Parteien-Streit über Verbot von Killerspielen21. Nov 2006 07:08, ergänzt 09:07  |  Polizei vor der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten | Foto: dpa |
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Der Überfall auf eine münsterländische Realschule hat eine bundesweite Debatte über Killer-PC-Spiele ausgelöst. Unions-Politiker forderten einen strengeren Jugendschutz, die Grünen mahnten eine Debatte über Mediennutzung an.
Von Dietmar NeuererFührende Unions-Politiker haben sich angesichts der Schießerei in einer Schule in Nordrhein-Westfalen für ein konsequenteres Vorgehen gegen Gewalt verherrlichende Computerspiele ausgesprochen. «Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass der 18-jährige Täter sich über einen längeren Zeitraum und intensiv mit so genannten Killerspielen beschäftigt hat, müsste der Gesetzgeber nun endlich handeln», sagte CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach der Netzeitung.
Nach Ansicht des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm (CDU) leisten Killerspiele «einen verhängnisvollen Beitrag zur leider wachsenden Gewaltbereitschaft und fördern aggressives Verhalten». Deshalb müsse «konsequent gegen Spiele vorgegangen werden, die Gewalt verherrlichen», sagte Schönbohm der Netzeitung. «Spiele, in denen der Erfolg sich an der Verstümmlung und Ermordung möglichst vieler Menschen – Alter, Frauen, Kindern, Polizisten oder schlicht 'Feinden' misst, sind in keiner Hinsicht zu akzeptieren.»
 |  Volker Beck | Foto: dpa |
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Die Grünen wandten sich gegen ein Verbot von Killerspielen. «Wenn die Informationen zutreffen, dass der Täter gesellschaftlich isoliert war und seine Zeit hauptsächlich mit dem Spielen von Killerspielen verbracht hat, dann muss jetzt verstärkt eine Debatte um Förderung von Medienkompetenz und eine sinnvolle Computernutzung geführt werden», sagte der Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, Volker Beck der Netzeitung. «Hier reicht die einfältige Forderung der Großen Koalition nach einem Verbot von Killerspielen sicher nicht aus, zumal Verbotenes für Jugendliche bekanntlich umso reizvoller ist.»Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, warnte dagegen vor wachsender Gewalt in Filmen und Videospielen. «Brutale Computerspiele und Videofilme gaukeln Jugendlichen den schnellen Sieg des Stärkeren vor», schreibt Kraus in einem Gastbeitrag für «Bild». «Auswege für den Verlierer bieten sie nicht.» Von Eltern und Lehrern verlangt Kraus, ihren Kindern durch eigenes Handeln ein positives Zukunftsbild zu vermitteln: «Wir Erwachsenen müssen unseren Kindern immer wieder beweisen: Arbeit, Leistung, Treue, Verlässlichkeit, Familienleben - das sind trotz aller Probleme und Widerstände feste Werte, für die es sich zu leben lohnt. Eine Gesellschaft, die diese Werte verliert, läuft irgendwann selber Amok.»
Fünf Menschen angeschossen Beck wies darauf hin, dass die Grünen-Fraktion bereits Anfang des Jahres Maßnahmen angemahnt habe, «um sinnvolle Computernutzung zu fördern und Isolation zu vermeiden».Ein 18-Jähriger hatte am Montag seine frühere Realschule in Emsdetten überfallen und fünf Menschen angeschossen. Dann tötete er sich selbst. Insgesamt wurden bei dem im Internet angekündigten Überfall 27 Menschen verletzt. Ehemalige Lehrer des 18-Jährigen hatten angegeben, er sei für sein Faible für das Gewalt verherrlichende Computerspiel «Counter- Strike» bekannt gewesen.
 |  Wolfgang Bosbach | Foto: dpa |
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Der CDU-Innenexperte Bosbach verwies auf einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen, wonach die «intensive Beschäftigung mit Killerspielen zumindest bei einem Teil der Jugendlichen Besorgnis erregende Folgen» habe. «Das Sinken von Hemmschwellen und die Bereitschaft, in der Realität Gewalt anzuwenden, kann deutlich ansteigen», sagte Bosbach. Er plädiere daher für eine Verschärfung des Jugendschutzes: «Wir brauchen einen wirksamen Jugend-Medienschutz, aber keine Killerspiele, die zur Verrohung führen können», sagte er. «Die Innenministerkonferenz beschäftigt sich schon seit langem damit, und es wäre gut, wenn Bund und Länder möglichst rasch das Thema behandeln würde.»
 |  Dieter Wiefelspütz | Foto: dpa |
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Ähnlich äußerte sich der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz. «Ich bin sehr dafür, ein Verbot von Killerspielen in Betracht zu ziehen», sagte er der Netzeitung. Gleichzeitig betonte er, dass nicht jeder, der ein solches Spiel spiele, «automatisch zum Massenmörder» werde.
Herstellungsverbot für PC-Spiele Brandenburgs Innenminister Schönbohm kritisierte die Praxis der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) scharf. Die Prüfung der Spiele durch die Selbstkontrolle funktioniere offensichtlich nur «mangelhaft» und stehe nicht im Einklang mit dem Jugendschutzrecht. «Es ist unerträglich, dass Spiele offen in den Handel gelangen, deren Vorläufer noch indiziert waren, obwohl die neuen Versionen noch brutaler sind», sagte der Minister.
 |  Jörg Schönbohm | Foto: Norbert Spitzer/NZ |
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Die bisher gemachten Erfahrungen zeigten: «Ein wirksamer Jugendschutz kann offenbar nur erreicht werden, wenn besonders schädliche Computerspiele nicht mehr hergestellt beziehungsweise der Zugriff für Jugendliche erheblich erschwert wird.»
Fall erinnert an US-Verhältnisse Dass Killerspiele auch im Internet angeboten werden, nannte Schönbohm eine besondere Herausforderung. «Es muss durch geeignete technische Filter verhindert werden, dass Jugendliche Zugang zu diesen Spielen erhalten. Auf diesem Feld sind vor allem die Provider gefordert», sagte der CDU-Politiker. Er rief die Provider dazu auf, von sich aus zu handeln und damit zu zeigen, dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst seien.Der Grünen-Politiker Beck zeigte sich betroffen von den Ereignissen in Emsdetten. Der Vorfall sei von «einer erschreckenden Intensität, die schon an amerikanische Verhältnisse erinnert». Es hätte sehr viele Tote geben können. «Man muss jetzt die Umstände und Hintergründe der Tat und des Täters intensiv analysieren.» Auch SPD-Innenexperte Wiefelspütz sagte, im konkreten Fall müssten die «Persönlichkeit des Täters und seine Motive» genau analysiert werden. Statt «blitzschnelle Erklärungsmuster» zu bemühen, müsse es darum gehen, zunächst die Hintergründe des Falls aufzuklären und dann über Folgen nachzudenken.
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