Unglaublich, das Volk mag Europa
23.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
30.000 Schäfer gibt es allein in Deutschland, sie halten 2,6 Millionen Schafe. Einer der Hirten ist Michael Dreißig aus Hoppegarten bei Berlin. Er hütet rund 400 Muttertiere. «365 Tage im Jahr tun wir das, ein Schäfer ist immer draußen», beschreibt der 46-jährige mit dem braunen Filzhut das Berufsbild. Doch seit die Europäische Kommission die Weide als ihr Betätigungsfeld erschloss, muss Dreißig immer mehr Abstriche machen. Berliner und Brüsseler Bürokraten weben ein dichtes Netz von Vorschriften um seinen Berufsstand und nötigen die wettergegerbten Naturburschen von der Weide an die Schreibtische.
In 50 Jahren Europa ist die Staatengemeinschaft nicht nur auf mehr als zwei Dutzend Mitglieder angewachsen, die Unions-Zentrale hat in fünf Jahrzehnten auch eine unzählbare Menge von Vorschriften verabschiedet. Die Brüsseler Erlasse wiederum beschäftigten die Mitgliedsstaaten, die Gemeinschaftsrecht in nationale Gesetze fassen müssen. Sie beschäftigen die Parlamente und Kabinette, entfachen hitzige Debatten, wie jüngst beim in Deutschland nun fast vollendeten Rauchverbot.
Zäh zeigten sich die Parteien etwa im dreijährigen Streit um die Chemikalien-Richtlinie «Reach», die das Risiko von Substanzen bewertet. Nichts überlassen die Brüsseler Bürokraten dem Zufall oder gar der Schöpfung: Kultstatus hat mittlerweile die Bananenverordnung, die selbst die Krümmung der in EU-Mitgliedsländern verzehrten Subtropen-Früchte vorschreibt. Bürokratiekritiker Günter Verheugen sagte sich Anfang des Monats zu einem Praktikum in einem Brandenburger Metallbaubetrieb an, um den Konsequenzen des Brüsseler Treibens nachzuspüren. Die Folgekosten der Bürokratie schätzt der EU-Industriekommissar selbst auf 80 Milliarden Euro im Jahr allein für deutsche Unternehmen.
Unter der Regelungswut der Zentrale leiden auch die Schäfer. Setzt Deutschland die Brüsseler Pläne um, muss Züchter Michael Dreißig seinen Tieren künftig von Geburt drei Ohrmarken einnieten. Zwei gelbe, identische, «für Brüssel». Eine dritte, weiße, für ihn, damit auch er selbst das Tier von den anderen unterscheiden kann. Doch was die Hörmuschel eines Rindes problemlos erträgt, sei für das Schaf «Tierquälerei», schimpft Dreißig. Ein Schafohr ist dünn, und Plastik hat scharfe Kanten. Um ihrem Unmut darüber Luft zu machen, zogen Dreißig und rund 500 weitere Schafzüchter diese Woche vor das Brandenburger Tor in Berlin. In einem provisorischen Gatter kuschelten sich 30 Schafe aneinander. Jedes drei Marken im Ohr.
Derlei Streitfälle lagen 1957 noch fern, als Kanzler Konrad Adenauer und die Staatslenker von Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg am 25. März in Rom die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG gründeten. Viele Länder mit einem gemeinsamen Markt, freiem Grenz- und Kapitalverkehr wollte das Sextett schaffen. Jedermann sollte überall seine Dienste anbieten dürfen. Hinfort galt die Zollunion der Benelux-Staaten in allen sechs Gründungsländern. Seit 1992 heißt der Bund Europäische Union, ein Kreis von zwölf Sternen auf blauem Grund ist heute sein Signet.
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