein bisschen Erleichterung. Dann Rostock, der Revoluzzer-Express leert sich.

