Hiddensee will nächsten G8-Gipfel
30. Mai 2007 15:26
 |  Das ist der Gipfel: Zwölf Kilometer Zaun um ein Hotel
| Foto: dpa |
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Vor Jahren trafen sich die G8-Mitglieder noch in Großstädten wie Genua. Um unliebsame Demonstranten fernzuhalten, kommen jetzt die Zugspitze oder Inseln ins Gespräch.
Tilman Steffen hat dort nachgefragt.
Für dieses Mal gibt es kein zurück mehr aus Heiligendamm: Der zwölf Kilometer lange Zaun hat Millionen gekostet, die Polizei hat die Einsatzkommandos bezogen, Küstenschutz der Bundeswehr kreuzt vor dem Ostseebad. 1100 Soldaten stellt Deutschland für den Schutz der Staats- und Regierungschefs der großen Industrienationen und Russlands ab, die sich kommende Woche hinter den Zaun zu ihrem Jahrestreffen zurückziehen sollen. Die unvorstellbare Summe von rund 100 Millionen Euro soll das Spektakel und seine Absicherung kosten – von dem nicht sehr viele konkrete Ergebnisse zu erwarten sind. Theo Waigel ist vor allem der Aufwand für den Gipfelschutz entschieden zuviel. Der frühere Finanzminister der Kohl-Regierung plädiert dafür, künftige Gipfel an möglichst menschenleere Orte zu verlegen.
Wegen der großen Angst vor Anschlägen oder randalierenden Demonstranten lässt der Staat kein Mittel ungenutzt: Der Luftraum über Heiligendamm ist für kommerzielle Flüge gesperrt, 16.000 Polizisten gehören zu einer nach der griechischen Stadt «Kavala» benannten Sondereinheit. Vor Gericht kämpfen sich gipfelkritische Gruppen Meter um Meter an den Versammlungsort heran – die Polizei hatte eine kilometerbreite Bannmeile verhängt.
 |  Der Zaun im Bau | Foto: dpa |
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Der kilometerlange Metallzaun soll das Tagungsgelände vor Gipfel-Gegnern schützen. Für das Bollwerk musste eine regionale Schlosserei den ganzen Winter durcharbeiten, wie Betriebschef Frank Neumann der «Taz» sagte. Seit Mittwoch ist der Zaun nun zu - bis 9. Juni dürfen nur noch an zwei Stellen Menschen mit besonderen Genehmigungen passieren.
Rühe war ein Leichtes
Waigel hält diesen Aufwand für nicht gerechtfertigt: «Wenn das so weiter geht, bleibt nichts anderes übrig, als diese Gipfel dorthin zu verlegen, wo keine Demonstrationen möglich sind», sagte der CSU-Politiker im Bayerischen Rundfunk. Auch Ex-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hatte auf Netzeitung.de die Entscheidung für Heiligendamm bemängelt. «Bei der Wahl des Ortes dürfen keine Wahlkreis- Interessen ausschlaggebend sein.» Der Petersberg bei Bonn etwa wäre viel geeigneter gewesen, so die Liberale. Auch Waigel liefert gleich Alternativen mit: «Dann müssen wir also in Deutschland auf die Zugspitze gehen oder nach Hiddensee oder nach Helgoland.»
 |  Harter Weg zum Gipfgel - Auf der Zugspitze | Foto: dpa |
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Auf der Zugspitze kann bis in den Sommer hinein Schnee liegen – was Eskalationen eher unwahrscheinlich macht. Die Inseln sind – im Gegensatz zum Küstenort Heiligendamm – bekanntermaßen mit Wasser umgeben, die Globalisierungsgegner müssten auf Boote umsteigen, um zum Gipfelort vorzudringen. Auf Hiddensee stößt Waigels Inseldenken durchaus auf Sympathie. Bürgermeister Manfred Gau zeigt sich zunächst überrascht: «Wenn wir von solch großen Politikern benannt werden, müssen wir schon sehr interessant sein», sagt der 52-Jährige auf Netzeitung.de. Der hauptberufliche Reedereikapitän - von seinem Bürgern frei gewählt - erinnert sich an einen Besuch des früheren Verteidigungsministers Volker Rühe auf dem teils nur wenige Hundertmeter schmalen Ostsee-Eiland. Dies abzusichern, «war ein Leichtes für die Polizei».
Insel im Gespräch halten
Zu kontrollieren sind hier neben zahlreichen geschützten Seevögeln lediglich 1100 Insulaner, die sich auf wenige Siedlungen verteilen. Die Ruhe und Abgeschiedenheit der Insel hat viele Künstler und Wissenschaftler angelockt. Von Waigel inspiriert, liebäugelt Gau nun mit dem kommenden deutschen G8-Gipfel 2015. «Wenn die Staatschefs in Ruhe tagen wollen, bietet sich Hiddensee förmlich an.»
Fünf Längengrade weiter westlich herrschen ähnlich demonstrations-unfreundliche Bedingungen wie auf Hiddensee. Frank Botter wartet als Chef des Gemeindeamts zwar immer nach Chancen, seine Insel im Gespräch zu halten. Vor allem den in Heiligendamm notwendigen Zaun könne man sich sparen, sagt der 49-Jährige. Doch der nicht mal zwei Quadratkilometer kleine Flecken Erde sei mit einem Gipfel schnell überfordert, die Bettenkapazität der Insel reiche keinesfalls aus, sagt Botter, auf Waigels Vorschlag angesprochen.
Hardliner Waigel
Die derzeit 1309 Helgoländer leben ausschließlich vom Tourismus – 450.000 Besucher kommen pro Jahr hierher. Die zu erwartende Komplettkontrolle der Insel durch Sicherheitskräfte würde den Ort ruinieren. «Wenn man Helgoland wochenlang dicht macht, sind wir wirtschaftlich Pleite.» Ein Event, eine Nummer kleiner als der G8-Gipfel, wäre ihm lieber, sagt Botter. «Wir warten auf die Anrufe aus Berlin.»
 |  Waigel (l.) mit Kohl und Stoiber | Foto: dpa |
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Waigel geht es mit seiner Suche nach alternativen Orten vordergründig um die Kritik am Gipfel, die ihm sichtlich suspekt ist. «Niemand kann sich auf Dauer diese Gegenstimmung leisten, die ja irrational begründet ist und im Gipfel selbst eigentlich den Grund nicht finden kann.» Doch der Protest ist darauf angewiesen, sich auf konkrete Symbole der Globalisierung zu konzentrieren, wie der Gipfel es nun mal ist. Er selbst könne den Protest der Globalisierungsgegner nicht akzeptieren, sagt Waigel. Denn «es gibt zur Globalisierung keine Alternative».
Fallerslebens Deutschlandlied
Globalisierung deshalb, wie Waigel es verlangt, trotz unbestrittener Nachteile vollkommen kritiklos hinzunehmen, will Botter nicht. Seine Insel hält er für einen G8-Gipfel auch deshalb für ungeeignet, weil Protest gegen solche Veranstaltungen möglich bleiben müsse. Botter holt etwas aus und erinnert an die ereignisreiche Geschichte der Insel, das eigentlich gar nicht mehr existieren dürfte: Wollten doch die Briten kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs der Insel den Rest geben, indem sie ihre überzählige Munition unter dem Insel-Wahrzeichen zündeten. Die «Lange Anna» - so wird die Insel auch genannte - wankte, aber stand.
Mindestens ebenso stolz ist Botter darauf, dass das Deutschlandlied auf seiner Insel entstand. Recht und Freiheit seien den Helgoländern wichtige Werte. Trotz allen Verständnisses für die Sicherheitsmaßnahmen sieht er durch Gipfelzaun und Bannmeilen in Heiligendamm demokratische Grundrechte bedroht: «Wenn man Leute mundtot machen will, muss man es so machen wie jetzt.»