Henrico F. - Vom Maurer zum Musikredakteur
18. Jan 2007 07:25
 |  Demnächst putzt er nur noch eine Klinke: Henrico F. ist Musikredakteur
| Foto: dpa |
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Henrico F. – Deutschlands bekanntester Langzeit- Arbeitsloser, hat einen Job. Der gelernte Maurer und Punk-Fan steigt ein in eine Branche, in der Kreativität der halbe Weg zum Erfolg ist.
Von Tilman SteffenAm Donnerstag um zehn Uhr beginnt für Henrico F. ein neuer Lebensabschnitt. Im Personalbüro des Frankfurter Fernsehsenders iMusic TV wird der 37-Jährige einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Der Satelliten- Musikkanal will Deutschlands derzeit bekanntesten Langzeitarbeitslosen einstellen.
Der gelernte Maurer, der es durch einen Wortwechsel mit dem rheinland- pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck («Wenn sie sich waschen und rasieren, dann finden sie einen Job!») zu ungewollter Popularität brachte, soll künftig als Musikredakteur arbeiten. Eine steile Karriere. Eine «faire Chance», wie Marco Quirini sagt. Der iMusic- Vize-Geschäftsführer scheint noch nicht völlig sicher, ob es dazu kommt. «Wenn er unterschreibt, wird er im Punk-Departement als Junior-Redakteur arbeiten», sagt er netzeitung.de. Doch F. habe im Bewerbungsgespräch «einen vernünftigen Eindruck gemacht».
Debatte über Verantwortung
Zur öffentlichen Person geworden war Henrico F. auf einem Wiesbadener Weihnachtsmarkt. Langhaarig, mit Bart im Gesicht, hatte F. den Bühnenredner Beck lautstark für seine missliche soziale Lage verantwortlich gemacht. Beck reagierte angesichts der äußeren Erscheinung F.s mit dem überlieferten Hinweis auf notwendige Körperpflege. Der SPD-Politiker löste damit eine öffentliche Debatte darüber aus, inwieweit niedrig qualifizierte Langzeitarbeitslose für ihr Schicksal mitverantwortlich sind. Aus Protest gegen Beck luden Jobsuchende Anfang des Jahres vor den Mainzer Landtag zur öffentlichen Körperpflege vor Kameras ein. F. hatte sich sein Haar schon Tage zuvor stutzen lassen, von einem Friseur, zu dem ihn ein Pressefotograf schleppte.
Qualifikation ist relativ
Die Mainzer Staatskanzler lud F. zum Gespräch und versprach Job-Angebote. F. sagte ab, unter Verweis auf einen Termin in seiner Arbeitsloseninitiative. Als die «Bild» ihn zum «faulsten Arbeitslosen» erklärte, frohlockten die Mainzer SPD-Strategen – war F. doch der lebende Beweis für die Annahme, die Jobsuchenden seien selbst Schuld an ihrer misslichen Lage. Und nicht die Hartz- Reformen. Unterschreibt F. seinen Vertrag, hat er bis auf weiteres ausgesorgt: Nach Ablauf einer Probezeit von sechs Monaten sei die Anstellung unbefristet, sagt Quirini. «Er wird sicher noch lernen müssen.» Doch F.s Interesse für Rock und Punk- Music prädestiniere ihn für diesen Job. «Qualifikation ist immer relativ, die Kreativität steht im Vordergrund», so Quirini. Dass F. Maurer ist, sei nicht relevant. Man sei in solchen Jobs «auch viel Autodidakt».
Hungrig, dann klappts
iMusic TV weist den Verdacht, durch F. bekannter werden zu wollen, weit von sich. «Profilierung ist nicht das Interesse des Senders.» Die Frankfurter verfolgen ganz andere Ziele: Es komme ihm darauf an, «der Politik zu zeigen, dass sie sich ein bischen mehr mit dem Menschen befassen muss». Nur die Empfehlung, sich zu waschen und zu rasieren, reiche nicht. Henrico F. selbst hatte die ihm aus der Staatskanzlei zugestellten Job- Offerten alle abgelehnt, auch unter Verweis auf gesundheitliche Dauerschäden. Das zuständige Sozialamt drohte an, die Stütze zu kürzen. Doch das soll nun alles Vergangenheit sein – Quirini ist sich sicher: «Wenn er hungrig ist nach diesem Job, dann kann das klappen. Das ist bei jedem so.»