netzeitung.deSorge um Bundeswehr-Sicherheit in Afghanistan

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Deutsche Soldaten in Afghanistan (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Deutsche Soldaten in Afghanistan
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Nach der Veröffentlichung von Fotos einer angeblichen Totenschändung durch deutsche Soldaten in Afghanistan warnen Experten vor einer gewachsenen Gefahr für die Bundeswehr vor Ort. Die Zustimmung für Anschläge könne steigen. Thema: Bundeswehr-Skandal FDP empört über Roths Bundeswehr-Kritik «Bild» verweigert Herausgabe von Soldatenfotos Hintergrund: Gewalt in der Bundeswehr Skandal- Soldaten kommen aus Bayern Kritik an Struck nach Totenschändung

Dem Ansehen der Bundeswehr in Afghanistan droht wegen der angeblichen Totenschändung durch deutsche Soldaten erheblicher Schaden und möglicherweise eine wachsende Gefahr. Wissenschaftler, Bundeswehr- und Kirchenvertreter verurteilten am Mittwoch das Verhalten der beteiligten Soldaten. Sie äußerten die Sorge, dass die Bilder in Afghanistan Demonstrationen und Anschläge auslösen könnten.

Der Orientexperte Udo Steinbach fürchtet, dass der Einsatz für deutsche Soldaten in Afghanistan «potenziell gefährlicher» werde. Die Störung der Totenruhe werde von Muslimen als «übles Vergehen empfunden» sagte der Direktor des Hamburger Orient-Instituts der in Düsseldorf erscheinenden «Rheinischen Post». Islamisten würden jetzt ein höheres Maß an Rechtfertigung und mehr emotionale Zustimmung für gewaltsame Angriffe auf die Deutschen empfinden. Auch die ehemals «sehr positive Wahrnehmung» der Deutschen bei unvoreingenommenen Afghanen werde Kratzer bekommen.

Das Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung befürchtet ebenfalls Unruhen, da solche Bilder für Muslime kaum zu ertragen seien. Der Afghanistan-Experte des Zentrums, Conrad Schetter, sagte der Netzeitung, die Störung der Totenruhe sei in islamischen Augen an «Unerträglichkeit kaum zu überbieten». Er könne sich vorstellen, dass es nach den Freitagsgebeten landesweit zu Demonstrationen kommt. Diese könnten sich in Gewaltausbrüchen entladen. Um dies zu verhindern, müsse die Bundeswehr sofort das Gespräch mit islamischen Geistlichen suchen und sich entschuldigen.

«Ganz sicher Reaktionen»
Auch der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands, Bernhard Gertz, sieht durch den heute bekannt gewordenen Bundeswehr-Skandal eine wachsende Gefahr von Anschlägen auf deutsche Soldaten in Afghanistan. In einem Interview mit dem Fernsehsender «Phoenix» sagte er: «Die Kommandeure vor Ort werden sich überlegen müssen, mit welchen Reaktionen sie zu rechnen haben, wenn da Sender wie Al Dschasira das in der gesamten arabischen und muslimischen Welt verbreiten werden. Man muss auch damit rechnen, dass Al Qaeda und Taliban ihren Landsleuten sagen: Passt mal auf, so gehen die Ungläubigen, so gehen die Deutschen mit unseren Toten um.» Dies werde «ganz sicher Reaktionen auslösen», so Gertz. Man müsse möglicherweise mit Demonstrationen rechnen und es könne auch sein, dass die Unterstützerszene der Terroristen sich verbreitere. Wörtlich fügte Gertz hinzu: «Die Sorge, dass die Anschläge sich häufen könnten, ist jedenfalls nicht fehl am Platze.»

Es gebe aus 13 Jahren Bundeswehreinsatz im Ausland kein vergleichbares Foto und keine vergleichbare Handlung. «Und ich hoffe auch, dass das so bleibt», sagte der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes. «Dieses Vorgehen ist in der Tat geeignet, die ganze arabische, muslimische Welt gegen uns aufzubringen und damit auch das gute Bild, das die Soldaten gerade auch in Afghanistan bisher hinterlassen haben, deutlich zu verdunkeln.» Weiter sagte Gertz: «Wenn man auf die Menschen zugehen soll, dann macht man mit einem solchen Verhalten unglaublich viel kaputt.» Man müsse damit rechnen, «dass das Rückwirkungen auf die Sicherheit der deutschen Soldaten haben wird.»

«Entsetzen und Abscheu»
Der katholische Militärbischof Walter Mixa reagierte «mit Entsetzen und Abscheu» auf die Fotos, wandte sich aber zugleich gegen vorschnelle Verurteilungen. Es gelte, die Vorfälle restlos aufzuklären, sagte Mixa bei der Gesamtkonferenz der hauptamtlichen Militärseelsorger in Freising. Der Bischof betonte, der Vorgang mache deutlich, wie unverzichtbar die Sensibilisierung und Stärkung des ethischen Bewusstseins der Soldaten sei. Er forderte, die Militärseelsorger müssten in ihrem lebenskundlichen Unterricht und in der Einsatzvorbereitung noch intensiver auf die sittliche Verantwortung des Soldatenberufs eingehen.

Die «Bild»-Zeitung hatte auf der ersten Seite Fotos von 2003 gezeigt, die vermutlich deutsche Isaf-Soldaten mit einem Totenschädel zeigen. Wegen der Bilder leitete die Staatsanwaltschaft Potsdam am Mittwoch ein Ermittlungsverfahren ein.

Der evangelische Bischof Wolfgang Huber bezeichnete die Leichenschändung im «Kölner Stadt-Anzeiger» als Perversität. Ein Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan sei aber trotz solcher «erschütternden Begleiterscheinungen» derzeit nicht zu verantworten. Das Verhalten sei auch keine «unausweichliche Folge» davon, dass Soldaten auf Auslandseinsätzen «in kriegerische Mentalitäten» hineingezogen würden. Dies würde eine Pauschalverdächtigung aller Soldaten bedeuten.

Tiefen Respekt vor den Toten
Der katholische Militärpfarrer Michael Waldschmitt, der bis Ende September die deutschen Truppen in Kabul begleitete, sagte, in der afghanischen Kultur gebe es einen tiefen Respekt vor den Toten. Das Verhalten der Soldaten und die Störung der Totenruhe würden als Demütigung empfunden. Der Geistliche wandte sich gegen den Eindruck, dass der Einsatz in Afghanistan zu einer Verrohung der Soldaten geführt haben könnte. Die «abscheulichen Bilder» verwiesen vielmehr darauf, dass viele junge Menschen gewalttätige Filme und brutale Computerspiele konsumierten. Das gelte auch für manche Soldaten, die in Afghanistan Laptops zur Freizeitgestaltung nutzten. «Die Bundeswehr ist ein Spiegel der Gesellschaft», sagte Waldschmitt. «Entscheidend ist, was die Soldaten an Vorerfahrungen mitbringen, und welche Einstellung ihre private Umgebung und die Gesellschaft zu Gewalt haben.»

Der Pfarrer empfahl der Bundeswehr-Führung, die beteiligten Soldaten deutlich zu bestrafen und auch gegenüber der afghanischen Bevölkerung ihren Abscheu und ihre Betroffenheit zu zeigen. Auch innerhalb der Truppe müssten klare Signale gesetzt werden, dass ein solches Verhalten nicht toleriert werde. Wichtig sei, dass den Soldaten Gelegenheit zu Gesprächen und Seelsorge sowie gute Freizeitangebote zur Entspannung geboten würden.(nz)