Unverständnis in Union über Opern-Absetzung26. Sep 2006 13:50, ergänzt 20:26  |  Kirsten Harms, Intendantin der Deutschen Oper Berlin | Foto: dpa |
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Mit Unverständnis haben Unions-Politiker auf die Absetzung einer Berliner Operninszenierung aus Angst vor islamistischen Attacken reagiert. Brandenburgs Innenminister forderte, das Stück wieder auf den Spielplan zu setzen.
Nach der Absetzung der «Idomeneo»-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin gerät nun die Intendantin des Hauses, Kirsten Harms, unter Druck. «Die Entscheidung der Opernintendantin ist nicht akzeptabel», sagte der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) der Netzeitung. Es gebe «keinen nachvollziehbaren Grund» für die Absetzung. «Die Opernintendantin sollte ihre Entscheidung umgehend überdenken und zurückziehen.»
Harms verteidigte dagegen ihre Entscheidung. Sie sei von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) im August über einen anonymen Hinweis informiert worden. Daraus habe sich ein Sicherheitsrisiko von unkalkulierbarem Ausgang im Falle der Aufführung ergeben. Deshalb habe sie sich als allein für den Spielplan Verantwortliche für Leib und Leben ihrer Mitarbeiter entschieden, sagte Harms am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Berlin.
SPD-Fraktionschef Peter Struck reagierte «mit Unverständnis» auf Harms' Vorgehensweise. Die Absetzung der Mozart-Oper sei «die Kapitulation vor einer möglichen Gefahr», sagte Struck vor Beginn einer SPD- Fraktionssitzung in Berlin. Die Verantwortlichen sollten sich die Entscheidung noch einmal überlegen.
 |  Monika Grütters | Foto: CDU/CSU |
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Auch die Kulturexpertin und CDU-Bundestagsabgeordnete Monika Grütters zeigte sich «erschrocken über den Stil» von Harms. Es sei «offenbar ein sehr einsamer Entschluss» gewesen, sagte sie der Netzeitung. Grütters befürchtet, dass die Intendantin damit einen «Präzedenzfall» geschaffen habe, «der an der grundgesetzlich verbrieften Freiheit der Kunst rührt».
Grütters kritisierte, dass eine solche Entscheidung einer einzelnen Intendantin nicht zustehe. «Für so etwas muss man sich Rückhalt holen», sagte sie. Sie könne sich aber nicht vorstellen, dass sie dafür Rückenhalt bekommen hätte. «Ich hoffe, dass die Entscheidung reversibel ist», so Grütters.Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) warf Harms vor, Hysterie gegenüber Muslimen zu schüren. «Die Muslime sind nun einem Verdacht ausgesetzt, obwohl es bislang gar keine konkrete Bedrohung gibt», sagte er der «Financial Times Deutschland». «Wenn wir jetzt in ein Klima des Misstrauens hineinkommen, dann ist das nicht die Schuld der Muslime, sondern von denen, die durch ihr Verhalten die Presse- und Kunstfreiheit schwächen.»
Grüne verteidigen Absetzung Die Grünen wiesen dagegen Kritik an der Entscheidung der Deutschen Oper zurück. «Die Absetzungs-Entscheidung wegen der Befürchtung von Attacken ist aus Gründen der Sicherheit nicht zu kritisieren», sagte der Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Bundestag, Volker Beck, der Netzeitung. «Nicht hinzunehmen ist aber, wenn Auseinandersetzungen über Kunst mit Gewalt oder Drohungen mit Gewalt geführt werden.»Der Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch zeigte ebenfalls Verständnis für die Entscheidung der Opern-Intendanz, die «Idomeneo»-Inszenierung vom Spielplan zu nehmen. Im Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) sagte Glietsch am Dienstag, nach den Erfahrungen mit dem Karikaturenstreit könne eine Szene, in der der abgeschlagene Kopf Mohammeds gezeigt werde, eine Gefährdungssituation auslösen.
 |  Fritz Rudolf Körper | Foto: FRK |
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SPD-Fraktionsvize Fritz Rudolf Körper sagte, wenn Gefahr für eine Veranstaltung bestehe, «muss sie geschützt werden, aber sie muss stattfinden können». Die demokratische Gesellschaft dürfe sich nicht erpressen lassen. «Extremisten, egal welcher politischen Ausrichtung können nicht bestimmen, ob etwas aufgeführt werden kann oder nicht.»
 |  Volker Beck | Foto: Bundestag |
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Beck forderte daher die Muslime in Deutschland zu einem Bekenntnis gegen Gewalt auf. «Ich erwarte, dass sich die islamischen Organisationen vorbehaltlos gegen Gewaltdrohungen in diesem Zusammenhang wenden», sagte er. Auch Kritik und Äußerungen, die man selbst als verletzend empfinde, seien in der Demokratie hinzunehmen, betonte der Grünen-Politiker. «Man darf sie kritisieren und gegen sie protestieren, mit Gewalt darf diese Auseinandersetzung nicht geführt werden.» Beck sprach sich dagegen aus, die Oper «dauerhaft» vom Spielplan zu nehmen. «Wir müssen Kunst- und Meinungsfreiheit gegen Einschüchterungsversuche verteidigen.»Der Berliner Senat ist uneins über die Opern-Frage. Berlins Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei) sprach von «verantwortungsvollem Handeln» der Opern-Intendantin. Ob der Beschluss Bestand habe, «liegt in der Entscheidung der Deutschen Oper». Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte dagegen, er halte die Entscheidung für falsch. Eine freiwillige Selbstbeschränkung gebe «denen, die unsere Werte bekämpfen, eine vorauseilende Bestätigung, die wir ihnen nicht zugestehen sollten».
 |  Deutsche Oper | Foto: Deutsche Oper Berlin |
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Die Deutsche Oper in Berlin hatte am Montag die Mozart-Oper «Idomeneo» vom Spielplan genommen. Anlass war eine Analyse der Sicherheitsbehörden, wonach die Inszenierung von Hans Neuenfels, bei der am Ende die abgeschlagenen Köpfe von Neptun, Christus, Mohammed und Buddha gezeigt werden, ein «unkalkulierbares Sicherheitsrisiko» für das Haus darstellt.
 |  Jörg Schönbohm | Foto: dpa |
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Schönbohm sagte, es könne und dürfe nicht sein, «dass Islamisten bestimmen, was auf deutschen Bühnen gespielt wird». Ebenso «irritierend» sei es, «dass die Intendantin offenbar kein Problem darin sieht, dass Buddhisten oder Christen an der Inszenierung Anstoß nehmen könnten», sagte der Minister. Schönbohm: «Gerade in der jetzigen Situation wäre es gut, eine Oper wie Idomeneo, die sich mit den Weltreligionen beschäftigt, auf den Spielplan zu setzen.»
 |  Wolfgang Bosbach | Foto: dpa |
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Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach warnte davor sich eine «Schere im Kopf zuzulegen». «Wenn wir jetzt eine Oper vom Spielplan absetzen, weil wir befürchten, dass der Inhalt missverstanden werden könnte, und ich füge hinzu, viele könnten ihn möglicherweise bewusst missverstehen, dann ist das die falsche Reaktion auf die Debatten, die wir in diesem Jahr geführt haben», sagte Bosbach dem Radiosender 100,6 Motor FM. Aus der Sorge, in islamischen Ländern einen heiligen Zorn hervorzurufen, dürfe man sich keine «Selbstzensur» auferlegen.
 |  Peter Ramsauer | Foto: dpa |
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CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer nannte die Opern-Absetzung «pure Feigheit». Die Verantwortlichen hätten sich vor der Gewalt erpressbar gemacht, sagte Ramsauer am Dienstag in Berlin. Das sei nicht «Respekt vor der Religion, sondern nur nackte Angst vor Gewalt». Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz nannte die Absetzungs-Entscheidung der Deutschen Oper «unglaublich». Was «hier in Gestalt von vorauseilendem Gehorsam abläuft, ist ein peinlicher Vorgang», sagte Wiefelspütz der in Dresden erscheinenden «Sächsischen Zeitung». Dieses «Einknicken hatten wir auch schon mal anders erlebt». Mit der am Mittwoch beginnenden Islamkonferenz der Bundesregierung habe die «abenteuerliche Entscheidung» aber nichts zu tun. Die Türkische Gemeinde in Deutschland wandte sich gegen die Absetzung der Mozart-Oper. Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, beklagte, die Deutsche Oper habe mit der Entscheidung eine Chance zur Auseinandersetzung vertan. «Es ist schade, dass durch die Absetzung vor einer offenen Diskussion zurückgeschreckt wurde», sagte er der Netzeitung.
 |  Ali Kizilkaya | Foto: Islamrat |
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Der Vorsitzenden des Islamrats, Ali Kizilkaya, sagte dagegen, eine Szene, in der die enthaupteten Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed gezeigt würden, verletze die religiösen Gefühle von Muslimen. «Eine Oper oder eine Karikatur - das macht keinen großen Unterschied», sagte Kizilkaya. Es gehe nicht um die Freiheit der Kunst, sondern um «Respekt vor dem Anderen». Freiheit sei wichtig, «darf aber kleine willkürliche Beleidigung des Anderen sein».Kolat sagte, er könne zwar nachvollziehen, dass ein abgeschlagener Kopf des Propheten die Gefühle frommer Muslime verletzten könne. «Ich empfehle aber allen Muslimen, bestimmte Sachen zu akzeptieren.» Es handele sich um Kunst und nicht um die Stellungnahme eines Politikers, die man kritisieren dürfe. «Kunst muss frei sein.»
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