14.08.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Günter Grass ruft bei einer früheren Wahlveranstaltung zur Unterstützung der SPD auf
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Vizekanzler Müntefering zollt dem Schriftsteller Grass für sein SS-Geständnis Respekt. Bundeskanzlerin Merkel will sich lieber nicht in die Debatte einmischen.
Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) hat den Schriftsteller Günter Grass gegen Kritik verteidigt. Zwar hätte auch er es begrüßt, wenn Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS früher offenbart hätte, sagte Müntefering dem Sender n-tv. Dies sei aber kein Grund, mit «Hochmut über ihn herzufallen».
Müntefering betonte, er sei froh, dass er als Jugendlicher nicht selbst vor einer solchen Entscheidung gestanden hätte. Er habe Respekt vor Grass. Dieser habe zum Gelingen der Demokratie in Deutschland beigetragen und werde dies auch weiter tun, sagte der ehemalige SPD-Vorsitzende.
Merkel zurückhaltendBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließe indessen ihren Sprecher mitteilen, dass sie sich nicht in die Diskussion über die SS-Vergangenheit von Grass einmischen wolle. «Eine Beurteilung ist sicherlich nicht Aufgabe der Bundesregierung», sagte der Vize-Regierungssprecher Thomas Steg am Montag in Berlin.
Grass hatte in der vergangenen Woche in einem Zeitungsinterview eingestanden, dass er als 17-Jähriger Mitglied in der Waffen-SS war. Merkel habe das Interview gelesen und die öffentliche Debatte zur Kenntnis genommen, sagte Steg. «Was Frau Merkel als Privatperson vom Literaten und vom Menschen Günter Grass hält, das bleibt ihre private Meinung», fügte er hinzu. Der Bundesregierung stehe nicht an, hier zu urteilen und «den moralischen Stab zu brechen». In dieser Frage müsse jeder für sich selbst urteilen.
Debatte über Ehrenbürgerschaft Das SS-Geständnis von Grass löste unterdessen in seiner Heimatstadt Danzig (Gdansk) eine Debatte über die Ehrenbürgerschaft des Schriftstellers aus. Ob diese dem in Danzig geborenen 78-Jährigen wieder aberkannt wird, will der Rat der polnischen Stadt nach den Sommerferien beraten, wie eine Sprecherin am Montag mitteilte. Rückendeckung erhielt Grass dagegen erneut von Schriftstellerkollegen.
Der Präsident der Schriftstellervereinigung P.E.N. Deutschland, Johano Strasser, bezeichnete die Debatte um die SS-Mitgliedschaft von Grass als «fürchterlich hochgespielt». Viele seiner jetzigen Kritiker wollten Grass offenbar etwas heimzahlen, sagte Strasser im Bayerischen Rundfunk. Schließlich habe Grass auch ausgeteilt. Laut Strasser hat Grass seine Vergangenheit nie verheimlicht. Unbekannt gewesen sei lediglich der Punkt von seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS als 17-Jähriger. Grass sei dort aber weder als SS-Mann ausgebildet worden, noch habe er geschossen.
Schriftsteller Schindel wusste BescheidAuch nach Aussage des österreichischen Schriftstellers Robert Schindel hat der Nobelpreisträger schon früher über seine SS-Vergangenheit gesprochen. «Grass hat es mir schon vor über 20 Jahren gesagt. Er sprach mehrmals darüber, privat», zitiert die Nachrichtenagentur APA aus der Wiener Tageszeitung «Die Presse». Dass er nun von selbst mit seinem Geständnis an die Öffentlichkeit gegangen sei, dafür habe er «allerhöchsten Respekt».
Dass in Danzig eine Mehrheit für eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft zu Stande kommt, ist nach Aussage der Stadtsprecherin aber unwahrscheinlich. Der frühere polnische Präsident Lech Walesa hatte Grass am Wochenende in einem Interview aufgefordert, den Titel des Ehrenbürgers abzugeben. (nz)