netzeitung.deBND warnt vor 'Wohnzimmer- Terrorismus'

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Die Kofferbomben- Verdächtigen von Dortmund und Koblenz (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Die Kofferbomben- Verdächtigen von Dortmund und Koblenz
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Die Bedeutung der Al Qaeda hat sich nach Auffassung des deutschen Auslandsheimdienstes gewandelt. Die Kontakte der in Europa agierenden Terrorgruppen zum Netzwerk seien nicht immer klar erkennbar.

Europa sieht sich nach Einschätzung des Vizepräsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND), Rüdiger Freiherr von Fritsche, derzeit einer völlig neuen Form des islamistischen Terrorismus gegenüber. Bei diesem «Wohnzimmerterrorismus» handele es sich um Täter, die ohne stabile Organisationsstrukturen handelten und sich oft nur für ein Attentat zusammenschlössen, sagte Fritsche am Mittwoch auf einer Fachtagung in Mainz. Da die Attentäter im Vorhinein kaum auffällig würden, sei es für die Sicherheitsbehörden kaum möglich, sie vor einer Tat aufzuspüren.

Der BND-Vizechef rechnete sowohl die Attentäter von London als auch die Kofferbomber von Dortmund und Koblenz zugehörig zu der neuen Form des Terrorismus. «Wohnzimmerterrorismus» werde dadurch begünstigt, dass inzwischen jedermann mit geringem Aufwand eine Bombe bauen könne. Das Wissen könnten potenzielle Terroristen im Internet, die Zutaten «in der Drogerie an der Ecke» erwerben. Derartige terroristische Kleingruppen benötigten auch keine große finanzielle Unterstützung für die Ausführung ihrer Taten, sagte Fritsche.
«Terror ist billig»
Schätzungen von Sicherheitsbehörden hätten ergeben, dass die verheerenden Anschläge auf die Madrider U-Bahn nicht mehr als 20.000 Euro, die missglückten Kofferbombenanschläge auf die Regionalzüge von Koblenz und Dortmund nicht mehr als 5000 Euro gekostet hätten: «Terror ist billig.» Jeder, der über ein durchschnittliches Einkommen verfüge, könne einen Anschlag vorbereiten.

Besonders gefährlich sei, dass die Bedrohung dabei zunehmend von unauffälligen Personen ausgehe, die sich erst spät in Europa radikalisierten: hier aufgewachsene Muslime, junge Zuwanderer sowie Konvertiten, sagte er.

Der BND-Vizepräsident sieht eine Schwächung des Terror-Netzwerks Al Qaeda seit 2001. Die Gruppe stehe heute «weitgehend mit dem Rücken zur Wand». Trotzdem sei die weltweite Terrorgefahr «unverändert hoch», vor allem wegen vieler autonom agierender Gruppen. Zudem gebe es Hinweise, dass die Organisation dabei sei, einen neuen großen Terroranschlag vorzubereiten.

Ziercke für Dialog
Der Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, konkretisierte indessen seine Vorstellungen für eine Ausweitung der Video- Überwachung im Anti-Terror-Kampf. Sie solle nicht flächendeckend erfolgen, sondern nur an Orten, an denen viele Menschen zusammenkommen, wie etwa an Bahnhöfen, sagte er der Mainzer «Allgemeinen Zeitung». Desweiteren solle der Staat schärfer gegen islamistische Hass-Prediger vorgehen. Ziercke forderte einen stärkeren Dialog mit friedlichen muslimischen Gruppen in Deutschland.

Einen Fortschritt im Kampf gegen den Terrorismus stellt laut Ziercke die neue Anti-Terror-Datei dar. Mit ihr sei es möglich, den Datenaustausch zwischen Sicherheitsbehörden schneller zu bewältigen. Ein deutscher Militäreinsatz im Libanon werde die Terrorgefahr in Deutschland nicht erhöhen. Es sei denn, es gebe einen fanatisierten Einzeltäter. (nz)