«Soldatenfotos wirken wie Brandbeschleuniger»
26.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Bericht über Skandalfotos
Foto: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die deutschen Leitartikler finden die Skandalfotos deutscher Soldaten unisono beschämend. Konsequenzen seien unumgänglich. Nur welcher Art, darüber herrscht häufig Ratlosigkeit. .zwischentitel { font: bold 11px verdana, arial, helvetica, sans-serif; display: block; padding: 1px 3px 1px 3px; } «Süddeutsche Zeitung»: In Krieg geraten Wenn sich Politiker nun über Untaten deutscher Soldaten empören, so ist das verständlich. Sie sollen tun, was sie können, um solche Ereignisse zu verhindern. Die eigentliche Auseinandersetzung mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehr aber hat noch nicht einmal begonnen: Denn Deutschland wollte helfen. Aber wir sind in einen Krieg geraten. «Leipziger Volkszeitung»: Schuld bei Politik Die Verbindung des nackten männlichen Mittelstücks mit einem Totenschädel ist in ihrer Wirkung vergleichbar mit der demütigenden Hundestellung, wie sie von US-Kriegssoldaten aus dem Irak übermittelt wurden. Schuldig bleibt die Politik und die Armeeführung die alles entscheidende Antwort auf die zentrale Frage: Verändert der Einsatz im Ausland die Anforderung an die moralische und demokratische Stabilität der beteiligten Soldaten und wie kann diesem neuen Einsatzprofil Rechnung getragen werden? Womöglich erhält die Bundeswehr neben all der Diskussion um Gerät, Geld und Einsatz- Beschreibungen im Ausland wie im Inneren noch ein ganz großes Problem: Wie geht man damit um, dass die ökonomische Krise dazu geführt hat, dass sich in der Truppe auch das «abgehängte Prekariat» sammelt? «Münchner Merkur»: Unglaublich dumm Bei allem Entsetzen über die abstoßenden Bilder aus Afghanistan: Die Soldaten der Bundeswehr, die sich mit einem menschlichen Schädel in makabren Posen fotografieren ließen, haben weder gemordet noch gefoltert. Es ist also nicht von einem Kapitalverbrechen die Rede, sondern von einer Handlung, die Abstumpfung, Rohheit, Perversion verrät und die vor allen Dingen eins ist: unglaublich dumm. Weil spätestens seit den Fotos aus dem amerikanischen Foltergefängnis Abu Ghraib niemand mehr sagen kann, er habe von der Sprengkraft gewisser Dokumente nichts geahnt. Wer sich an den Sturm in der islamischen Welt erinnert, der sich nach den Mohammed-Karikaturen erhob, lässt alle Hoffnung fahren, dass die Tat der deutschen Soldaten als das bewertet wird, was sie ist: Eine verabscheuungswürdige Aktion einiger weniger. «Neue Osnabrücker Zeitung»: Strafe reicht nicht Zum politischen Skandal, zur Schande für das Land wird ihre Tat, weil diese Fotos im Einsatz entstanden. Durch diesen Zusammenhang ist die Ebene der Jagd nach menschlichen Trophäen erreicht, der niedersten Instinkte. Entrüstung und Strafe reichen daher nicht aus als Reaktion. Die Bundeswehr muss erkennen: Nie war für sie das Prinzip der inneren Führung - die Orientierung an Werten und an der Erziehung zur Verantwortung - wertvoller als jetzt, da sie in Konflikte eingreift. An Parlament und Regierung liegt es, dieser Erkenntnis Nachdruck zu verschaffen. «Südkurier»: Schlimmes zu befürchten Brisanter ist die Frage, wie diese Entgleisung in Afghanistan ankommt. Die Erfahrungen der Amerikaner lassen Schlimmes befürchten. Jede angebliche oder tatsächliche Schändung des Koran in Guantanamo sprach sich in Windeseile herum. Die Folgen bekommen US-Soldaten im Einsatzland zu spüren: Ihnen weht ein Gluthauch ins Gesicht. Ähnliches droht der Bundeswehr. Bisher genossen die Deutschen in Afghanistan einen glänzenden Ruf. Doch allmählich kippt die Stimmung. Die Situation im Süden ist längst außer Kontrolle, die Nato-Truppen stehen unter Druck. Noch scheut sich die Bundesregierung, die Konsequenzen zu benennen: Brennt es im Süden weiter, wird die Bundeswehr zu Hilfe eilen müssen. Dann ist sie Teil eines Krieges, bei dem keineswegs gewiss ist, wer ihn gewinnt. Die makabren Bilder von Kabul wirken da wie ein Brandbeschleuniger. «Kölnische Rundschau»: Fataler Zeitpunkt Die Fotos sind fraglos beschämend. Hier muss nach der moralischen Schulung der Soldaten gefragt werden, auch nach den Kriterien ihrer Auswahl und ihrer Schulung. Aber es muss bedacht werden, dass es sich nach bisheriger Sachlage um Einzelfälle handelt, die umgehend geahndet werden müssen. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) aber treffen die Vorkommnisse zu einem fatalen Zeitpunkt. Die Vorlage des Weißbuchs mit der Erweiterung und Umdefinition des Bundeswehr- Auftrages zeigen nämlich vor allem eins: Die Entwicklung der Aufgaben der Bundeswehr hat sich viel rasanter vollzogen als das öffentliche Bewusstsein. In der Bevölkerung wird immer häufiger die Frage gestellt, ob das denn alles sein müsse. «Stuttgarter Zeitung»: Entsetzliche Fehler Vielleicht wird nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die demokratische Öffentlichkeit sich daran gewöhnen müssen, dass natürlich auch deutsche Soldaten nicht in jeder Lage alles richtig machen. Man muss heute vielleicht damit rechnen, dass manche Situation im Ausland Einzelne überfordert dass manchmal auch in der Bundeswehr mit ihren hohen moralischen Ansprüchen große, sogar entsetzliche Fehler passieren können. Vielleicht ist es Zeit zu erkennen, dass die Vorstellung von den Friedensengeln in Uniform bei allem Vertrauen in die tief demokratische Verfasstheit der Bundeswehr immer eine Illusion gewesen ist. Das entbindet allerdings keinen Minister, keinen Abgeordneten und keinen Offizier von der Aufgabe, die demokratische Verfasstheit der deutschen Armee und die Verpflichtung ihrer Soldaten auf Humanität, Menschlichkeit und Völkerrecht hochzuhalten und einzuklagen. «Kieler Nachrichten»: Hirnlose Typen Eines darf bei aller berechtigter Aufregung um diesen Fall aber nicht vergessen werden: Die Bundeswehr genießt überall, wo sie im Ausland auftritt, großes Ansehen. Der Grund dafür ist überall das große Engagement für die Bevölkerung, das vielfach weit über den rein militärischen Auftrag hinausgeht. Reden wir die Sache nicht klein, aber betrachten wir sie als das, was sie ist: Die Entgleisung einer Hand voll hirnloser Typen, die nie wieder eine deutsche Uniform tragen werden. «Thüringer Allgemeine»: Kein «Sauberer Krieg» Einen «sauberen Krieg» gibt es nicht. Jeder Tag bringt in Afghanistan Tote und Scheußlichkeit. Die Situation ist derart aufgeheizt, dass ein Zwischenfall zur Explosion führen kann. Dennoch fotografierten sich Bundeswehrsoldaten bei der Schändung eines gefundenen Totenkopfes. Mit den Aufnahmen von Folterungen im US- Gefängnis Abu Ghraib ist das nicht zu vergleichen. Doch wenn die in Deutschland millionenfach verbreiteten Bilder Hasspredigern in die Hände fallen, werden keine Unterschiede gemacht. Bislang begleitete die Bundeswehr am Hindukusch ein guter Name, der sie weitgehend schützte. Im Fall der Dänen reichten Mohammed-Karikaturen aus, um alles ins Gegenteil zu verkehren. (nz)
«Süddeutsche Zeitung»: In Krieg geratenWenn sich Politiker nun über Untaten deutscher Soldaten empören, so ist das verständlich. Sie sollen tun, was sie können, um solche Ereignisse zu verhindern. Die eigentliche Auseinandersetzung mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehr aber hat noch nicht einmal begonnen: Denn Deutschland wollte helfen. Aber wir sind in einen Krieg geraten.
«Leipziger Volkszeitung»: Schuld bei Politik Die Verbindung des nackten männlichen Mittelstücks mit einem Totenschädel ist in ihrer Wirkung vergleichbar mit der demütigenden Hundestellung, wie sie von US-Kriegssoldaten aus dem Irak übermittelt wurden. Schuldig bleibt die Politik und die Armeeführung die alles entscheidende Antwort auf die zentrale Frage: Verändert der Einsatz im Ausland die Anforderung an die moralische und demokratische Stabilität der beteiligten Soldaten und wie kann diesem neuen Einsatzprofil Rechnung getragen werden?
Womöglich erhält die Bundeswehr neben all der Diskussion um Gerät, Geld und Einsatz- Beschreibungen im Ausland wie im Inneren noch ein ganz großes Problem: Wie geht man damit um, dass die ökonomische Krise dazu geführt hat, dass sich in der Truppe auch das «abgehängte Prekariat» sammelt?
«Münchner Merkur»: Unglaublich dummBei allem Entsetzen über die abstoßenden Bilder aus Afghanistan: Die Soldaten der Bundeswehr, die sich mit einem menschlichen Schädel in makabren Posen fotografieren ließen, haben weder gemordet noch gefoltert. Es ist also nicht von einem Kapitalverbrechen die Rede, sondern von einer Handlung, die Abstumpfung, Rohheit, Perversion verrät und die vor allen Dingen eins ist: unglaublich dumm. Weil spätestens seit den Fotos aus dem amerikanischen Foltergefängnis Abu Ghraib niemand mehr sagen kann, er habe von der Sprengkraft gewisser Dokumente nichts geahnt. Wer sich an den Sturm in der islamischen Welt erinnert, der sich nach den Mohammed-Karikaturen erhob, lässt alle Hoffnung fahren, dass die Tat der deutschen Soldaten als das bewertet wird, was sie ist: Eine verabscheuungswürdige Aktion einiger weniger.
«Neue Osnabrücker Zeitung»: Strafe reicht nicht Zum politischen Skandal, zur Schande für das Land wird ihre Tat, weil diese Fotos im Einsatz entstanden. Durch diesen Zusammenhang ist die Ebene der Jagd nach menschlichen Trophäen erreicht, der niedersten Instinkte. Entrüstung und Strafe reichen daher nicht aus als Reaktion. Die Bundeswehr muss erkennen: Nie war für sie das Prinzip der inneren Führung - die Orientierung an Werten und an der Erziehung zur Verantwortung - wertvoller als jetzt, da sie in Konflikte eingreift. An Parlament und Regierung liegt es, dieser Erkenntnis Nachdruck zu verschaffen.
«Südkurier»: Schlimmes zu befürchtenBrisanter ist die Frage, wie diese Entgleisung in Afghanistan ankommt. Die Erfahrungen der Amerikaner lassen Schlimmes befürchten. Jede angebliche oder tatsächliche Schändung des Koran in Guantanamo sprach sich in Windeseile herum. Die Folgen bekommen US-Soldaten im Einsatzland zu spüren: Ihnen weht ein Gluthauch ins Gesicht. Ähnliches droht der Bundeswehr. Bisher genossen die Deutschen in Afghanistan einen glänzenden Ruf. Doch allmählich kippt die Stimmung. Die Situation im Süden ist längst außer Kontrolle, die Nato-Truppen stehen unter Druck. Noch scheut sich die Bundesregierung, die Konsequenzen zu benennen: Brennt es im Süden weiter, wird die Bundeswehr zu Hilfe eilen müssen. Dann ist sie Teil eines Krieges, bei dem keineswegs gewiss ist, wer ihn gewinnt. Die makabren Bilder von Kabul wirken da wie ein Brandbeschleuniger.
«Kölnische Rundschau»: Fataler ZeitpunktDie Fotos sind fraglos beschämend. Hier muss nach der moralischen Schulung der Soldaten gefragt werden, auch nach den Kriterien ihrer Auswahl und ihrer Schulung. Aber es muss bedacht werden, dass es sich nach bisheriger Sachlage um Einzelfälle handelt, die umgehend geahndet werden müssen. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) aber treffen die Vorkommnisse zu einem fatalen Zeitpunkt. Die Vorlage des Weißbuchs mit der Erweiterung und Umdefinition des Bundeswehr- Auftrages zeigen nämlich vor allem eins: Die Entwicklung der Aufgaben der Bundeswehr hat sich viel rasanter vollzogen als das öffentliche Bewusstsein. In der Bevölkerung wird immer häufiger die Frage gestellt, ob das denn alles sein müsse.
«Stuttgarter Zeitung»: Entsetzliche Fehler Vielleicht wird nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die demokratische Öffentlichkeit sich daran gewöhnen müssen, dass natürlich auch deutsche Soldaten nicht in jeder Lage alles richtig machen. Man muss heute vielleicht damit rechnen, dass manche Situation im Ausland Einzelne überfordert dass manchmal auch in der Bundeswehr mit ihren hohen moralischen Ansprüchen große, sogar entsetzliche Fehler passieren können. Vielleicht ist es Zeit zu erkennen, dass die Vorstellung von den Friedensengeln in Uniform bei allem Vertrauen in die tief demokratische Verfasstheit der Bundeswehr immer eine Illusion gewesen ist. Das entbindet allerdings keinen Minister, keinen Abgeordneten und keinen Offizier von der Aufgabe, die demokratische Verfasstheit der deutschen Armee und die Verpflichtung ihrer Soldaten auf Humanität, Menschlichkeit und Völkerrecht hochzuhalten und einzuklagen.
«Kieler Nachrichten»: Hirnlose TypenEines darf bei aller berechtigter Aufregung um diesen Fall aber nicht vergessen werden: Die Bundeswehr genießt überall, wo sie im Ausland auftritt, großes Ansehen. Der Grund dafür ist überall das große Engagement für die Bevölkerung, das vielfach weit über den rein militärischen Auftrag hinausgeht. Reden wir die Sache nicht klein, aber betrachten wir sie als das, was sie ist: Die Entgleisung einer Hand voll hirnloser Typen, die nie wieder eine deutsche Uniform tragen werden.
«Thüringer Allgemeine»: Kein «Sauberer Krieg»Einen «sauberen Krieg» gibt es nicht. Jeder Tag bringt in Afghanistan Tote und Scheußlichkeit. Die Situation ist derart aufgeheizt, dass ein Zwischenfall zur Explosion führen kann. Dennoch fotografierten sich Bundeswehrsoldaten bei der Schändung eines gefundenen Totenkopfes. Mit den Aufnahmen von Folterungen im US- Gefängnis Abu Ghraib ist das nicht zu vergleichen. Doch wenn die in Deutschland millionenfach verbreiteten Bilder Hasspredigern in die Hände fallen, werden keine Unterschiede gemacht. Bislang begleitete die Bundeswehr am Hindukusch ein guter Name, der sie weitgehend schützte. Im Fall der Dänen reichten Mohammed-Karikaturen aus, um alles ins Gegenteil zu verkehren. (nz)