27.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Medien berichten über Bundeswehr-Skandal
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Affäre um die Totenschändung durch Bundeswehrsoldaten in Afghanistan zieht weitere Kreise. Neue Fotos und Details wurden bekannt. Thema: Bundeswehr- Skandal EU-Grüne fordern Nato zum Handeln auf Jung suspendiert Skandal-Soldaten FDP warnt vor Zeigen weiterer Skandalfotos Bundeswehrsoldat spricht über Schädelfotos Weitere Afghanistan-Bilder aufgetaucht
Die wachsende Zahl von Totenschändungen durch deutsche Soldaten in Afghanistan belasten zunehmend das Ansehen der Bundeswehr. Das Auftauchen einer dritten Bilderserie sorgte am Freitag erneut für Aufsehen. Medien und Politiker schlossen nicht aus, dass es noch weit mehr Fotos als die bisher veröffentlichten gibt. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hat die ersten personellen Konsequenzen gezogen: Er suspendierte zwei Soldaten mit sofortiger Wirkung vom Dienst.
Die beiden Männer gehörten zu einer Gruppe von sechs Soldaten, denen die Totenschändungen im Jahr 2003 zur Last gelegt wurden. Im zweiten Fall - die die bei RTL gezeigten Fotos betreffen - seien in der Zwischenzeit drei Tatverdächtige ermittelt worden. Wie es hieß, werde ein Hauptfeldwebel verhört.
«Bild» publiziert dritte FotoserieDie auf den RTL-Fotos abgebildeten Bundeswehrangehörigen gehören dem Panzergrenadier-Bataillon 182 im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg an. Entsprechende ARD-Informationen wurde im Verteidigungsministerium ausdrücklich nicht dementiert. Die Soldaten seien im Rahmen des 5. Einsatzkontingents der internationalen Schutztruppe Isaf im ersten Halbjahr 2004 in und um Kabul im Einsatz gewesen. Sieben andere Verdächtigte sind oder waren in Mittenwald (Bayern) bei den Gebirgsjägern stationiert.
Die «Bild»-Zeitung wird an diesem Samstag die dritte Fotoserie veröffentlichen. Dem Blatt liegen nach eigenen Angaben «dutzende neuer Bilder» vor, die deutsche ISAF-Soldaten beim makaberen Umgang mit Leichenteilen zeigen. Die Staatsanwaltschaft München II hat inzwischen die Ermittlungen übernommen. Vorerst richteten sich die Ermittlungen gegen einen Soldaten aus Oberbayern, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl der Nachrichtenagentur dpa.
Pistole an Schädel gehaltenAuf den jüngsten Fotos ist laut «Bild» unter anderem zu sehen, wie ein Soldat einem aus verschiedenen menschlichen Knochen zusammengesetzten Skelett in der Art einer Hinrichtungsszene eine Pistole an den Totenschädel halte. Auf einem anderen Foto wurde einem Totenschädel ein Bundeswehr-Barett aufgesetzt. Auf einer weiteren Fotografie ist der Schriftzug «CSR-Team» aus Menschenknochen sichtbar. «CSR» ist laut «Bild» die bei den Soldaten benutzte militärische Abkürzung (englisch: campside reconnaissance, Deutsch: Gelände-Aufklärung rund um das deutsche Camp) für ihre Patrouillen.
Ein Augenzeuge berichtete in der «Bild»-Zeitung über die makabren Handlungen. Danach stammen die sterbliche Überreste nicht von einem Friedhof. Das Gelände, auf dem die Soldaten Schädel gefunden hätten, sei ähnlich einer großen Kiesgrube. Nach eigenen Angaben war er bei einer der Patrouillen dabei. Afghanen hätten an der Stelle Lehm abgegraben, den sie für Ziegel benötigt hätten. «Dabei kamen diese ganzen Knochen raus. Es war kein Friedhof, keine Kultstätte», sagte der Mann, der anonym bleiben wollte.
Beteiligung anderer Nationen unklarNach Angaben des Zeugen gab ein Vorgesetzter den Befehl zum Anhalten an der Grube. Auf die Frage, ob es bei der Schändung eine Art Gruppenzwang gegeben habe, sagte der Mann: «Zwang würde ich nicht sagen. Aber es war schon so: Wenn man das nicht mitmacht, heißt es: Du Weichei, was stellst du dich so an.» Die Bundeswehrführung geht weiterhin von Einzelfällen aus, sagte Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan.
Die Nato hat keinerlei Informationen darüber, dass möglicherweise auch Soldaten anderer Nationen der Afghanistan-Schutztruppe Isaf sich an Totenschändungen beteiligt haben. «Uns liegen keinerlei Informationen in dieser Richtung vor», sagte ein Nato-Sprecher in Brüssel. Die ARD und die «Leipziger Volkszeitung» hatten berichtet, dass es in der Nähe der afghanischen Hauptstadt Kabul häufiger zu Foto-Aktionen auch mit Soldaten von anderen Nationen der Isaf-Truppe mit Totenschädeln gekommen sei. (nz)