Das Killerspiel-Verbot scheitert am Internet23. Aug 2007 07:36  |  Szene aus 'San Andreas'
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Metzeln, schlachten, würgen und verbrennen – ein Gesetz soll das virtuelle Grauen in Deutschland von den Bildschirmen der Computerspieler verbannen. Über ein zweifelhaftes Projekt berichtet Tilman Steffen.
Martina Scholz* glaubte, ihren Sohn pazifistisch erzogen zu haben. Doch als beide Eltern des 17-jährigen Sprosses im Frühjahr eine Woche allein verreisten, verselbstständigte sich der Junge in ungewollter Weise. Nach Dresden heimgekehrt, erwischte ihn die Mutter am Computer beim Ballerspiel «Counterstrike». Entsetzt verlangte die Tochter eines Pfarrers, dass er das Spiel entferne, und überwachte die Deinstallation.
«Counterstrike» ist die Einstiegsdroge unter den Egoshooters, Spielen, bei denen man mit der Schusswaffe gegen den Rechner oder gegen Mitspieler kämpft. Hier geht es noch harmlos zu im Vergleich zu «San Andreas» aus der schottischen Spiele-Schmiede Rockstar North. Mündungsfeuer blitzt, es spritzt rot, als der Reihenhausbewohner Carl Johnson auf dem Gehweg einen Wehrlosen mit einer Salve niederstreckt. Der Getroffene bricht zusammen, Blut läuft breit, versickert neben dem Gehweg ins Gras. Als Protagonist Johnson die Waffe senkt, schwenkt die Kamera nach oben. In der Realität dauert so etwas deutlich länger als die 1,5 Sekunden im Computerspiel. Es ist die Rasanz des virtuellen Tötens, die zur Annahme verleitet, wer so etwas spielt, drückt auch im Alltag leichter ab. Weil nicht nur der Amokläufer von Erfurt, sondern auch der Schulschütze von Emsdetten ein Fan des Schieß-Spiels «Counterstrike» war, holte die Politik nach dem Vorfall in Nordrhein- Westfalen ihre Verbotspläne für so genannte Killerspiele aus den Schubladen. Minister und Abgeordnete attackierten den Jugendschutz teils derart hart, dass sich die Prüfstelle Unterhaltungssoftware- Selbstkontrolle (USK) einer Kampagne ausgesetzt sah.
«Es geht um das Töten auf Knopfdruck», umriss Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) das Ziel des Verbots. Doch Deutschlands Kinderzimmer mit Gesetzen wirksam zu befrieden, schlägt fehl, ist doch via Internet alles zu bekommen, was der Bund oder die Länder verbieten wollen. In den bekanntermaßen schwer zu kontrollierenden Tiefen des World Wide Web das Begehrte zu bekommen, ist keine Angelegenheit für Spezialisten, wie Spielexperte Thomas Bayer weiß. Bereits heute sei es «völlig unproblematisch», als Jugendlicher online an ein erst für Volljährige freigegebenes Spiel ranzukommen, sagt der Geschäftsführer des Online-Portals Gamona.de der Netzeitung. «Das kriegt jeder 16-Jährige hin.» Wenn dann etwa in Internetcafés Minderjährige unbeobachtet an den Rechnern sitzen, herrscht keinesfalls der vom Gesetzgeber vorgesehen Friede auf den Bildschirmen, sondern oft Cyberkrieg jenseits der Legalität.
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Dabei sind die Regeln eigentlich klar: Deutsche Jugendschützer verweigern Spielen mit ausgeprägten Gewaltmerkmalen eine Freigabe für Minderjährige. Blut darf nicht rot oder gar nicht sichtbar sein, Einschläge von Kugeln nicht detailreich erkennbar. Das am heimischen Bildschirm zu ändern, ist für einigermaßen versierte Kids jedoch kein Problem. Die erforderliche Erweiterung oder das ganze Spiel wird aus dem Netz hinzugeladen. Das passende Knack-Programm dazu, und auch der Kopierschutz ist ausgehebelt. Das ist zwar illegal, aber kaum zu kontrollieren. «So etwas wird auf den Schulhöfen dieser Welt als Bagatelle angesehen», weiß Spieleexperte Bayer. So lässt sich der Jugendschutz problemlos umgehen.
Größte Zweifel Von Hamburg aus beobachtet der IT-Sicherheitsfachmann Bert Weingarten die Entwicklung auf dem Spielemarkt. Unweit der Norderelbe im Südosten der Stadt tüfteln der Ballerspiele-Gegner und seine Mitarbeiter an immer wirksameren Internetfiltern. Sein Ziel: zu verhindern, dass Computer-Kids sich die Spiele mit nachladbaren Programmen aufstylen. «Oftmals verändert ein einziger Patch ein Spiel so markant, dass es in dieser Form überhaupt keine Jugendfreigabe mehr bekommen würde», warnt Weingarten.
Doch das Problem beginnt weit früher. Weingarten hegt größte Zweifel am derzeitigen System der Softwarekontrolle durch den Staat. Die Freigabe der Spiele nach Altersklassen durch die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) mache keinen Sinn, wenn die Spieler den Charakter durch den Download eines einzigen Zusatzprogramms aushebeln können.
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* Name geändert
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