«Spieler sind keine potenziellen Gewalttäter»
23. Nov 2006 07:07
 |  Am Computer spielende Kinder und Jugendliche | Foto: Games Convention |
|
Das Thema Killerspiele ist wie geschaffen, von sozialen Problemen in Deutschland abzulenken, meint der Chef des Online- Spieleportals «Gamona», Bayer. Ego-Shooter- Spiele steigerten keinesfalls die Aggressivität, schreibt er in einem Beitrag für die Netzeitung.
Von Thomas BayerSie ist wieder da – die leidige «Killerspiel»-Diskussion. Zuletzt angestoßen im Juni von Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann. Hintergrund war damals die Frage, ob die Spiele-Prüfstelle «Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle» (USK) überhaupt eine ausreichende Kontrollinstanz sei, um die Jugend vor den so genannten «Killerspielen» zu schützen. Zwei Monate später, im August, sah die Bundesregierung dann allerdings «keinen Handlungsbedarf» mehr in dieser Angelegenheit.
Wie schnell sich die Dinge doch ändern können. Nach dem Amoklauf in einer Schule in Emsdetten ist das Thema «Killerspiele» heißer als je zuvor, plötzlich fordern wieder Politiker (fast) aller politischer Gesinnungsrichtungen Verbote – und das erneut unter sträflicher Missachtung aller Begleitumstände und Missstände im Leben des Täters.
Sebastian B., der in die Geschwister- Scholl-Schule stürmte, hatte bereits vor zwei Jahren öffentlich um Hilfe gerufen. Soziale Isolation, Misshandlungen durch Schüler, schulische Probleme – all das teilte er unter dem Namen «ResistantX» in einem Forum der Seite «Das-Beratungsnetz.de» mit.
Hilfe hat er offensichtlich keine bekommen, selbst nach einem Anschlag seiner Mitschüler mit einem glühenden Schlüssel sah scheinbar niemand aus seinem sozialen Umfeld oder der Schule die Notwendigkeit, nach den Ursachen zu forschen.
Keiner fragt nach Waffenarsenal
Stattdessen machen es sich Politiker und Medien nun genau so einfach wie eh und je: Ein Hobby, das der Täter selbst offenbar nicht einmal erwähnenswert fand (Sebastian gab stets «Radfahren, Homepagebau und den Soft-Air-Sport» als Hobbys an – das sagt wohl alles über den Stellenwert aus, den er Ego-Shootern in seinem Leben einräumte), sollen für die Gräueltat verantwortlich sein. Ego-Shooter oder «Killerspiele», wie sie seit Bayerns Innenminister Günter Beckstein heißen, sollen schuld sein am Amoklauf.
 |  Spiel 'America's Army' | Foto: americasarmy.com |
|
Dabei fragt kein Politiker danach, wo der Täter das «ansehnliche» Waffenarsenal (Zwei abgesägte Gewehre, Handfeuerwaffen, ein riesiges Messer und Rauchbomben) herbekommen hat – oder fordert gar, das Waffengesetz zu verschärfen, welches, nebenbei erwähnt, in Deutschland genau wie die Jugendschutzbestimmungen so streng ist wie kaum woanders auf der Welt. Keiner erwähnt die massiven Probleme von Sebastian B., die sich doch so deutlich bereits Jahre zuvor gezeigt hatten.
Kein Zusammenhang
Dass selbst die nahe liegenden Fragen nach Erziehung, Elternhaus und Lehrern – Stichwort: Erziehungsauftrag – erneut unausgesprochen bleiben, zeugt nicht nur von Inkompetenz, sondern auch von Verantwortungslosigkeit und der mangelnden Bereitschaft, nach den wahren Gründen für die Bluttat zu suchen. Vielleicht, weil es so viel einfacher ist, einem leider schon immer negativ belasteten Hobby die Schuld in die Schuhe zu schieben.
 |  Chefredakteur Bayer | Foto: gamona.de |
|
Und das, obwohl bislang keinerlei wissenschaftliche Untersuchung existiert, die einen direkten Zusammenhang zwischen Gewalt in Spielen und dem Ausüben realer Gewalt nachweisen würde. Zugegeben: Tendenziell gewalttätige Menschen spielen oftmals solche Games. Doch sollte man keinesfalls den schwer wiegenden Fehler begehen, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Wenn überhaupt, dann spielen potenzielle Gewalttäter Ego-Shooter - der Umkehrschluss, dass alle Ego-Shooter- Spieler potenzielle Gewalttäter sind, funktioniert hier nicht!
Jugendschutz auf LAN-Partys
Keinesfalls steigert das Spielen von «Doom», «CS», «Quake» und ähnlichen die Aggressivität gegen reale Menschen. Es sind beispielsweise keine Fälle von gewalttätigen Zwischenfällen auf den LAN-Netzwerkpartys der Spielergemeinschaft bekannt. Der kruden Argumentation der Politiker zufolge müssten doch genau dort die Amokläufer von morgen versammelt sein – und sich früher oder später auch in der Realität Leid zufügen.
 |  Computerspiele auf der Elektronikmesse Cebit | Foto: dpa |
|
Solche LAN-Parties sind es im Übrigen auch, wo der Jugendschutz durch Zugangskontrollen funktioniert. Im Gegensatz zum Handel beispielsweise, wo mangelhafte Kontrolle der Jugendschutzgesetzte oftmals dazu führt, dass Spiele für Erwachsene an minderjährige Käufer abgegeben werden.Eines jedoch muss man den Politkern unabhängig von ihrem undifferenzierten Standpunkt letztendlich lassen: Das Thema «Killerspiele» ist wie geschaffen dazu, von den massiven finanziellen und sozialen Problemen in unserem Lande abzulenken.
Der Journalist Thomas Bayer ist Chefredakteur des Spiele-Portals «gamona.de», das die Webguidez Entertainment GmbH in Berlin betreibt. Er nutzte bereits die mittlerweile legendären Rechnermodelle Atari ST und Amiga 500 für Computerspiele.