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Kein Bundeswehr-Rekrut wollte «Weichei» sein

19. Mrz 2007 12:43, ergänzt 17:52
Beweismittel: Unter anderem eine Kübelspritze
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Es geht um Elektroschocks, Schläge und Fußtritte. Bundeswehr-Ausbilder wollten den Einsatz offenbar besonders realistisch simulieren, seit Montag stehen sie vor Gericht. Das Urteil des Wehrbeauftragten steht schon fest.

Seit Montag beschäftigen sich die Richter mit ihnen, doch für den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Reinhold Robbe, ist das Urteil über die angeklagten Bundeswehr-Ausbilder klar. «Sie waren nicht befugt, eine Geiselnahme einzuüben, dazu ist eine Spezialausbildung notwendig», sagte Robbe im Hessischen Rundfunk. Das Training sei zwar gut gemeint, aber schlecht gemacht gewesen.

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Ein Kompaniechef und 17 Ausbilder einer in Coesfeld stationierten Einheit müssen sich vor dem Münsteraner Landgericht wegen des Vorwurfs verantworten, im Sommer 2004 insgesamt 163 Rekruten gequält und gedemütigt zu haben.

Bei simulierten Gefangennahmen und nachgestellten Verhören sollen sie junge Soldaten mit Stromstößen, Schlägen und Fußtritten misshandelt sowie beschimpft haben. «Solche simulierten Geiselnahmen dürfen nur in Anwesenheit von Ärzten, Psychologen und Seelsorgern gemacht werden», betonte Robbe. Er forderte, alle Institutionen müssten in Zukunft darauf achten, dass sich solche Dinge nicht wiederholten.

Chef wusste Bescheid

Das Vorgehen der Ausbilder aus der Coesfelder Freiherr-vom-Stein-Kaserne erfüllt nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung und der entwürdigenden Behandlung. Die Behauptung der Angeklagten, es habe sich um eine Übung gehandelt, sei schon deshalb nicht akzeptabel, weil vorher keine Unterweisung der Rekruten über das Verhalten bei einer Geiselnahme stattgefunden habe, sagte der Staatsanwalt zum Prozessauftakt. Außerdem seien das Fesseln der Soldaten und die Anordnung von Liegestützen als Strafmaßnahme ausdrücklich nicht erlaubt.

Hintergrund:
Der angeklagte Ex-Kompaniechef gab zu Beginn der Verhandlung zu, grundsätzlich über die Planungen für die Übungen informiert gewesen zu sein. Von Misshandlungen aber habe er nie etwas gesehen, so der 34-Jährige.

Brandnarben an Nacken und Hand

Als die Vorfälle im November 2004 bekannt wurden, empörte sich die Öffentlichkeit. Die Ausbilder misshandelten ihre Untergebenen der Anklage zufolge zwischen Juni und September 2004 im Anschluss an Nachtmärsche des Instandsetzungsbataillons. Beim ersten Vorfall hatten sie 82 Rekruten von neun Ausbildern mit verbundenen Augen sowie gefesselten Händen zu einer nahe gelegenen Sandgrube gebracht und dort verhört und gequält.

An der Kaserne in Coesfeld
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Die Folgen: Brandnarben von Zigaretten an Nacken und Hand bei zwei Soldaten. Im Keller der Kaserne in Coesfeld-Flamschen erhielten mehrere Soldaten Stromstöße, die die Peiniger mit einem Feldtelefon erzeugten. Rekruten wurde kaltes Wasser in die Hosen ihrer Gefechtsuniform gepumpt. In anderen Fällen sollen die Ausbilder ihren Schützlingen Sand in die Kleidung gestreut haben, so dass sie sich auf Märschen wund liefen.

«Tiffy» war das Codewort

Alle beschuldigten Ausbilder haben der Staatsanwaltschaft zufolge Auslandserfahrungen auf dem Balkan oder in Afghanistan gemacht. Bei der Vorbereitung auf diese Einsätze hätten sie selbst Übungen zu Geiselnahmen erlebt und diese offenbar auch Soldaten in der Grundausbildung bieten wollen. «Sie gehörten zur Spitze», sagte der frühere Kompaniechef. Er selbst habe kurz vor einem Auslandseinsatz in Bosnien eine ähnliche Ausbildung durchlaufen. «Wir mussten durch Gräben kriechen», schilderte er die Vorbereitung auf seinen eigenen Bosnien- Einsatz. Dabei sei Teilen der teilnehmenden Soldaten auferlegt worden, wie Hunde zu bellen, andere mussten der Schilderung des Angeklagten zufolge Laute von Hühnern nachahmen.

Die Rekruten hatten den Ermittlungen zufolge jederzeit die Möglichkeit, durch ein Codewort die Übung abzubrechen. Davon wurde aber laut Staatsanwaltschaft nur selten Gebrauch gemacht, da das Codewort «Tiffy» in der Kompanie mit «Weichei» gleichgesetzt worden sei. Der Verteidiger des 34-Jährigen Ex-Kompaniechefs machte auch die Strukturen in der Bundeswehr für die Vorfälle mitverantwortlich. Es habe in vielen Teilen der Truppe den Wunsch gegeben, die Ausbildung einsatznäher zu gestalten. Ein Zugführer sagte, von den Rekruten sei die Rückmeldung gekommen, dass die Ausbildung «richtig geil» gewesen sei.


Keinesfalls typisch

Für die Bundeswehr waren die Vorfälle nicht das letzte Imageproblem: 2006 lösten Fotos weltweit Empörung aus, die Soldaten in Afghanistan beim Posieren mit Totenschädeln zeigten. Mit den dort gefundenen Knochen versuchten die Soldaten offenbar, Abwechslung in den einförmigen Arbeitsalltag zu beringen.

Die Misshandlungen von Coesfeld sind für Wehrbeauftragten Robbe jedoch keinesfalls typisch: Es gebe zwar immer wieder Einzelfälle, «wo Ausbilder über das Ziel hinausschießen und wo es zu Verwerfungen, zu Verfehlungen kommt». Man könne aber nicht behaupten, dass sich Misshandlungen in der Dimension und dem Umfang wie in Coesfeld an anderer Stelle wiederholt hätten.

Konsequenzen

Vom «Darmstädter Signal», einem Zusammenschluss kritischer Offiziere, kam Kritik. Dass die Rekruten nicht protestierten, werfe ein bezeichnendes Bild auf den Zustand der Wehrpflichtarmee, sagte der Vorsitzende der Organisation, Oberstleutnant Jürgen Rose, dem Fernsehsender N 24.

Der Vorfall von Coesfeld hatte bereits dienstrechtliche Folgen: Im Herbst 2004 wurden alle 18 jetzt angeklagten Soldaten vom Dienst suspendiert, zum Teil musste dies aber wieder aufgehoben werden. Derzeit sind noch 14 der 18 Angeklagten Soldaten der Bundeswehr, 10 davon im aktiven Dienst. Für den Prozess sind zunächst 45 Verhandlungstage terminiert. Mit einem Urteil wird nicht vor Jahresende gerechnet. (nz)

 
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