20.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Hauptschule in Berlin-Neukölln
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Eine neue Studie des Münchner Ifo-Instituts stützt die Kritik des UN-Menschenrechtsinspektors Vernor Muñoz am deutschen Schulsystem.
Eine neue Studie des Münchner Ifo-Instituts stützt die Kritik von UN-Menschenrechtsinspektor Vernor Muñoz am deutschen Schulsystem. Ein längeres gemeinsames Lernen aller Kinder sowie die anschließende Aufteilung auf weniger Schulformen schaffe mehr Chancengleichheit für Schüler armer Eltern wie aus Migrantenfamilien, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts. Dies müsse insgesamt auch nicht zu Leistungseinbußen in den Schulen führen, heißt es in der Untersuchung unter Berufung auf den Vergleich internationaler wie nationaler Pisa-Daten.
Muñoz wird an diesem Mittwoch bei der 4. Vollversammlung des UN-Menschenrechtsrates in Genf den Bericht über seinen Deutschlandbesuch vom vergangenen Jahr vorlegen. Der UN-Experte sieht in der Bundesrepublik durch die international völlig «untypische» Selektion von zehnjährigen Schülern auf Haupt-, Realschulen und Gymnasien das «Recht auf Bildung» von sozial benachteiligten Kindern gefährdet.
Zudem kritisiert Muñoz in dem vorab bekannt gewordenen vorläufigen Bericht die Ausgrenzung von Behinderten in Sonderschulen, während nach internationalen Abmachungen weltweit ein gemeinsamer Unterricht in Regelschulen angestrebt wird. Der deutsche UN-Botschafter in Genf, Michael Steiner, wird die Gegenäußerung von Bundesregierung und Kultusministerkonferenz vortragen.
In der Ifo-Studie heißt es, nicht nur international, sondern auch bundesweit erreichten Schulsysteme «mit späterer und geringerer schulischer Selektion eine höhere Chancengleichheit». Der Ifo- Bildungsökonom Ludger Wößmann verglich dabei unter anderem Daten aus Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern mit vierjähriger Grundschule sowie aus Berlin und Brandenburg, wo die Kinder in der Regel sechs Jahre lang gemeinsam zur Grundschule gehen.
Hohe Abhängigkeit überwindenWößmann plädiert zudem dafür, in Ländern mit nur noch geringem Hauptschüleranteil durch Verringerung der Zahl der Schultypen «die Ausgrenzung leistungsschwacher Schüler zu reduzieren». In den meisten ostdeutschen Ländern gibt es bereits eine zweigliedrige Schulstruktur. In Schleswig-Holstein ist die Zusammenführung von Haupt- und Realschulen beabsichtigt. Hamburg plant eine ähnliche Schul-Strukturreform.
Die Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, forderte die deutschen Bildungspolitiker auf, endlich die hohe Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft zu überwinden. «Kultusminister wie Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) müssen auf rechthaberische Abwehrhaltung verzichten und endlich die Schulstrukturfrage angehen.»
Unsinnige AufteilungAbsichtserklärungen, das dreigliedrige Schulsystem durchlässiger zu machen, höre man jetzt seit mehr als 30 Jahren - ohne dass Taten gefolgt seien. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk forderte Konsequenzen von Bund und Ländern. Der Muñoz-Bericht mache deutlich, «dass die Bundesländer nicht den Weg aus der Bildungskrise finden», sagte Geschäftsführer Uwe Ahlemeyer. Auch das Kinderhilfswerk sprach sich für ein längeres gemeinsames Lernen aus.
Die Juso-Hochschulgruppen kritisierten die «unsinnige Aufteilung von Schülern nach der vierten Klasse». Das deutsche Schulsystem sei immer noch «an einer Ständegesellschaft» orientiert. Auch die SPD müsse in dieser Frage «Farbe bekennen.» (dpa)