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«Wir haben schon damals Alarm geschlagen»

21. Mrz 2007 14:22, ergänzt 15:32
Tod mit Allahs Segen: Al Qaeda-Vize al Sawahiri
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Nachdem Islamisten in einem Video gezielt Deutschland mit Vernichtung drohten, läuft die Suche nach den Urhebern. IT-Experten warnten schon 2005, nun wird Kritik am Anti-Terror-Kampf laut, berichtet Tilman Steffen.

Dass das Internet für Terroristen immer wichtiger wird, zweifelt keine Sicherheitsbehörde mehr an. Sicherheitsspitzen wie Kanzleramtsminister Thomas de Maizière oder Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm sehen das Web als Propagandainstrument und Rückzugsraum für Terroristen. In Berlin müht sich eine extra neu gebildete Einheit beim Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum von Polizei und Geheimdiensten, um die Spuren und Quellen des Cyber-Dschihadismus zu finden und Verdächtiges zu analysieren.

Mehr im Internet:
In einer «Nachricht an die Regierungen von Deutschland und Österreich» hatten die Propagandisten von Al Qaeda vorvergangenes Wochenende den Rückzug von knapp 3000 deutschen Nato-Soldaten aus Afghanistan verlangt. Anderenfalls werde es Anschläge geben, die Deutschen samt den Österreichern «definitiv mit Allahs Erlaubnis angegriffen und getötet», drohen sie im «Califate Voice Channel», einer Internet-Fernsehsendung. Der Film fand sich auf mehreren Webseiten wieder und weltweit Beachtung. Deutsche Sicherheitsbehörden sind sensibilisiert. Ihre Fachleute versuchen seitdem, die Herkunft des Films zu enträtseln.

Server infiltriert

Einer, der sich auf diesem Sektor mitreden kann, ist der Hamburger IT-Experte Bernd Weingarten. Seine Mitarbeiter verfolgen als Anbieter von Internet-Sicherheitssystemen auch aus wirtschaftlichem Interesse die Spuren von Terror-Propaganda im Internet. Wie Weingarten schildert, fanden seine Leute heraus, dass im Fall des jüngst im Web veröffentlichte Droh-Video gegen Deutschland ein Erfurter Internet-Provider seine Dienste leistete. Im Bundeskriminalamt, das selbst Extremisten hinterherforscht, ist Weingartens Firma Pan Amp zumindest ein Begriff.

Hintergrund:
Schon 2005 spürten die Hamburger ein solches Video-Machwerk auf, kurz nachdem es online verfügbar war. Sie stießen auf Anleitungen, wie man Sicherheitsbegleiter in Flugzeugen überwältigt, die so genannten Sky Marshalls. Sie entdeckten Anleitungen zum Bombenbau, Aufrufe, Juden umzubringen. Auch damals führte die Datenspur nach Erfurt. Die Fachleute infiltrierten die beteiligten Server-Rechner, stellten fest, wer und von wo den Film hochlud. Verblüfft war Weingarten dafürber, wie sich das Interesse der Netzgemeinde verteilte. «Ein Drittel der Zugriffe kam aus Berlin, zwei Drittel aus dem Raum Düsseldorf-Köln», sagt er auf Netzeitung.de. Die Firma informierte das Bundeskriminalamt über seine Erkenntnisse. «Wir haben damals richtig Alarm geschlagen.» Über Ermittlungsergebnisse ist nichts bekannt.

PR-Agentur von Al Qaeda

Damals hatte das Video noch türkische Untertitel. Vor knapp zwei Wochen dann wiederholte sich das Geschehen von 2005. «Das 'Schema F' ist wie damals umgesetzt worden», beschreibt Weingarten. Nur, dass die Untertitel diesmal auf Deutsch verfasst waren. Nachdem das Video über den Erfurter Anbieter auf einen Internet-Rechner geladen war, übernahm – wie 2005 - die «Global Islamic Media Front» (GIMF) die End-Fertigung: Untertitel einfügen, Daten verdichten und im Internet platzieren. Für den IT-Experten ist das «der technische Beleg dafür, dass die GIMF in Deutschland Kontakte in Al-Qaeda-Kreise hat».

Aber auch so gibt es Anhaltspunkte für diese Verbindung. Die aus zwei islamistischen Zellen in Afghanistan entstandene GIMF geht laut Weingarten auf einen Al-Qaeda-General zurück. Derzeit ist sie so etwas wie eine PR-Agentur von Al Qaeda, das Botschaften und Inhalte verständlicher macht und weiterverbreitet. Seit einiger Zeit existiert eine deutsche Webseite, auf der Bekennerschreiben und andere Propaganda aus dem arabischen übersetzt werden. Mithilfe der Blogger-Software Wordpress kanalisieren die Strategen ihre Botschaften ohne großen Aufwand.

Deutschland idealer Boden

Die Hamburger selbst beobachten die Strömung seit ihrer Gründung in Deutschland, 2005. Mit seinen Ermittlungen wäre er gern weiter, als derzeit. Doch im Anti-Terror-Kampf habe Deutschland «dringenden Nachholbedarf» und bleibe weit hinter seinen Möglichkeiten zurück, beklagt Weingarten. Auch deutsche Sicherheitskreise räumten ein, auf dem neuesten Stand der Technik zu sein, «ist immer ein Hase-und-Igel-Spiel», hatte Kanzleramtsminister de Maizière erläutert. «Verabredungen von Extremisten im Internet aufzudecken, ist wie die Nadel im Heuhaufen zu suchen.»

Aber nicht nur technisch hänge Deutschland hinterher, meint IT-Experte Weingarten. Terrorhelfern wie dem deutschen Provider, der das Droh-Video verbreiten half, biete das Land «den idealen Boden für solche Taten» Konsequenzen blieben allzu oft aus, dann «wir haben weltweit das liberalste Recht». Ein Straftatbestand für derlei Machenschaften fehle. Selbst das Bundeskriminalamt wollte im Zusammenhang mit dem Video nicht von «Ermittlungen» sprechen, das Video sei Gegenstand von Prüfungen. Ein Sprecher des Bundesinneministeriums sagte, es gebe «nach wie vor keine Hinweise auf Ort oder Urheberschaft».

Weingarten, derzeit auf einer seiner vielen Asien-Reisen, führt Singapur als Gegenbeispiel an. Das Land habe für den Anti-Terror-Kampf ein «nach oben offenes Budget». Weingarten sieht ein klares Missverhältnis zu Deutschland mit seinen 138 Millionen Euro im Jahr, auf 300.000 Bundesbürger komme hierzulande ein Fahnder. Die Bundesrepublik hänge da klar hinterher. «Die kleinen Länder machen es der drittgrößten europäischen Wirtschaftsmacht vor.»

 
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