«Schon 16?» - Streit um Alkoholverbot
14. Mrz 2007 15:06
 |  Caipi bis zum Umfallen - auf einer Party in Karlsruhe
| Foto: dpa |
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«Schon 16?» - «Ja, ja.» Zuviel Alkohol geht über deutsche Kassen und Tresen, beklagen Kritiker, nachdem die Trink-«Flatrate» in Mode kam. Nun soll ein Alkoholverbot für Minderjährige her.
Den Supermarkt-Kassierer beschlichen Zweifel: «Schon 16?», fragt er das Mädchen, das mit einer Freundin zwei Weinflaschen auf das Kassenband legte. Als die Angesprochene stutzt kurz, bevor sie an ihrer Handtasche nestelt. Dann winkt der Mann ab und zieht die beiden Flaschen Wein über den Scanner. «Schon gut.»
Derlei Vertrauensseligkeit soll ein Ende haben, fordert die Politik nun, nachdem sich in Berlin ein 16-Jähriger mit 50 Tequila ins Koma soff. «In Kneipen, bei Festen, in Supermärkten und bei Tankstellen wird viel zu wenig kontrolliert, ob die Bestimmungen des Jugendschutzes auch eingehalten werden», beklagte die drogenpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Maria Eichhorn (CSU), in der «Passauer Neuen Presse». Wer etwa Hochprozentiges an Minderjährige abgebe, müsse damit rechnen, dafür zur Verantwortung gezogen zu werden.Derzeit liegt die Grenze für harten Alkohol bei 18, für Wein und Bier bei 16 Jahren. 14-jährige dürfen Minderprozentiges auch kaufen, wenn sie in Begleitung «Sorgeberechtigter» sind.
Eichhorn fordert eine Vorschrift im Jugendschutzgesetz, «nach der Alkohol generell erst an Volljährige abgegeben werden darf». Immer jünger seien die Kinder beim ersten Schluck, im Durchschnitt 11,8 Jahre. Den ersten Alkoholrausch hätten Jugendliche im Schnitt mit 13,8 Jahren. Eichhorn greift mit ihrem Begehren einen EU-Plan auf: Gesundheitskommissar Markos Kyprianou hatte im Oktober in einem Strategiepapier empfohlen, den Alkohol-Verkauf an Jugendliche unter 18 Jahren generell zu verbieten.
Regeln durchsetzen
Eichhorn beklagte zudem, das so genannte Rauschtrinken nehme ständig zu - auch bei Mädchen. «Das ist eine alarmierende Entwicklung, der wir dringend entgegentreten müssen.» In der Kritik stehen dabei auch Wirte und Party-Veranstalter, die Trinken zur «Flatrate» anbieten: einmal zahlen – unbegrenzt kübeln.Ihr Bundestags- Fraktionskollege Hermann Kues, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, ist anderer Meinung: «Aufklärung von Kindern und Jugendlichen und die konsequente Durchsetzung der bestehenden Regeln muss im Vordergrund stehen», hält er Eichhorn entgegen. Auch die sächsische Gesundheitsministerin Helma Orosz (CDU) betonte in der «Sächsischen Zeitung», prinzipiell seien die bestehenden Gesetze ausreichend.
Verantwortung gefragt
Beide Verbotskritiker setzen auf die Verantwortung des Umfelds: Eltern und Gesellschaft seien gefordert, dem Alkoholmissbrauch wirksam entgegen zu treten. Jugendhilfe, Krankenhäuser und Einrichtungen der Suchtprävention und Suchttherapie müssen zusammenarbeiten. Auch die Jugendorganisationen der FDP und der Grünen sprachen sich ebenfalls gegen ein Verbot aus. Aktionismus fördere den Missbrauch nur, lautet die Begründung.Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg Dietrich Hoppe, befürwortet dagegen wie die CSU-Drogenpolitikerin Eichhorn ein Alkohol-Kaufverbot für unter 18-Jährige. «Alkohol ist kein Grundnahrungsmittel, sondern ein Suchtmittel.» Der Vorschlag gehe in die richtige Richtung. Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) lehnte eine «Olympiade der Verbote» ab.
Auch die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) hält die derzeitigen Regelungen für ausreichend - Handel und Gastronomie müssten sie nur strikt einhalten. Die Liberalen lehnen gesetzliche Regelungen ebenfalls ab: «Verbotsideen schießen jetzt aus Politikerköpfen wie die Tulpen aus dem Frühlingsboden», sagte Generalsekretär Dirk Niebel. Dabei wüssten alle, dass gerade junge Leute mit Trotz auf behördliche Bevormundung antworten würden.
Für das Web ediert von Tilman Steffen