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Kurnaz «möchte ein neues Leben»

20. Apr 2007 12:28
Kurnaz schilderte im Januar sein Schicksal im Bundestag, rechts sein Anwalt.
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Fünf Jahre seines Lebens verlor der Bremer Türke Kurnaz im US- Gefangenenlager Guantánamo. Sein Buch darüber liest sich wie das Inhaltsverzeichnis eines Folterer-Werkzeugschranks.

Es ist ein schönes Wappen mit einem honorigen Grundsatz: «In Ehre verpflichtet, die Freiheit zu verteidigen» lautet der Schriftzug in den Umrissen der Bucht mit dem Ozean und Horizont im Hintergrund. Es ist das Wappen von Guantánamo-Bay, dem US- Gefangenenlager auf Kuba. Der aus Bremen stammende Türke Murat Kurnaz hat es gesehen, das Wappen und das Lager. Von innen, von seinem Käfig aus.

Der heute 25-Jährige war einer von den hunderten Häftlingen, die seit den Terroranschlägen auf die USA 2001 in Guantánamo jahrelang ohne Prozess interniert wurden und werden. «Ehre» ist ein Wort, das es für ihn in Erinnerung an 99 Prozent der US-Soldaten nicht gibt.

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In «Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo» schildert Kurnaz seine Zeit in einer Welt, in der er sich vor allem auf eines habe verlassen können: Auf Folter. Es habe keine Rolle gespielt, ob man etwas richtig oder falsch gemacht habe. «Bestrafung war das System.» Seine Geschichte hat Politik und Gesellschaft bewegt und gespalten. Die einen sehen in ihm ein Opfer staatlicher Willkür, die anderen zweifeln weiter an seiner Unschuld. Das spiegelte vor allem der BND- Untersuchungsausschuss des Bundestags wider.

Bis heute gibt es keinen Beweis für den Anfangsverdacht, dass er vor sechs Jahren in Afghanistan gegen die Amerikaner kämpfen wollte. Bis heute bleiben aber auch Fragen, warum er im Oktober 2001 - drei Wochen nach den Anschlägen auf die USA - nach Pakistan reiste, das als Rückzugsgebiet der Taliban gilt.

Tritt in den Magen – Wasser geschluckt

Sein Buch ist eine Zusammenfassung dessen, was er vor dem Bundestag und dem EU-Parlament bisher gesagt hat. Ausführlicher beschreibt er aber, wie er und andere Häftlinge von US-Soldaten in Guantánamo und im afghanischen Kandahar gequält worden seien. Nur von einem Wärter in Guantánamo berichtet Kurnaz mitfühlendes Verhalten.

«Apfelessen» kannte er aus seiner Kindheit. Mit den Händen auf dem Rücken muss man versuchen, nach einem Apfel zu fischen, der in einer Wasserschüssel schwimmt. In Kandahar sei er, gefesselt, mit dem Kopf in einen Wassereimer getaucht worden. Einer habe ihm in den Magen getreten, dass er beim Luftholen Wasser schluckte. Tagelang sei er an seinen auf dem Rücken gefesselten Händen aufgehängt worden. Ein Arzt habe nur überprüft, ob er die Folter überleben werde. Als ihm Drähte an Füßen und Händen angebracht worden seien, glaubte er, an einen Lügendetektor angeschlossen zu werden - er bekam Stromschläge.

«Ich bin unpolitisch»

«Ich hätte ihnen alles gesagt. Aber was sollte ich ihnen sagen?», schreibt Kurnaz. Seine einzige Hoffnung sei gewesen, «dass jemand von den deutschen Behörden oder vom deutschen Militär auftauchen würde». Er traf dann auf zwei Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK), das in Kandahar als Wachpatrouille eingesetzt war. Doch statt Hilfe habe er auch von ihnen Schläge bekommen.

Angefangen habe alles damit, dass er mehr über seinen islamischen Glauben erfahren wollte, bevor seine gläubige Braut nach Bremen kommen sollte, die er im Sommer 2001 in der Türkei geheiratet hatte. Seine Familie habe er nicht informiert. «Meine Mutter hätte mich nicht gehen lassen. Das wäre gut gewesen.» Er habe eine Koranschule besuchen wollen. Warum seine Wahl gerade auf Pakistan fiel begründet er in seinem Buch damit, dass er die Türkei schon kannte und sich mehr für den Nachbarstaat Afghanistans interessiert habe. Er selbst bezeichnet sich als unpolitisch. Kurnaz schreibt: «Ich hoffe, dass meine Unschuld eines Tages nicht mehr angezweifelt wird.»

Der Bart als Freiheit

In Guantánamo haben sich laut Kurnaz regelmäßig Schlägertrupps mit bis zu acht bewaffneten Soldaten auf einen gefesselten Gefangenen gestürzt. Vielen Männern seien Knochen gebrochen worden, ohne dass sie danach ärztlich versorgt worden wären. Ein Marokkaner sei auf die Krankenstation gebracht worden, um seinen kleinen Finger zu amputieren, den er nicht mehr habe bewegen können. Als er aufwachte, habe er nur noch seine beiden Daumen gehabt. Einem anderen Häftling seien ein fauler Zahn und acht gesunde Zähne gezogen worden. Er selbst habe insgesamt mehr als ein Jahr in Isolationshaft mit Folter durch Kälte, Hitze, Dunkelheit und Sauerstoffentzug zugebracht.

Noch einmal hatte Kurnaz Kontakt zu Deutschen. Drei Geheimdienstler waren 2002 nach Guantánamo gekommen. «Endlich konnte ich mit jemandem von der deutschen Regierung sprechen.» Gebracht hat es ihm nichts. An Berichte über Folter können sie sich nicht erinnern. Murat Kurnaz sagt: «Ich möchte ein neues Leben.» Behalten wolle er seinen langen Bart. «Den Bart wachsen zu lassen, war die einzige Freiheit, die ich in Guantanamo hatte.» (Kristina Dunz, dpa)

 
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