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Die scheinheilige Familie

01. Mai 2007 10:14, ergänzt 02. Mai 2007 10:11
Erzieherin in einer Krippe spielt mit Kindern
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Was steckt hinter der erregten Debatte um mehr Kita-Plätze? Sabine Pamperrien über einen Streit, der immer mehr zur Glaubensfrage wird.

Mit ihrem Vorstoß für eine verbesserte Kleinkinderbetreuung in Deutschland hat Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) die Debatte dieses Frühjahrs entfacht. Seitdem wird heftig darüber diskutiert, ob Kinder Schaden nehmen, wenn sie zu früh in staatliche Obhut gelangen. Walter Mixa, ein bis dato unbekannter katholischer Bischof, wurde über Nacht berühmt mit dem Ausspruch, von der Leyen degradiere Frauen zur «Gebärmaschine». Erst am Freitag sprengten mehrere Demonstranten eine Bundestagssitzung zur Kita-Frage. Dabei entrollten sie ein Transparent mit der Aufschrift «Die Wünsche der Wirtschaft sind unantastbar.»

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Das Thema polarisiert. In der Tat intendieren die aktuellen familienpolitischen Maßnahmen eine Steigerung der Geburtenzahlen ohne dabei der Volkswirtschaft hochqualifizierte junge Frauen zu entziehen. Ausgangspunkt der Reformvorschläge aus dem Familienministerium war, wie schon beim Elterngeld, der siebente Familienbericht, den eine Sachverständigenkommission noch auf Betreiben der Vorgängerregierung erstellt und im August 2006 veröffentlicht hatte. Aus dem Vergleich mit anderen führenden europäischen Nationen ergab sich dabei für Deutschland ein bedrückendes Bild.

«Deutschland hat anders als andere europäische Länder den rasanten Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft in seinen Politiken verschlafen,» fasst der Bericht zusammen. Obwohl die Ausgangsbedingungen in allen Ländern angesichts des allgemeinen Geburtenrückgangs ähnlich gewesen seien, hätten sich große Unterschiede entwickelt.

Der gravierendste Unterschied ist das Familienleitbild. Zwar gilt überall die so genannte Kernfamilie mit Vater, Mutter, Kind als Ideal, doch trägt insbesondere in Nordeuropa die auf ökonomische Gleichstellung von Mann und Frau ausgerichtete Gleichstellungspolitik der realen Pluralisierung der Lebensformen Rechnung. In Deutschland gilt immer noch die Alleinverdiener-Ehe als Normalfall, obwohl die Lebenswirklichkeit längst anders aussieht.

Da es zu wenig Betreuungsplätze für Kinder gibt, sind die meisten Frauen hierzulande gezwungen, für ihre Kinder zuhause zu bleiben. Viele Frauen entscheiden sich gegen Kinder, weil sie vor den Unwägbarkeiten der ökonomischen Abhängigkeit und den Folgen einer Trennung Angst haben. Zudem ist es in Deutschland weitaus schwieriger, nach der Elternzeit wieder ins Erwerbsleben einzusteigen.

Kernfamilie eine heilige Institution

Für Bischof Mixa und seine Jünger erscheint dieser Zustand gottgewollt. Die Kernfamilie mit der Frau als fürsorglicher Mutter gilt danach als heilige Institution, die der Staat zu schützen hat. Ein Teil der CDU/CSU hält an diesem Bild fest, um die traditionelle Wählerschaft nicht zu verprellen. Dabei ist allerdings ziemlich offensichtlich, dass hier nicht nur religiöse Empfindungen geachtet werden, sondern auch die ökonomischen Vorteile des Ehegattensplittings gesichert werden sollen. Immerhin gehe es um 22 Milliarden Euro Steuervorteile, die die Nichtbeschäftigung der Gattinnen einbringe, errechnete die «Zeit» im vergangenen Jahr. Das mache «pro Hausfrau» monatlich bis zu 1000 Euro.

Das veraltete Leitbild führt dazu, dass die Struktur der finanziellen Leistungen für Familien in Deutschland geeignet ist, Familiengründungen eher zu behindern als zu fördern. Neben dem Ehegattensplitting erwähnt der Familienbericht die Zahlung von Kindergeld bis zum 27. Lebensjahr. In Frankreich erhalten erwachsene Kinder erst dann Geld aus der Familienkasse, wenn sie selbst eine Familie gründen. Das habe schon die DDR erfolgreich praktiziert.

Das Reizwort «DDR» weckt in der aktuellen Debatte die schlimmsten Aversionen. Mit der Doppel-Verdiener-Ehe fröne von der Leyen sozialistischen Idealen, wetterte Bischof Mixa. Und: „Die DDR hatte die höchste Dichte an Kindertagesstätten und zugleich die niedrigste Geburtenrate in Europa.“ Das wäre doch ein Argument! Nur leider stimmt es nicht. Seit Beginn der 70er Jahre betrieb die DDR eine durchaus erfolgreiche Familienpolitik. Die Geburtenrate lag seit 1974 durchgehend weit über der westdeutschen. Das Angebot an Krippenplätzen trug dazu bei.

Debatte ideologisch aufgeladen

Doch hatten nicht in der DDR Menschen nur deshalb so früh Kinder in die Welt gesetzt, weil ihnen erst dann eigener Wohnraum zustand? Wurden mit den finanziellen Anreizen, die lange Jahre lang so erfolgreich zum Kinderkriegen animierten, die Kinder nicht zum reinen Mittel zum Zweck degradiert? Die flächendeckend vorhandenen Krippenplätze ermöglichten doch nur, sich der
familiären Verantwortung für den Nachwuchs bereits vom Säuglingsalter an zu entledigen?

Ideologisch aufgeladen ist die Diskussion spätestens, seit erstmals die gravierenden sozialen Probleme zwischen Mecklenburg und Thüringen mit der ostdeutschen Mentalität begründet wurden. Fatale Folgen der „Gruppenerziehung Ost“ haben mit großem publizistischen Erfolg schon vor Jahren der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz und der Kriminologe Christian Pfeiffer dargelegt.

Maaz diagnostizierte bereits unmittelbar nach der Wende einen durch die autoritäre Erziehung verursachten «Gefühlsstau». Das gleichnamige Buch wurde ein Bestseller. Die zu festen Zeiten gemeinsam auf das Töpfchen gesetzten Krippenkinder wurden zum Sinnbild der Repression freier Persönlichkeitsentfaltung, die letztlich zum Scheitern in der neuen Freiheit führt. Pfeiffer inspirierten solche Dressurakte zu seinen Thesen über die Ursache der fremdenfeindlichen Kriminalität in Ostdeutschland. Nicht die wirtschaftliche Krise bewirke die Radikalisierung ganzer Bevölkerungsschichten, sondern die Folgen der frühkindlichen Depravation.

«Rache der unterlassenen Gegenprobe»

Der Publizist Dieter E. Zimmer machte sich angesichts solch griffig vorgetragener Vorurteile gegen ein ganzes Volk schon vor Jahren über die «Rache der unterlassenen Gegenprobe» lustig. Trotzdem wird die frühe Trennung von Mutter und Kind immer wieder für gravierende psycho-soziale Probleme verantwortlich gemacht. Nicht nur Bischof Mixa behauptet, Fremdbetreuung sei grundsätzlich schädlich für die Entwicklung. Eva Herman tingelt durch Talkshows und prophezeit deutschen Kindern Hospitalismus und Gehirnschäden als Folgen der Krippenunterbringung.

Dabei kann sie sich sogar auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen. Die ersten drei Lebensjahre sind sowohl für die Bindungsfähigkeit als auch die Entwicklung der Intelligenz für das ganze Leben entscheidend. Kinder, die ohne Bezugspersonen und ohne Anreize von außen aufwachsen, erleiden irreversible Schäden. Wer erinnert sich nicht an die schwer traumatisierten kleinen Opfer des Kommunismus in rumänischen Kinderheimen. Doch auch hier suggeriert die Fixierung auf Perversionen des Ostblocks falsche Schlüsse. Umfassende Studien in Europa und Nordamerika konnten keine Belege für die befürchteten Verhaltensstörungen bei ehemaligen Krippenkindern finden.

Berufstätige Mütter beschreiben es als Wermutstropfen, nicht genug von ihren Kindern mitzuerleben. Wird also zu Lasten der Familie ein natürliches Bedürfnis der Frau unterdrückt, ganz und gar Mutter zu sein? Statistisch gesehen zeigt die deutsche Mutter in der Tat unter allen europäischen Müttern die geringste Präsenz am Arbeitsmarkt. Mit ihren Kindern verbringt sie täglich 20 Minuten länger als Eltern in Nachbarländern und leistet exakt eine Minute mehr Hausarbeit am Tag. Der Familienbericht, der diese Zahlen ermittelte, untersuchte dann, wo denn die durch die Berufsaufgabe gewonnene Zeit investiert wird. Das Ergebnis: persönliche Freizeitgestaltung.

20 Minuten mehr für die Kinder

Aber immerhin: 20 Minuten mehr für die Kinder. Doch dazu gibt es noch eine andere Studie, die hierzulande für Wirbel sorgte. Auch für die PISA-Studie wurde untersucht, wie sehr sich Eltern in den beteiligten Ländern für ihre Kinder engagieren. Es ergab sich, dass es für die enge Eltern-Kind-Beziehung nicht auf die Quantität der miteinander verbrachten Zeit ankommt, sondern auf die Qualität. Deutsche Eltern würden für ihr mangelndes Interesse am eigenen Nachwuchs gerügt. Dieser Mangel wiederum gilt als eine der Ursachen des schlechten Abschneidens deutscher Schüler.

Eines scheint somit klar zu sein: die deutsche Hausfrau ist nicht das Muttertier, zu dem sie gerade wieder stilisiert wird. Auch sie strebt nach Selbstverwirklichung, wenn auch durch persönliche Freizeitgestaltung. Wie das in das traditionelle Familienbild passt, hat Bischof Mixa nicht erklärt.

 
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