28.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Erhart Körting
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Nach der Absetzung der Mozart-Oper «Idomeneo» an der Deutschen Oper Berlin wächst die Kritik an SPD-Innensenator Körting. Dieser habe sich nicht in der Lage gesehen, die Sicherheit der Oper zu gewährleisten, sagte Intendantin Harms.
Nach der Absetzung von Mozarts «Idomeneo» an der Deutschen Oper in Berlin gerät Innensenator Ehrhart Körting (SPD) unter Druck. Körting habe ihr signalisiert, seine Behörde könne die Sicherung ihres Hauses nicht leisten, sagte Intendantin Kirsten Harms der Berliner Boulevardzeitung «B.Z.».
Körting gab Fehler zu. In einer schriftlichen Mitteilung gestand der Senator am Donnerstag ein, dass es vor der Entscheidung über die Absetzung keine ausführlichen Gespräche zwischen den Verantwortlichen gegeben habe. «Bei rückblickender Betrachtung wäre wahrscheinlich ein ausführlicher Diskurs zwischen allen Beteiligten vor einer Entscheidung zielführend gewesen», hieß es verklausuliert in Körtings Mitteilung.
Harms sagte, sie sei fest entschlossen gewesen, die Inszenierung wieder auf den Spielplan zu setzen. Doch dann habe der Innensenator persönlich angerufen und ihr mitgeteilt, «dass seine Behörde keinerlei Sicherheit garantieren kann». Die Intendantin erklärte: «Mir wurde signalisiert, dass diese Inszenierung nicht nur eine Bedrohung für die Deutsche Oper darstellte, sondern für die gesamte Bundesrepublik und Einrichtungen im Ausland. Diese Bedrohung wurde mir sehr drastisch geschildert, und ich bin sehr verwundert, dass das plötzlich eine Bagatelle gewesen sein soll.»
Auf die Frage, ob sie mit Körting über Schleusen oder Ähnliches zur Sicherung der Oper diskutiert habe, antworte die Intendantin: «Der Innensenator hat mir gesagt, dass seine Behörde eine solche Sicherheit nicht leisten kann.» Deshalb habe sie ihre künstlerische Freiheit gegen ihre Fürsorgepflicht für 2000 Menschen abwägen müssen, die am Abend in der Oper zusammenkommen.
Anonymer Telefonanruf Körting hatte am Vortag erklärt, das Landeskriminalamt habe eine Analyse erstellt und erklärt, es könnte eine Gefährdungssituation geben. Er habe mit Harms gesprochen und sie auf die Risiken hingewiesen. Harms hatte darauf hin die vier November-Vorstellungen aus dem Repertoire genommen. Körting meinte: «Ob die Entscheidung richtig war, will ich nicht beurteilen.»
Das Landeskriminalamt hatte nach einem anonymen Telefonanruf einer im Ausland lebenden Deutschen der Oper auch Sicherheitsgespräche angeboten. Nach «Bild»-Informationen fanden die Gespräche über mögliche Gefährdungen lediglich zwischen dem Chef-Dramaturgen der Oper und LKA-Beamten statt. Dabei sei es um die Mohammed-Darstellung auf einem geplanten Werbeplakat gegangen.
Gestörte schützenDie Berliner Polizei machte deutlich, dass sie für den Fall einer Wiederaufnahme der Mozart-Oper bereit sei, die Veranstaltung zu schützen. «Falls die Deutsche Oper das Stück wieder ins Programm nimmt, müssen wir die Lage neu bewerten, auch im Hinblick auf den Wirbel, den der Fall in den Medien ausgelöst hat», sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski am Donnerstag.
Die Polizei habe der Deutschen Oper immer klar gesagt, dass sie für alle Fragen zu Sicherheitsaspekten zur Verfügung stehe - auch für den Fall, dass die Neuenfels-Inszenierung, in deren Schlussbild die abgeschlagenen Köpfe von Religionsstiftern wie Christus und Mohammed zu sehen sind, «in der bestehenden Form auf die Bühne kommen sollte». Der Rektor des Wissenschaftskollegs Berlin und frühere Richter am Bundesverfassungsgericht, Dieter Grimm, forderte Polizeischutz für eine «Idomeneo»-Aufführung. Es gelte zudem die gute Regel, dass nicht der Störer, sondern der Gestörte geschützt werden müsse, sagte Grimm im Deutschlandradio Kultur.
Riesenfehler Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber kritisierte in der «Bild»-Zeitung die Absetzung der Inszenierung. «Wir dürfen die Freiheitsrechte des Grundgesetzes niemals aus Angst vor islamistischem Meinungsterror aufgeben.» Die Entscheidung sei ein Riesenfehler gewesen.
Der Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Hans Meyer, übte im «Tagesspiegel» ebenfalls Kritik an der Absetzung, aber auch die Inszenierung. Er nehme sich «die Freiheit heraus, die Auffassung für recht einfältig zu halten, wenn nur die Religion entfernt wird, herrschen Frieden und Gewaltlosigkeit». Meyer sagte, er frage sich aber auch, in welcher Stadt er eigentlich lebe, wenn er sehe, dass eine unbekannte Anruferin eine derartige Maschinerie in Bewegung setzen könne.
«Demonstrative Solidarität»Am Donnerstag mehrten sich die Stimmen für eine Wiederaufnahme der Oper. «Es wäre sinnvoll, diese Vorstellung wieder anzusetzen», sagte der Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, Michael Schindhelm, am Donnerstag im Kulturradio des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB). Er bemühe sich jetzt darum, gemeinsam mit der Deutschen Oper unter Berücksichtigung der Sicherheitsvorkehrungen dafür einen Weg zu finden. Am kommenden Dienstag plant das Opernhaus in der Bismarckstraße zunächst eine öffentliche Diskussion über den Fall.
Der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei) rief zu einer «demonstrativen Solidarität» mit dem Opernhaus und der Inszenierung auf. Gleichzeitig räumte er «Kommunikationsprobleme» aller Betroffenen in diesem Fall ein.
Auch die Grünen-Kulturpolitikerin und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt plädierte für eine Aufführung der Mozart-Oper in der Deutschen Oper, «wenn nicht da, dann in einem anderen Opernhaus». Der Intendant der Oper Halle/Saale, Klaus Froboese, bot sein Haus für eine Aufführung an. «Ich sehe nicht, dass man hier Angst haben müsste», sagte er der «Bild»-Zeitung. (nz)