Putschen, aber richtig
16.01.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Der Fall Brandt: Frauengeschichten streuen!
Der 1. Mai 1974 ist kein guter Tag für Kanzler Willy Brandt: Aus dem Innenministerium erreicht ihn ein Dossier, in dem sein Alkoholkonsum und seine Affären Thema sind. Herkunft der brisanten Daten: Die Ermittlungen des Bundeskriminalamts im Zusammenhang mit dem DDR-Spion Günter Guillaume, den die Ostberliner Regierung im Kanzleramt platzierte. Vermutet wird, dass Guillaume selbst die Rendezvous für Brandt organisierte.
Die Medien nehmen das gefundene Fressen gerne an. Brandt fürchtet eine Schmutzkampagne des politischen Gegners und Erpressung durch die DDR, die weitere pikante Details lancieren könnte. SPD-Fraktionschef Wehner rät Brandt zum Rücktritt mit Erfolg.
Der Fall Kohl I: Grenzen niederreißen!
1989 konnte Kohl einen Angriff auf seine Autorität noch vereiteln: Im Vorfeld des CDU-Parteitages in Bremen entschied er selbstherrlich, Generalsekretär Heiner Geißler nicht mehr für diesen Posten aufzustellen. Nachfolger des Parteirebellen sollte nach dem Willen Kohls der bequemere Volker Rühe werden. Eine Reihe von Parteioberen, darunter Kurt Biedenkopf, Rita Süssmuth und Lothar Späth, entschloss sich daraufhin, Kohl den Parteivorsitz streitig zu machen. Späth, damals baden-württembergischer Ministerpräsident, sollte gegen Kohl antreten.
Doch der Aufstand gegen den CDU-Übervater scheiterte. Die Basis bestätigte Kohl als Parteivorsitzenden, wohl auch abgelenkt durch den Umbruch im Osten: Am Wahlabend ließ Ungarn geflohene DDR-Bürger in den Westen ausreisen.
Kohl entledigte sich später aller innerparteilicher Rivalen. Späth selbst flog noch in Bremen aus dem Parteipräsidium. Nur Süssmuth, zuvor von der Bundesministerin zur Bundestagspräsidentin reüssiert, entging Kohls Säuberung.
Der Fall Scharping: Rhetorisch auftrumpfen!
Bei 30 Prozent liegt die SPD in den Umfragen Ende 1995 die Unzufriedenheit mit der SPD-Führung und insbesondere dem Vorsitzenden Rudolf Scharping ist gerade an der Basis groß. Die Parteispitze sitzt fast täglich in Krisengesprächen zusammen. Man übt sich in «Selbstkritik» und adressierte Solidaritäts- Bekundungen. Doch Scharping beharrt bis zur letzten Minute auf seinen Führungsanspruch.
Ohne SPD-Vize Lafontaine hätte er sein Amt wohl auch noch behalten: Doch mit einer flammenden Rede eroberte der Saarländer am 16. November 1995 die Herzen der Sozialdemokraten. Am Ende ist Lafontaine der neue Vorsitzende. Die SPD gewinnt in Meinungsumfragen deutlich an Sympathie.
Der Fall Kohl II: An die «FAZ» schreiben!
Helmut Kohl ist 1999 angeschlagen, der CDU-Ehrenvorsitzende hat in seiner Zeit als Kanzler für die CDU Millionenspenden angenommen und beharrt auf seinem «Ehrenwort», die Spender zu verschweigen. CDU-Generalsekretärin Merkel empfiehlt daraufhin in einem Gastbeitrag für die «Frankfurter Allgemeine», die CDU möge sich von ihrem «Schlachtross» trennen, wie «jemand in der Pubertät von zu Hause». Die CDU-Oberen nutzen die Vorlage und legten dem Gedemütigten den Verzicht auf den Ehrenvorsitz nahe - mit Erfolg.
Im Streit mit Kohl um die Parteispenden stürzt dann Anfang 2000 auch noch Partei- und Unionsfraktionschef Schäuble. Generalsekretärin Merkel musste der kopflosen Partei nur noch zusagen schon war sie CDU-Chefin.
Der Fall Biedenkopf: Schwächen analysieren!
Spätestens, als er 2001 seinen möglichen Nachfolger Georg Milbradt «aus politischen Gründen» als Finanzminister entließ, leistet auch die eigene Partei Widerstand. Ihm zum Trotz wählt die sächsische CDU Milbradt zum Vorsitzenden.
Die Biedenkopfs müssen sich seither immer öfter mit ihren Affären beschäftigen. Mal musste er 120.000 Euro nachzahlen, weil er über Jahre zu günstig im Gästehaus der Regierung logiert hatte. Das Paar ließ sich daraufhin im Weinbauort Radebeul bei Dresden nieder. Vorwürfe der Vetternwirtschaft folgen, weil das Land Sachsen teure Büros mietete, die ein Freund Biedenkopfs errichtet hat. Den Rest gibt sich Biedenkopf selbst, als er versucht, Kraft seiner Ausstrahlung als Regierungschef an einer Ikea-Kasse Rabatt zu ertrotzen.
Der Fall Simonis: Geheim-Gegner organisieren!
Kurz und schmerzhaft war der Abgang der schleswig- holsteinischen Ministerpräsidentin. Einzelne Gegner im eigenen politischen Lager treiben die Kandidatin bei der Wahl des Ministerpräsidenten im Parlament 2005 vor sich her. Mehr als drei Stunden währt das Martyrium am Folgetag gibt sie entnervt zugunsten von CDU- Gegenkandidat Carstensen auf.

