«Killerspiele killen die Fähigkeit zum Mitleid»
27. Apr 2007 17:54, ergänzt 28. Apr 2007 10:31
 |  Schwer umstritten: Computerspiel 'Call of Duty'
| Foto: Screenshot |
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Nach mehrstündiger Anhörung war im Bundestag klar: Ein Verbot löst die Probleme der Jugend nicht. Ein IT-Experte zeichnet jedoch ein düsteres Bild von den Auswirkungen der Gewaltspiele.
Ein Verbot so genannter Killerspiele halten die politischen Entscheider im Bundestag für wenig sinnvoll. «Ein Verbot solcher Spiele ist keine Lösung», sagten der Vorsitzende der Jungen Gruppe der Unions-Fraktion, Marco Wanderwitz und weitere Kollegen aus der Unions-Fraktion nachdem sie im Bundestag mehrere Stunden lang Experten zugehört hatten. Linksfraktions-Medienpolitiker Lothar Bisky sah es so: Kinder und Jugendliche «müssen lernen, mit virtuellen Welten umzugehen und Risiken abzuschätzen.»
Der Unterausschuss Neue Medien des Bundestages hatte sich die Fachleute eingeladen, um abseits der tobenden Debatte auf Basis der nüchternen Fakten entscheiden zu können, ob das bestehende Verbot besonders gewalthaltiger Spiele verschärft werden muss, etwa mittels des Gewaltdarstellungs-Paragrafen 131 im Strafgesetzbuch.
Mit dabei waren Vertreter der Unterhaltungssoftware-Hersteller, der Selbstkontrolle für Multimedia-Produkte, Jugendschützer, Software-Kontrolleure, ein Kommunikationswissenschaftler. Und auch der vielzitierte Kriminologe Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, der sich als einziger für schärfere Verbote aussprach.
Finale Erkenntnis
Dagegen war die finale Erkenntnis der Politiker nach mehrstündigem Zuhören: Ein schärferes Verbot ist unnötig, eine breite Diskussion über die wachsende Gewaltbereitschaft Jugendlicher dagegen sehr nötig. Selbst Kriminologe Pfeiffer habe keinen Beweis für einen Zusammenhang zwischen Computerspielen und Jugendgewalt liefern können, sagten CDU-Politiker Wanderwitz und seine Kollegen. Eltern müssten besser informiert und Pädagogen fortgebildet werden. Das Urteil eines Fachmanns, der die Veranstaltung aus der Ferne verfolgt hatte, fiel vollkommen vernichtend aus: «Die Bundestags -Anhörung war eine Katastrophe», sagte der Vorstand des Hamburger IT-Sicherheitsanbieters Panamp, Bert Weingarten, auf Netzeitung.de. «Sie ging ganz weit am Ziel vorbei.» In keiner Weise hätten die Diskutanten berührt, «wie Killerspiele unsere Kultur schon verändert haben». Weingarten beklagt, dass bei den gebräuchlichen Gewalt-Spielen Kriegsszenarien durchgespielt und Feindbilder indoktriniert werden. Damit sinke die Fähigkeit der Spieler, Mitleid zu empfinden. Im Gegenzug würden sie zu geübten Schützen.
Empathie sinkt
Als Beispiel führt Weingarten das Spiel «Call of Duty» an, wo menschenähnliche Avatare (Figuren) in Wehrmachtsuniform «Hakenkreuze in die Wand schießen», und wo die Gegner aufrufen: «Tötet die Deutschen». Daher sei die Frage: «Wollen wir in Kauf nehmen, dass in unserer Kultur Empathie eine immer geringere Rolle spielt?» IT-Sicherheitsexperte Weingarten, der oft im Ausland unterwegs ist, erinnert sich an peinliche Nachfragen seiner Gastgeber bei Auslandsreisen. «Bei einem Vortrag in Singapur wurde ich gefragt, warum nicht von höchster Stelle in Deutschland unterbunden wird, dass der Zweite Weltkrieg virtuell in Uniformen der Wehrmacht nachgespielt wird».
Im Ringen um befriedete Kinder- und Jugendzimmer geht Weingarten hart zur Sache: «Es kann nicht sein, dass durch Killerspiele heute mehr Waffenkunde vermittelt wird, als im Dritten Reich.» Die Hitlerjugend habe zu Kriegszeiten zweimal pro Woche Schießen trainiert, Kinder und Jugendliche absolvierten heute oftmals mehrmals täglich virtuelles Schießtraining per Killerspiel am Computer oder an der Konsole.
Populistische Symbolpolitik
In der Politik sieht man das noch nicht so wie Weingarten. Der medienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jörg Tauss, kritisierte nach der Bundestags-Anhörung die «Eindimensionalität in der Debatte». Computerspiele würden in der Öffentlichkeit «zu Unrecht häufig in ein zu enges und ausschließlich gewalthaltiges Bild gerückt». Verbotsinitiativen nach Gewalttaten von Schülern bezeichnete der SPD-Politiker als «populistische Symbolpolitik». Nach den Schulschießereien von Erfurt oder Emsdetten waren immer wieder ebensolche Forderungen aufgekommen. Seit Februar diskutiert der Bundesrat eine Initiative Bayerns, schon die Herstellung von Killerspielen unter Strafe zu stellen. Auch die Bundesfamilienministerin hatte ähnliche Pläne gehegt. Von Bundesebene her wird es wohl aber keine weiteren Anstrengungen dieser Art geben. (nz)