«Nach Emsdetten ist vor Emsdetten»
21. Nov 2006 11:49
 |  Polizei vor der Realschule in Emsdetten | Foto: dpa |
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Kommentatoren deutscher Zeitungen haben betroffen auf den Überfall eines 18-Jährigen auf eine Schule in Nordrhein-Westfalen reagiert. Zugleich mahnen sie längst überfällige Maßnahmen an, um derartige «Gewalträusche» zu verhindern.
«Express»: Sonderlinge gibt es immer
Die Stillen, die Einzelgänger - jeder von uns hatte solche Schulkameraden. Von den meisten wurden sie ignoriert. Aber irgendwie gehörten solche Typen zum kleinen Kosmos Schule dazu. Und wenn wir heute unserer Kinder fragen, bestätigen sie: Solche Sonderlinge gibt es noch immer. Sonderlinge waren Sebastian B. in Emsdetten oder Robert Steinhäuser in Erfurt auch. Ihre Schweigsamkeit verbarg Abgründe von Hass, Hass auf die Welt, auf sich. Ihre Welt: Ballerspiel. Ihre Freunde: Schusswaffen. Und so werden viele von uns jetzt misstrauisch, wenn sie Schweigern begegnen. Steckt in dem verschlossenen Jungen von nebenan vielleicht auch ein Sebastian, ein Robert? Stehe ich auf einer Todes-Liste? Solche Reaktionen sind ganz verkehrt. Im Gegenteil, wir müssen uns um die Einsamen kümmern. Mit ihnen reden, statt gleichgültig dem Ballerspiel zu überlassen. Wer den Panzer des Schweigens knackt, berührt das Herz.
«Ostsee-Zeitung»: Moralische Grenzen gefallen
Längst hat die Gesellschaft vor darstellender Brutalität und Gewalt kapituliert. Moralische Grenzen sind gefallen, Tabubrüche sind an der Tagesordnung. Potenzielle Amokläufer finden ihre killenden «Vorbilder» heute auf der Festplatte, in PC- und Videospielen, im Fernsehen und Gazetten. Mit der schwindenden Verantwortung sinkt die Hemmschwelle der Konsumenten. Das wiederum sind vor allem junge Männer - wie der Amokläufer von Emsdetten.
«Main-Post»: Lange Ursachenkette
Wenn diese Gesellschaft die Gefahr weiterer Amokläufe verringern will, muss sie nichts weniger ändern als die Bedingungen, unter denen viele Jugendliche heute aufwachsen. (...) Rache ist kein übernatürliches Ereignis, keine Heimsuchung. Auch kein Hinweis auf einen psychischen Defekt. Rache ist das letzte Glied in einer langen Ursachenkette, die die soziale Realität einschließt. Denn Jugendliche stehen heute mehr denn je unter Druck.
«Volksstimme»: Konzepte nicht überzeugend
Eine Horrorvorstellung: Ein junger Mann geht in eine Schule, er zieht die Waffe, schießt auf mehrere Menschen und richtet sich anschließend selbst. Bewaffnet ist der 18-Jährige mit Sprengstoff und Rauchgasbomben. Was wie ein Drehbuch klingt, ist gestern zum wiederholten Mal Realität geworden. Geplant hatte der ehemalige Schüler die Tat seit 2004, verbreitete über das Internet seine Überlegungen zum Amoklauf, schrieb einen Abschiedsbrief. Heute hätte er sich vor Gericht wegen unerlaubten Waffenbesitzes verantworten müssen. All das macht stutzig: Hätte man die Tat nicht im Vorfeld verhindern können? Wie sicher sind unsere Kinder? Es klingt wenig überzeugend, wenn Nordrhein-Westfalens Innenminister sagt, dass sich das nach Erfurt entwickelte Polizei-Einsatzkonzept bewährt hätte. Das hätte es nur, wenn der Täter keinen Schuss hätte abgeben können.
«Westfalenpost»: Nicht nur Gewinner erziehen
Was fehlt, sind nicht etwa Verbote aller Ballerspiele. Was fehlt, ist die Vermittlung von Kompetenz im Umgang mit Aggression, Frustration, Versagen. Wir dürfen nicht nur Gewinner erziehen, sondern müssen auch Verlieren lehren.
«Neue Presse»: Nicht jeder Verlierer Amokläufer
Im Grunde genommen, sind die Pädagogen machtlos, wenn sich einer aus der normalen Welt in eine Internet-Scheinwelt voller Gewalt flüchtet, wo Hass und Verzweiflung zu mörderischen Gefühlen reifen und er zum Monster wird. Aber er zerstört nicht nur, er ist auch ein Zerstörter, das ist die große Tragik. Zum Glück wird nicht jeder Verlierer zum Amokläufer, aber wir ahnen schon jetzt, dass es ein nächstes Mal geben könnte. Und überhaupt: Nach Erfurt die gleichen großen Worte. Aber geschehen ist nichts. Auch diesmal wird es, wenn sich das Entsetzen gelegt hat, wieder wie damals sein: Nach Emsdetten ist vor Emsdetten.
«Mitteldt. Ztg.»: Nicht nur Staat verantwortlich
Die abscheuliche Tat des 18-jährigen Ex-Schülers aus Emsdetten erinnert in fataler Weise an das Erfurter Schulmassaker. Wie damals Robert Steinhäuser drehte mit Bastian B. auch an der Münsterländer Realschule ein junger Mann durch. Beide galten als Einzelgänger und gescheiterte Schulexistenzen. Beide hatten einen Faible für Waffen und offenbar keine Probleme, an sie heranzukommen. Beide ballerten per Computer alles nieder, was sich bewegte. Die Diskussion darüber ist durchaus berechtigt. Sie erspart aber nicht die Frage, warum niemand im Umfeld von Bastian B. dessen Drohungen ernst genommen hat? Denn nicht nur der Staat trägt Verantwortung.
«Neue Osnabrücker Zeitung»: Aufmerksamkeit hilft
Sebastian B. hat viele Hinweise auf seinen Racheplan gegeben: Mitschüler fürchteten ihn. Sie kannten den Hass auf die Schule und sein Faible für Gewaltspiele. Im Internet posierte Sebastian B. im Kampfanzug mit Waffen. Warum hat das niemanden aufgeschreckt? Eine Antwort wird genauso schwer zu finden sein wie ein Rezept, um solche Taten künftig zu verhindern. Auch das zeigt der Fall Emsdetten: Wir müssen uns anstrengen, um die Gewaltbereitschaft von jungen Menschen rechtzeitig aufzuspüren. Sebastian B. lebte nicht perspektivlos in einer Großstadt mit hoher Arbeitslosigkeit. In einer Familie auf dem Lande hat er sich aus seiner Außenseiterrolle in eine Welt mit brutalen Regeln verabschiedet. Dagegen hilft, ganz abgesehen vom Fall Sebastian B.: Aufmerksamkeit.
«Thüringische Landesztg.»: Versprechen gebrochen
Gut viereinhalb Jahre sind seit dem Gutenberg-Massaker vergangen. Und wieder müssen wir feststellen: Von Konsequenzen aus dem schrecklichen Ereignis ist zwar viel geredet worden. Passiert ist aber wenig. Wieder hat ein junger Mann offenbar ohne Waffenschein sich Pistolen besorgen können, hat er sich einen Sprengstoffgürtel umlegen können. Woher hat er sich die Waffen beschafft? Sollten nicht die Waffengesetze verschärft werden? Wieder hat sich ein frustrierter Ex-Schüler in einen Gewaltrausch gestürzt, animiert von Gewalt- Videos. Sollten die nicht verboten werden? Wieder hat sich der Hass wegen einer verkorksten Schullaufbahn in einem Amoklauf entladen. Wieder ertönt der Ruf nach mehr Schulpsychologen. Hat man nicht versprochen, hier für Abhilfe zu sorgen? (nz)