27.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Szene aus der abgesetzten Oper
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Nun sehen die Berliner Opernfreunde im November Verdis «La Traviata» statt Mozarts «Idomeneo». Hätte die Polizei ihren Warnungen vor Islamisten Konkretes folgen lassen, wäre die umstrittene Spielplanänderung an der Deutschen Oper unterblieben, sagte Opernsprecher Busche der Netzeitung. Bilderschau: Bilder der Mozart-Oper
Die Deutsche Oper Berlin erhebt im Zusammenhang mit der Absetzung einer Mozart-Inseznierung aus Furcht vor islamistischen Störungen schwere Vorwürfe gegen die Berliner Sicherheitsbehörden: «Es wurde uns nie eine Hilfestellung gegeben», sagte Opernsprecher Alexander Busche der Netzeitung.
Er bezog sich dabei auf eine vom Landeskriminalamt (LKA) erstellte Gefahrenanalyse, derzufolge Publikum und Ensemble bei Aufführungen der Mozart-Oper «Idomeneo» akut durch Islamisten bedroht seien. Nach Darstellung der Berliner Polizei sind hingegen Vorschläge für Sicherheitsmaßnahmen fester Bestandteil derartiger Analysen.
Dialog wäre nettDie Oper hatte die Inszenierung, in deren Epilog die Hauptfigur Idomeneo die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und des islamischen Propheten Mohammed präsentiert, für November abgesetzt. Die Aufführungen wären zum «unkalkulierbaren Risiko» geworden, begründete Intendantin Kirsten Harms ihre Entscheidung. Hintergrund sei ein Anruf von Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) im August gewesen sowie die in einer zweiseitigen Gefahrenanalyse dargelegte Warnung des LKA.
Opern-Sprecher Busche beklagte, «es wäre nett gewesen, wenn man darüber mit uns in den Dialog getreten wäre». Von angebotenen Sicherheitsmaßnahmen «steht da nichts drin, das kann man klar sagen». Von der Polizei «ist Frau Harms allein gelassen worden», sagte Busche, sie sei keine Sicherheitsexpertin.
Entscheidung anders gefallenEin Sprecher der Berliner Polizei erläuterte im Gespräch mit der Netzeitung, die Behörden analysierten in solchen Fällen zunächst die Lage. «Das Ergebnis lassen wir der betroffenen Stelle zukommen, zusammen mit Gesprächsangeboten über Sicherheitsmaßnahmen». Dann könne der Veranstalter Schutz bekommen oder müsse selbst für Schutz sorgen. Die Analyse habe die Polizei «auf dem Dienstweg» an die Senatsinnenverwaltung geschickt. Die übermittelte das Papier dann der Oper.
Die Intendantin ist seit ihrer Entscheidung, die Inszenierung abzusetzen, heftiger Kritik ausgesetzt, Politiker, Historiker und Publizisten sehen die Kunstfreiheit gefährdet und warfen Harms «Einknicken vor den Terroristen» vor.
Wie Busche sagte, hätte die Sicherheitsbehörde die Absetzung und den Streit darum auch verhindern können: «Wenn die Polizei von vornherein ein Sicherheitskonzept realisiert hätte, wäre die Entscheidung möglicherweise anders gefallen».