Die scheinheilige Familie
01.05.2007
Herausgeber: netzeitung.de
«Deutschland hat anders als andere europäische Länder den rasanten Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft in seinen Politiken verschlafen,» fasst der Bericht zusammen. Obwohl die Ausgangsbedingungen in allen Ländern angesichts des allgemeinen Geburtenrückgangs ähnlich gewesen seien, hätten sich große Unterschiede entwickelt.
Der gravierendste Unterschied ist das Familienleitbild. Zwar gilt überall die so genannte Kernfamilie mit Vater, Mutter, Kind als Ideal, doch trägt insbesondere in Nordeuropa die auf ökonomische Gleichstellung von Mann und Frau ausgerichtete Gleichstellungspolitik der realen Pluralisierung der Lebensformen Rechnung. In Deutschland gilt immer noch die Alleinverdiener-Ehe als Normalfall, obwohl die Lebenswirklichkeit längst anders aussieht.
Da es zu wenig Betreuungsplätze für Kinder gibt, sind die meisten Frauen hierzulande gezwungen, für ihre Kinder zuhause zu bleiben. Viele Frauen entscheiden sich gegen Kinder, weil sie vor den Unwägbarkeiten der ökonomischen Abhängigkeit und den Folgen einer Trennung Angst haben. Zudem ist es in Deutschland weitaus schwieriger, nach der Elternzeit wieder ins Erwerbsleben einzusteigen.
Das veraltete Leitbild führt dazu, dass die Struktur der finanziellen Leistungen für Familien in Deutschland geeignet ist, Familiengründungen eher zu behindern als zu fördern. Neben dem Ehegattensplitting erwähnt der Familienbericht die Zahlung von Kindergeld bis zum 27. Lebensjahr. In Frankreich erhalten erwachsene Kinder erst dann Geld aus der Familienkasse, wenn sie selbst eine Familie gründen. Das habe schon die DDR erfolgreich praktiziert.
Das Reizwort «DDR» weckt in der aktuellen Debatte die schlimmsten Aversionen. Mit der Doppel-Verdiener-Ehe fröne von der Leyen sozialistischen Idealen, wetterte Bischof Mixa. Und: Die DDR hatte die höchste Dichte an Kindertagesstätten und zugleich die niedrigste Geburtenrate in Europa. Das wäre doch ein Argument! Nur leider stimmt es nicht. Seit Beginn der 70er Jahre betrieb die DDR eine durchaus erfolgreiche Familienpolitik. Die Geburtenrate lag seit 1974 durchgehend weit über der westdeutschen. Das Angebot an Krippenplätzen trug dazu bei.
familiären Verantwortung für den Nachwuchs bereits vom Säuglingsalter an zu entledigen?
Ideologisch aufgeladen ist die Diskussion spätestens, seit erstmals die gravierenden sozialen Probleme zwischen Mecklenburg und Thüringen mit der ostdeutschen Mentalität begründet wurden. Fatale Folgen der Gruppenerziehung Ost haben mit großem publizistischen Erfolg schon vor Jahren der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz und der Kriminologe Christian Pfeiffer dargelegt.
Maaz diagnostizierte bereits unmittelbar nach der Wende einen durch die autoritäre Erziehung verursachten «Gefühlsstau». Das gleichnamige Buch wurde ein Bestseller. Die zu festen Zeiten gemeinsam auf das Töpfchen gesetzten Krippenkinder wurden zum Sinnbild der Repression freier Persönlichkeitsentfaltung, die letztlich zum Scheitern in der neuen Freiheit führt. Pfeiffer inspirierten solche Dressurakte zu seinen Thesen über die Ursache der fremdenfeindlichen Kriminalität in Ostdeutschland. Nicht die wirtschaftliche Krise bewirke die Radikalisierung ganzer Bevölkerungsschichten, sondern die Folgen der frühkindlichen Depravation.
Dabei kann sie sich sogar auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen. Die ersten drei Lebensjahre sind sowohl für die Bindungsfähigkeit als auch die Entwicklung der Intelligenz für das ganze Leben entscheidend. Kinder, die ohne Bezugspersonen und ohne Anreize von außen aufwachsen, erleiden irreversible Schäden. Wer erinnert sich nicht an die schwer traumatisierten kleinen Opfer des Kommunismus in rumänischen Kinderheimen. Doch auch hier suggeriert die Fixierung auf Perversionen des Ostblocks falsche Schlüsse. Umfassende Studien in Europa und Nordamerika konnten keine Belege für die befürchteten Verhaltensstörungen bei ehemaligen Krippenkindern finden.
Berufstätige Mütter beschreiben es als Wermutstropfen, nicht genug von ihren Kindern mitzuerleben. Wird also zu Lasten der Familie ein natürliches Bedürfnis der Frau unterdrückt, ganz und gar Mutter zu sein? Statistisch gesehen zeigt die deutsche Mutter in der Tat unter allen europäischen Müttern die geringste Präsenz am Arbeitsmarkt. Mit ihren Kindern verbringt sie täglich 20 Minuten länger als Eltern in Nachbarländern und leistet exakt eine Minute mehr Hausarbeit am Tag. Der Familienbericht, der diese Zahlen ermittelte, untersuchte dann, wo denn die durch die Berufsaufgabe gewonnene Zeit investiert wird. Das Ergebnis: persönliche Freizeitgestaltung.
Eines scheint somit klar zu sein: die deutsche Hausfrau ist nicht das Muttertier, zu dem sie gerade wieder stilisiert wird. Auch sie strebt nach Selbstverwirklichung, wenn auch durch persönliche Freizeitgestaltung. Wie das in das traditionelle Familienbild passt, hat Bischof Mixa nicht erklärt.

