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Herrlich, dieses Kempinski

31. Mai 2007 13:18
Das Hotel ruht sich kurz vor seinen interessanten, aber anstrengenden Gästen aus
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Matthias Dell hat eine Nacht im Grand Hotel von Heiligendamm verbracht, bevor Angela Merkels Gäste dort einziehen.

Bilderschau:
Das Überraschende bei der Ankunft im Kempinski Grand Hotel Heiligendamm liegt darin, dass wir begrüßt werden wie ein alter Bekannter. Der Name, auf den das Zimmer vorbestellt ist, tönt vertraut aus dem Munde des Rezeptionisten. Unser Zimmer liegt im dritten Stock des Grand Hotels, Classic, King-Size-Bett, Marmorbad, Dusche und Wanne, 30 qm, Seeblick. Der kostet 85 Euro extra, ist es aber wert: vor uns nur das satte Grün des gestutzten Rasens, die Seebrücke, das Meer.

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Vor und nach dem Saunabesuch

Das Fenster zum Meer, das sich nur nach außen öffnen lässt, ist sicherlich kein Ruhmesblatt des Hotels. Wie aber verhält es sich mit den blank geputzten Knäufen der Dusche, in denen der Gast sich spiegelt, wenn er auf dem Klo sitzt? Ist das ein raumausstatterisches Waterloo, weil doch die wenigsten Menschen, vorteilhaft aussehen, wenn sie auf dem Klo sitzen?

Wir begeben uns auf eine erste Suche nach dem Zaun. In Richtung Warnemünde verlieren wir schnell die Lust am Suchen, da am Horizont unserer Wahrnehmung nichts zu sehen ist. Wir finden den Zaun übrigens am nächsten Morgen nach 20 Minuten Fußmarsch in Richtung Kühlungsborn. Etwas stutzig macht uns - man kriegt den Pauschaltouristen eben nicht aus einem raus - dass gleich neben dem herausgeputzten Haus Grand Hotel eine ganze Reihe unsanierter, ja, verfallener Häuser steht, die wir höchstens im vorpommerschen Anklam vermutet hätten. Das fällt dann doch schwer zu glauben, dass der internationale Jet-Set für solche Tristesse aus dem wahren deutschen Osten Verständnis aufbringt.

Die Bibliothek in der Burg Hohenzollern animiert mit dem Text: «Mal wieder in Ruhe ein gutes Buch lesen: Einen Klassiker wie Goethes Faust. Oder eine aufregende Biographie über Romy Schneider.» Unser Blick streift über Biographien von Henry Kissinger und Dieter Hildebrandt, ein paar Kröner-Ausgaben von antiken Philosophen und die Tucholsky-Werkausgabe von Volk und Welt. Nach dem Abendessen, einem Saunabesuch und einem Bier in der «Nelson Bar» schauen wir noch etwas fern. Absurd: Man sitzt im Kempinski Grand Hotel Heiligendamm und sieht im Fernsehen das Kempinski Grand Hotel Heiligendamm.

Diese Medialisierung unseres Aufenthalts verfolgt uns auch am nächsten Morgen beim Frühstück. In der Tageszeitung, die in einer extra schmalen Plastiktüte mit den besten Empfehlungen der Hotelleitung an der Zimmertür hing (neben den in der Nacht vom Sand gereinigten Schuhen), lesen wir einen Bericht über Kurt Schwarz. Kurt Schwarz war früher DDR-Nationaltrainer der Sportschützen und wird während des G 8-Gipfels als Wildhüter in Erscheinung treten. Er kennt Heiligendamm seit 1973. Kurt Schwarz, wie er da so erzählt, symbolisiert die Welt da draußen. «Einmal», wird Kurt Schwarz zitiert, «war ich auch privat im Kempinski. In der kleinen Baltic-Bar. Zum Eisessen. Zehn Euro. Ist schon teuer. Aber das Eis hat wirklich geschmeckt! Herrlich!»

Geld spielt keine Rolle

Wir wollen nicht leugnen, dass auch in uns ein Stück Kurt Schwarz steckt. Aber irgendwann begreift man, dass die Welt der Grand Hotels eine reale Utopie ist. Die Angestellten grüßen aufmerksam, jedoch unaufdringlich, wenn man ihnen auf dem Gelände begegnet, durch das man sich mit einer weißen Chipkarte mühelos bewegt. Man wird nicht scheel angeschaut, nur weil man ohne Krawatte und Anzug zum Abendessen erscheint. Und Geld spielt keine Rolle - weil es hier alle haben. Leider nur hier, und leider gibt es keine Bedienung ohne einen, der bedient.

Die letzten 'normalen' Gäste reisen ab
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Dennoch: Zum utopischen Gehalt von Heiligendamm gehört, dass man mit den Angestellten zwanglos ins Gespräch kommen kann. Das ältere Ehepaar am Nebentisch unterhält sich munter mit der allein erziehenden Kellnerin des Frühstücksbüfetts. Nachdem die Kellnerin von ihrem Sohn erzählt hat, der in den Kindergarten geht, während sie hier arbeitet, sinniert der ältere Herr: «Kindergarten, das ist doch was, wovon jetzt immer die Rede ist.» Das Problem der Kinderversorgung scheint ihm nach dem Plausch um vieles klarer, als zwanzig «Christiansen»-Sendungen es machen könnten. «Als berufstätige Mutter braucht man einen Kindergarten. Oder keine Kinder.»

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Mittags steht eine Hausführung auf dem Programm. Erstaunlicherweise wird auch über Preise gesprochen. Das gibt der Tour etwas Butterfahrthaftes, wie überhaupt unsere Vorstellung von Diskretion dadurch getrübt wird, dass man sich in dem Hotel, in dem man ein Zimmer belegt, fremde Zimmer anschaut. Solche Führungen hätten wir für eine Domäne des Pauschaltourismus gehalten.

Jean-Claude Christis Erbe

Der Rundgang endet bei Freiherr von Schleinitz. Sein Vortrag über die Geschichte Heiligendamms muss als Höhepunkt unseres Aufenthaltes gelten. Freiherr von Schleinitz stammt aus der Gegend («Bis ich 11 Jahre alt war, habe ich in Mecklenburg gelebt, und ich kann ihnen sagen: Es war das Paradies») und hat sein Arbeitsleben in der internationalen Hotellerie verbracht – verfügt also über jede Menge Credibility, wie wir Journalisten-Rapper sagen.

Rasch wird klar, dass Freiherr von Schleinitz ein Mann ist, der sich nur dem Schönen verpflichtet fühlt. Zu einem Bild, auf dem Hitler und Mussolini in einer stolzen Karosse in Heiligendamm posieren, sagt er: «Das Foto zeige ich ihnen nicht wegen der beiden Banausen da hinten, sondern wegen des Maybach. Da geht einem das Herz auf.»

Ohne Polizei geht derzeit nichts in Heiligendamm
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Im Falle der unsanierten Strandvillen, gegen deren Abriss denkmalschützerische Argumente ins Feld geführt werden, gibt Freiherr von Schleinitz zu bedenken, dass nach dem Krieg in buntem Durcheinander aufgebaut wurde. Einen zu sanierenden Originalzustand gebe es also gar nicht mehr, was für den interessierten Zuhörer ein wenig im Widerspruch zu dessen freudigen Bemerkung stehen mag, dass die Pläne für die sanierten Häuser allesamt erhalten waren.

Seinen mit Witz garnierten Vortrag – ein Bild von dem entkernten und eingeplanten Haus Grand Hotel versieht er mit dem Hinweis, dass es sich nicht um ein Kunstwerk von «Jean-Claude Christi» handele – schließt Freiherr von Schleinitz nicht zufällig mit dem Wort «Lebensqualität». Zu der gehört freilich auch der reiche Kulturraum, in dem Heiligendamm liegt, und den Freiherr von Schleinitz durchaus gravitätisch durchmisst, berühmte Namen wie Hans Fallada nennend («dessen Bücher Sie kennen, auch wenn Sie sie nicht gelesen haben»). Am Rande erwähnt Freiherr von Schleinitz dann auch das Geld, von dessen Zwängen wir uns hier frei glaubten. Beteiligungen am Grand Hotel seien ab 25.000 Euro möglich, bei Interesse könne man sich gern an ihn wenden.

Eine Langfassung des Artikels ist in der Wochenzeitung «Freitag» zu lesen.

 
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