17.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Muslimische Schülerinnen
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung hält nichts davon, Deutschsein über eine neue Leitkulturdebatte zu definieren. Maria Böhmer plädierte stattdessen für einen «unbefangeneren» Umgang mit der eigenen Nation.
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), hat «erhebliche» Mängel bei der Integration von Ausländern eingeräumt. Zwar habe sie «viele gelungene Beispiele von Integration kennen gelernt», sagte Böhmer der Netzeitung. Doch hätten sich auch «erhebliche Defizite aufgebaut», betonte sie.
Als Grund nannte die CDU-Politikerin «die Utopie einer multikulturellen Gesellschaft». Diese habe dazu geführt, dass sich in Städten verschiedene Migrantengruppen abgeschottet hätten. «Multikulti hat nicht zu einem echten Miteinander, sondern zu einem Nebeneinander geführt», kritisierte Böhmer. «Das ist aber keine Integration.» Als politisches Konzept sei Multikulti daher «vollkommen» gescheitert, «und es hat uns für Jahre zurückgeworfen».
Wie Böhmer sagte, war auch die Annahme falsch, dass die einst angeworbenen Gastarbeiter wieder in ihre Heimat zurückkehren. Ein Großteil sei vielmehr in Deutschland geblieben und habe Familie gegründet, erläuterte sie.
Die Bundesregierung hat nach Böhmers Worten auf die Mängel bei der Integration mit einer «nachhaltigen Integrationspolitik» reagiert. Dabei würden auch die Migranten einbezogen, weil die Politik nicht mehr über sie, sondern mit ihnen rede. «Das unterscheidet unsere Politik von früheren Regierungen», betonte Böhmer. «Ziel ist es, dass auch die zweite und dritte Migrantengeneration eine echte Chance hat, in Deutschland Fuß zu fassen.»
Böhmer forderte vor diesem Hintergrund die Ausländer in Deutschland auf, sich mit Deutschland zu identifizieren, ohne dass sie deshalb ihre kulturellen Wurzeln kappen müssten. Das bedeute für sie auch eine «gleichberechtigte Teilhabe an dieser Gesellschaft» mit ihren Rechten und Pflichten. Einer neuerlichen Leitkulturdebatte erteilte Böhmer in diesem Zusammenhang eine klare Absage. Schon der Begriff habe «zu viele Missverständnisse befördert», sagte sie. «Was Deutschsein heißt, beschreibt besser als jede Theorie der Alltag.»
So sei die die Fußball- Weltmeisterschaft «eindeutig ein Beispiel dafür, wie fröhlicher Patriotismus aussehen kann», sagte Böhmer. Die Leichtigkeit des Umgangs mit der deutschen Fahne habe ihr sehr gefallen. «Das zeigt auch der jungen Generation, dass man mit der eigenen Nation unbefangen umgehen kann», betonte die Integrationsbeauftragte. Daher sollten sich die Deutschen auch der Werte vergewissern, die ihnen wichtig seien. «Dazu gehören zweifellos die Meinungsfreiheit, die Kunstfreiheit und die Religionsfreiheit, aber auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau», so Böhmer.
Das Grundgesetz bezeichnete die CDU-Politikerin als ein bewahrenswertes Ergebnis einer langen geschichtlichen Entwicklung, die von jedem Deutschen täglich gelebt werde. «Für sie einzutreten ist deshalb mehr als nur Verfassungspatriotismus», betonte Böhmer und sie fügte hinzu: «Jeder Ausländer wird nachvollziehen können, dass dies für uns essenziell und unverzichtbar ist.»