netzeitung.de«Er ist immer zuvorkommend gewesen»

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Tatort in Emsdetten (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Tatort in Emsdetten
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach dem Amoklauf im westfälischen Städtchen Emsdetten helfen 60 Seelsorger den Schülern beim Verarbeiten des Ereignisses. Die Nachbarn des Täters sind voll des Mitgefühls für dessen Eltern.

Von Stefan Biestmann und Christiane Jacke

Polizisten bewachen den Pausenhof, rot-weiße Absperrbänder wehen im Wind, Jugendliche stehen ungläubig vor dem Schulgebäude: Auch einen Tag später ist das westfälische Städtchen Emsdetten schwer gezeichnet vom Amoklauf eines 18 Jahre alten Ex-Schülers der Geschwister-Scholl-Realschule. 37 Menschen wurden verletzt, der Amokschütze richtete sich schließlich selbst. An Unterricht ist an diesem Dienstag in der Geschwister-Scholl-Realschule nicht zu denken. Stattdessen durchsuchen Polizisten mit Spürhunden die Räume nach Spuren der blutigen Tat.

Etwa einen Kilometer von der Schule entfernt strömen Kinder mit ihren Eltern in ein Kulturzentrum. Rund 60 Seelsorger kümmern sich dort um die geschockten Schüler und unterhalten sich mit ihnen in kleinen Gesprächsgruppen über das Grauen des Vortags. «Ich habe den ganzen Abend zitternd auf dem Sofa gesessen und mir die Fernsehbilder angeschaut», sagt ein 13-Jähriger. Andere Schüler konnten kaum schlafen, hatten Magenprobleme oder litten unter Kopfschmerzen. «Mein Sohn musste sogar Beruhigungstabletten schlucken», sagt die Mutter eines Schülers.

«Erst einmal erzählen»
In den Gesprächsgruppen brechen einige Schüler in Tränen aus. «Wichtig ist, dass die Jugendlichen erst einmal erzählen können», sagt Wolfgang Busse, Leiter der Notfallseelsorge im Kreis Steinfurt. Auch die Lehrer kommen zum Betreuungs-Treffpunkt, um das Gespräch mit den Schülern und ihren Eltern zu suchen. «Das gibt uns allen viel Kraft», sagt eine Lehrerin.

Viele Eltern sind auch am Tag danach noch mitgenommen: Sie erzählen von dem Geschrei der Kinder vor der Schule und von verzweifelten Müttern und Vätern auf der Suche nach ihren Kindern. «Das waren so schreckliche Bilder», sagt Marion Rengers, Mutter einer Sechstklässlerin. Nicht alle Schüler lassen sich von den Seelsorgern betreuen: Einige bleiben zu Hause, andere liegen noch im Krankenhaus.

Hausmeister operiert
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) ist persönlich nach Emsdetten gereist, um gemeinsam mit Schulministerin Barbara Sommer (CDU) die verletzten Schüler im Krankenhaus zu besuchen. «Es wird noch lange Zeit dauern, bis sie dieses furchtbare Ereignis aufgearbeitet haben», sagt Rüttgers. Am schwersten verletzt wurde der Hausmeister der Schule, der seine erste Operation in einer Klinik in Münster gut überstanden hat. Eine im Gesicht verletzte schwangere Lehrerin hat mittlerweile das Krankenhaus verlassen.

Wie vom Schlag getroffen fühlen sich auch Nachbarn des Amokschützen. «Er ist immer zuvorkommend und höflich gewesen», sagt eine 42 Jahre alte Nachbarin, die mit den Eltern des 18-Jährigen befreundet ist. «Die Eltern haben immer alles für ihren Sohn getan.» Diese hat die Nachricht über den Amoklauf schwer mitgenommen. Sie werden ärztlich behandelt. «Die Familie tut mir unendlich leid», sagt Rengers. «Die Eltern haben einen Sohn verloren - das darf man nicht vergessen.»

Jemand, der ein Schild auf dem Schulhof anbrachte, hatte den gleichen Gedanken: «Lasst die Familie in Ruhe», heißt es dort. Doch am Tag danach blickt manch einer bereits nach vorne. Ein zweites Plakat trägt die Aufschrift: «Es ist passiert - wir können es nicht ändern.« (dpa)