netzeitung.deMagazin: Bund wusste von Kurnaz-Entführung

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Murat Kurnaz (Foto: NDR/Panorama/Radio Bremen<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Murat Kurnaz
Foto: NDR/Panorama/Radio Bremen
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Bundesregierung soll kurz nach der Entführung des in Bremen geborenen Türken Kurnaz informiert gewesen sein. Ein deutscher Offizier habe zudem Misshandlungen beigewohnt, berichtet ein Magazin.

Die Bundesregierung wusste entgegen bisheriger Darstellung von der Entführung des in Bremen geborenen Türken Murat Kurnaz durch US-Kräfte nach Afghanistan und später ins US-Gefangenenlager Guantánamo, berichtet das Magazin «Stern». Der heute 24-jährige Schiffsbauer war laut bisherigen Erkenntnissen im Dezember 2001 ins pakistanische Peshawar gereist. Dort hatten ihn pakistanische Sicherheitskräfte als angeblichen Taliban-Kämpfer verhaftet. Sie übergaben Kurnaz US-Behörden, deren Mitarbeiter ihn Tage später ins benachbarte Afghanistan brachten.

Kurz darauf habe der Bundesnachrichtendienst (BND) die Regierung in Berlin in Kenntnis gesetzt, berichtet der «Stern». Das Magazin zitiert aus einer Kurzmitteilung des BND vom 9. Januar 2002: «Bei angeblichem Deutschen im Gefangenenlager Kandahar handele es sich um den in DEU aufgewachsenen M.K., der einen türkischen Pass hat. M. K. soll im Verlauf der Woche nach Guantánamo überstellt werden.» Es habe auch Angebote an Deutsche gegeben, Kurnaz zu verhören, heißt es im «Stern».

Wie das Magazin weiter berichtet, waren Bundeswehrsoldaten in Afghanistan auch Zeugen von Gefangenenmisshandlungen in US-Lagern. «Wir haben schon gesehen, wie die Amerikaner die Gefangenen da im Lager getreten und geschlagen haben. Das war einfach schäbig», sagte ein ranghoher Offizier des in Calw stationierten Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr dem Magazin. Mit seiner Aussage widerlege der Offizier auch Meldungen, das KSK sei Ende 2001 noch nicht in Afghanistan stationiert gewesen. «Ich war ab dem 10. Dezember 2001 in Kandahar», zitiert ihn der «Stern». Das Magazin hatte berichtet, deutsch sprechende Soldaten mit der Bundesflagge auf der Tarnuniform hätten Kurnaz misshandelt. Die Bundesregierung dementierte. Der «Spiegel» berichtete, nach ersten Erkenntnissen der Bundeswehr sei das KSK Ende 2001 noch nicht in der Region stationiert gewesen. Nur zwei Offiziere hätten in Kandahar zu tun gehabt.

Der «Stern»-Redaktion liegen laut eigenen Angaben überdies Privatfotos von KSK-Angehörigen vor, die die Soldaten in Kandahar aufnahmen. Datum: 5. und 10. Januar 2002. Auf den Bildern habe Kurnaz den Ort wiedererkannt, an dem ihn zwei deutsche Soldaten verhört und dabei seinen Kopf auf den Boden geschlagen haben sollen: «Das ist in diesem Lager passiert», habe Kurnaz bestätigt.

Die Bundeswehr prüft die Vorwürfe und hat zugesichert, dem Bundestags-Verteidigungsausschuss nächste Woche einen Zwischenbericht vorzulegen. Kurnaz war Ende August nach mehr als vier Jahren aus Guantánamo frei gekommen und nach Bremen zurückgekehrt. (nz)