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Muslime brauchen Politik der Anerkennung

29. Aug 2006 10:28
Muslime in Leipzig
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Überreaktionen sind in der Sicherheitsdebatte wenig hilfreich, meint Lale Akgün. In einem Gastbeitrag für Netzeitung warnt die Islamexpertin der SPD vor einem Generalverdacht gegen Muslime. Sie wirbt für mehr Differenzierung.

Von Lale Akgün

Bisher haben wir uns in Deutschland relativ sicher vor islamistischen Terror gefühlt - bis die Pläne der so genannten Kofferbomber von Köln bekannt wurden. Nun mussten wir auf erschreckende Weise erfahren, dass dieser Terrorismus keine Grenzen kennt. Wir haben es mit einem internationalen und globalisierten Phänomen zu tun, das sich auch direkt vor unserer Haustür in Köln-Ehrenfeld, einnisten kann.

Verständlich und richtig ist es angesichts dieser Bedrohung, wenn sich Politiker aller Couleur Gedanken darüber machen, welche Maßnahmen angesichts der Bedrohung ergriffen werden müssen. Fundamentalismus und Extremismus zu bekämpfen ist die oberste Pflicht einer wehrhaften Demokratie - so viel steht fest.

Abstruse Vorschläge

Allerdings nehmen einige der sicherheitspolitischen Vorschläge, wie zum Beispiel die nach den «Railmarshalls» abstruse und unrealistische Züge an. Dies mag auch mit der von Bundespräsident Horst Köhler kritisierten Hysterie zu tun haben, die so manchen ergreifen mag.

Überreaktionen aber sind wenig hilfreich - vor allem wenn sie zu einem «Generalverdacht» gegen alle Muslime in Deutschland und Europa führen. Ein solcher aber scheint in Teilen der Bevölkerung vorhanden zu sein. Das Misstrauen richtet sich vor allem gegen diejenigen, die «islamisch» aussehen. Sie sind in Gefahr, auf der Straße beleidigt oder gar angegriffen zu werden. Dabei wird aber leicht vergessen, dass die meisten bisher gefassten Terroristen überhaupt nicht muslimisch gekleidet waren.

Demokratiefeindliche Gesinnung

Muslime in unserem Land fühlen sich schon längere Zeit unter den pauschalen Verdacht gestellt, sie besäßen eine demokratiefeindliche Gesinnung. Das Feindbild Islam war in Deutschland noch nie so ausgeprägt, fand ein Meinungsforschungs- Institut vor kurzem heraus. Zu dem negativen Image des Islam hat der teils unsachliche innenpolitische Diskurs über die Integrationspolitik einen erheblichen Beitrag geleistet. Schon nach den Terroranschlägen in New York, London und Madrid und beim so genannten Karikaturenstreit wurde von Muslimen in ganz Europa erwartet, dass sie sich für das Verhalten radikaler Minderheiten in islamischen Ländern rechtfertigen.

Angesichts der vereitelten Terroranschläge steht aufs Neue die Forderung im Raum, die Muslime in Deutschland sollten sich aktiv von Terror und Extremismus abgrenzen. Damit wird unterstellt, die Mehrheit der Muslime in Deutschland stünde nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: wie in der Mehrheitsbevölkerung so ist auch bei den Muslimen nur ein verschwindend geringer Anteil der Menschen dem Extremismus zuzuordnen.

Kontraproduktive Polarisierung

Damit schürt die pauschale Forderung nach einem Bekenntnis der Muslime zu Demokratie Misstrauen und sorgt für Polarisierung. Und sie spielt den Terroristen in die Hände. Denn sie wirkt dort wie ein Sprengsatz, wo die bereits überwiegend erfolgreiche Integration von Einheimischen und Zugewanderten in unserem Land eigentlich vertieft werden müsste.

Um dieser kontraproduktiven Polarisierung etwas entgegenzusetzen ist es zunächst notwendig, dass wir uns klar machen, dass der Islam und die Muslime in Deutschland in mehrfacher Hinsicht kein homogener Block sind. Im deutschen Islam gibt es viele verschiedene Glaubensrichtungen, und die Vielfalt des Islam ist so groß wie die Vielfalt der Kulturen, aus denen die Muslime stammen.

Politik der Anerkennung

Außerdem: Nicht alle Muslime sind gleich religiös. Nur ein Drittel der Muslime in Deutschland bezeichnet sich als wirklich religiös. Dieses eine Drittel lebt nach den Vorschriften des Korans und geht zum Freitagsgebet in die Moscheen. Ein anderes Drittel bezeichnet sich lediglich als «kulturelle Muslime», die sich dem Islam zwar verbunden fühlen, die aber weder fromm noch gläubig sind und sich keineswegs an religiöse Vorschriften halten. Das letzte Drittel der Muslime in Deutschland schließlich positioniert sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen.

Auf diese Differenzierung aufbauend, sollten wir der Polarisierung etwas entgegen setzen. Wir brauchen eine Politik der Anerkennung für die Muslime. Aber auch diese wäre kein Allheilmittel gegen den Terrorismus: der islamistische Terror würde auch dann nicht aufhören, wenn der Islam in Deutschland dem Christen- und Judentum rechtlich gleichgestellt würde. Einen solchen kausalen Zusammenhang herzustellen ist allzu simpel. Wer den Terrorismus bekämpfen will, muss nach ideologischen, psychologischen und ökonomischen Gründen zugleich fragen.

Extremistische Rattenfänger

Aber Akzeptanz kann die gewünschte Solidarität herstellen und sie kann verhindern, dass junge Menschen sich von extremistischen Rattenfängern verführen lassen, die sich aufgrund sozialer und wirtschaftlicher Probleme von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen fühlen.

Denn - und da ist nichts zu beschönigen - diese Rattenfänger, die islamischen Hassprediger gibt es auch in Deutschland. Ihr schädliches Wirken und ihr Einfluss muss begrenzt werden. Hier sind neben dem Verfassungsschutz die muslimischen Dachverbände in der Pflicht. Denn die Hassprediger verkünden ihre Botschaft nicht im Nirgendwo, sondern in Moscheevereinen, von denen einige Mitglieder dieser Dachverbände sind.

Fatale Ideologie

Dabei gilt es besonderes Augenmerk auf die Koranschulen zu legen, die den Moscheevereinen angegliedert sind. Statt des Religionsunterrichtes, den sie den Schülern vermitteln sollen, wird hier oftmals eine fatale Ideologie eingeimpft.

Auch wenn es sich bei alle dem um eine verschwindend geringe Minderheit und um schwarze Schafe handelt: Wir dürfen sie nicht länger tolerieren und die muslimischen Dachverbände müssen - jenseits von pauschalen Vorverurteilungen - Antworten darauf finden, wie sie mit Fanatikern und Extremisten in ihren Reihen umgehen wollen. Denn eins muss uns allen klar sein: dort wo die Religion die Demokratie bedroht, hört sie auf Privatsache zu sein.

Der Terrorismus bedroht uns alle. Die Terroristen haben bei ihren Anschlägen nie nach der Religionszugehörigkeit ihrer Opfer unterschieden. Wir sitzen alle im gleichen Boot!

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Lale Akgün ist Islambeauftragte und stellvertretende integrationspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Davor arbeitete sie von 1981 bis 1996 als Diplom-Psychologin in der Kölner Familienberatung, baute das nordrhein-westfälische Landeszentrum für Zuwanderung auf (1996-2002) und war lange Zeit Lehrbeauftragte an der Universität Köln für interkulturelle Pädagogik. Seit 2002 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages.
 
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