26.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Wiederaufbauteam der Bundeswehr in Afghanistan
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der Skandal um schändliche Fotos deutscher Soldaten weitet sich aus. Mehrere Fotos wurden einem deutschen TV-Sender zugespielt. Auf einem der Bilder ist ein Unteroffizier zu sehen, der einen Totenschädel küsst. Thema: Bundeswehr- Skandal Schändungsfotos für Verband unproblematisch Bundeswehr prüft nach Fotoskandal Ausbildung Fotoaffäre alarmiert deutsche Botschaften «Soldatenfotos wirken wie Brandbeschleuniger» Auslandspresse: Ruf der Bundeswehr beschädigt
Der Grünen- Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele geht davon aus, dass die bisher bekannten Fotos über Totenschändung durch deutsche Soldaten nur die Spitze des Eisbergs sein könnten. Er wisse von «mindestens einem halben Dutzend Leuten, dass hunderte solche Bilder existieren sollen», sagte Ströbele am Donnerstag am Rande des BND-Ausschusses in Berlin. Die Bilder sollen auch aus Zeiten der KSK-Einsätze stammen. Über die Inhalte der Fotos wisse er nichts. «Wenn es die gibt, glaube ich aber nicht, dass sie fürs Poesie-Album gemacht sind», sagte Ströbele.
Schädel auf FronthaubeDer Nachrichtensendung «RTL Aktuell» wurden indessen am Donnerstag mehrere Fotos aus Afghanistan zugespielt, die deutsche Soldaten erneut in schockierenden Posen mit einem Totenschädel zeigen, wie der Sender meldete.
Auf den vorliegenden und mit einer Digitalkamera aufgenommenen Bildern sei zu sehen, wie ein Unteroffizier einen Schädel, der auf dem Bizeps seines linken Oberarms liegt, küsst. Auf einem anderen Foto posiert ein Soldat vor einem Jeep der Isaf, auf dessen Fronthaube ebenfalls ein Totenschädel liegt. Die Fotos zeigen nach RTL-Angaben als Kennung den 11. März 2004 und seien demnach jüngeren Datums als die in der «Bild»-Zeitung veröffentlichten Bilder.
Knochenfeld als Foto-StationDie «Leipziger Volkszeitung» berichtet zudem von einem Knochenfeld in der Nähe von Kabul, das mehrfach Posier- und Fotostation für Soldaten der internationale Schutztruppe Isaf gewesen sein soll. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten in den vergangenen drei Jahren habe es «offenbar mehrfach» Foto-Aktionen deutscher Soldaten mit Gebeinen in der Hand gegeben schreibt das Blatt unter Berufung auf Bundeswehrkreise. Auch Soldaten anderer Nationen hätten sich in demonstrativer Pose gezeigt.
Der Sprecher des Verteidigungsministeriums konnte den Bericht auf Anfrage zunächst nicht bestätigen. Wie die «Leipziger Volkszeitung» berichtete, soll es sich bei den Foto-Aktionen «um eine Art Insider-Tipp unter einigen Soldaten» gehandelt haben, der auch an andere Kontingente und andere Nationalitäten weitergereicht wurde. Kenner der Szene gingen inzwischen von einem regen Handel mit derlei geschmacklosen Belegen aus, berichtete das Blatt. In Szene-Kreisen sei von Beträgen um die 20.000 Euro als Honorar die Rede, die derlei optische Belege einbrächten.
Kommandeur tief betroffenDie Ermittlungen zu der Totenschändung durch deutsche Isaf- Soldaten in Afghanistan hat unterdessen die Staatsanwaltschaft München II übernommen. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft werde das Verfahren umgehend dorthin abgeben, da ein Beschuldigter aus dem Zuständigkeitsbereich der Münchner Staatsanwaltschaft identifiziert worden sei, sagte ein Sprecher. Insgesamt soll jetzt gegen sieben statt bisher sechs mögliche Beteiligte ermittelt werden.
Der Kommandeur des betroffenen Gebirgsjäger-Bataillons in Mittenwald verurteilte die Skandalfotos scharf. Das Verhalten der Soldaten sei «ein Nackenschlag» für die Einheit, sagte Oberstleutnant Michael Warter dem «Münchner Merkur». Der Schaden sei unglaublich. Er könne die Taten nicht nachvollziehen. Den Ermittlungen zufolge waren die verdächtigen Soldaten im Mittenwalder Gebirgsjäger-Bataillon 233 stationiert. Warter ist der Zeitung zufolge seit Februar 2006 Kommandeur.
Auch Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan zeigte sich schockiert über neue Fotos deutscher Soldaten in Afghanistan. «Es ist nicht zu fassen, dass es solche Menschen gibt», sagte er RTL. Diese Soldaten gefährdeten mit ihrem Verhalten die tadellose Arbeit ihrer Kameraden. Trotz der neuen Veröffentlichung geht Schneiderhan weiter von Einzelfällen aus. «Es sind Einzelne, die eben fehlgeleitet sind und nicht verstanden haben, um was es geht.»
Afghanische Regierung bestürztDie afghanische Regierung zeigte sich am Donnerstag bestürzt über die Skandalfotos mit Bundeswehrsoldaten. Das Verhalten der Soldaten widerspreche islamischen Werten und der afghanischen Tradition, hieß es in einer Stellungnahme des Außenministeriums. Die deutschen Behörden wurden aufgefordert, die Verantwortlichen zu bestrafen und sicherzustellen, dass sich so ein Vorfall nicht wiederholt.
Die Nato äußerte die Sorge, der Skandal könne sich negativ auf die schon jetzt schwierige Mission in Afghanistan auswirken. Sprecher Luke Knittig sagte, die Allianz werde die Ermittlungen der deutschen Behörden nach Kräften unterstützen. (nz)