netzeitung.deBiograf von Grass «persönlich enttäuscht»

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Schriftsteller Günter Grass (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

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Günter Grass hätte nach Ansicht von Literaturkritiker Hellmuth Karasek mit einem früheren Bekenntnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, womöglich den Nobelpreis riskiert. Die Autoren Loest und Giordano verteidigten Grass.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat mit seinem überraschenden Bekenntnis, in seiner Jugend Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, für großes Aufsehen gesorgt. Kritik gab es besonders am späten Zeitpunkt der Äußerung. Der Grass-Biograf Michael Jürgs zog gar den moralischen Wert des Lebenswerkes des Autors in Zweifel. Zuspruch erhielt der Nobelpreisträger dagegen unter anderen von Schriftstellerkollegen wie Erich Loest und Ralph Giordano.

Grass sagte in einem Interview der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», er sei als 17-Jähriger aus dem Reichsarbeitsdienst nach Dresden zur Waffen-SS einberufen worden und habe der zehnten SS-Panzerdivision «Frundsberg» angehört. Das Thema behandelt Grass auch in seinem neuen Buch «Beim Häuten der Zwiebel», das im September erscheinen wird. «Das hat mich bedrückt. Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das musste raus, endlich.»

Nach Ansicht von Literaturkritiker Hellmuth Karasek hätte Grass mit einem früheren Bekenntnis möglicherweise den Nobelpreis riskiert. So wie er die Akademie einschätze, «hätte sie den Nobelpreis nicht an jemanden verliehen, von dem bekannt war, dass er in seiner Jugend in der Waffen-SS war und das lange verschwiegen hat», sagte Karasek dem Radiosender NDR Info.

Kritik von Pflüger
«Durch sein beharrliches Schweigen wird Grass' moralisierendes, nicht sein fabulierendes Lebenswerk entwertet», schrieb der Historiker Wolffsohn in einem Gastbeitrag für die «Netzeitung». Bleiben würden Grass' Worte, nicht seine Werte. Grass hätte vor 21 Jahren «eine goldene Gelegenheit» gehabt, seine Waffen-SS-Mitgliedschaft einzuräumen, als Deutschland und die Welt heftig über den Besuch des Soldatenfriedhofs in Bitburg durch Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident Ronald Reagan diskutiert hätten, schrieb Wolffsohn.

Ähnlich äußerte sich CDU-Politiker Friedbert Pflüger in der Berliner «B.Z.»: «Damals hätte er sein großes Ansehen einsetzen müssen, um gegenüber der Welt zu erklären, wie es im nationalsozialistischen Deutschland dazu kommen konnte, dass junge Menschen zur Waffen-SS kamen. Zivilcourage bedeutet, sich nicht nur moralisierend zu äußern, wenn es wohlfeil ist, sondern auch wenn man dabei etwas zu verlieren hat.»

«Großer Respekt»
Der Schriftsteller Klaus Theweleit witterte in dem Bekenntnis eine Publicity-Aktion des Nobelpreisträgers: «Wenn Grass den Polls entnimmt, dass nicht 102 Prozent der Deutschen ihn kennen, dann fällt ihm so etwas ein», sagte er dem «Tagesspiegel». Grass-Biograf Jürgs zeigte sich «persönlich enttäuscht» und sprach vom «Ende einer moralischen Instanz». «Ein bisschen spät kommt das», kritisierte Schriftsteller Walter Kempowski das Bekenntnis von Grass, relativierte jedoch: «Auch für Grass gilt das Wort aus der Bibel: Wer selbst ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.»

«Die Selbstüberwindung von Grass verdient großen Respekt. Aber man fragt sich doch beklommen, warum er sich nicht früher zur Wahrheit aufgerafft hat», sagte der Historiker und Publizist Arnulf Baring dem Blatt. Grass habe immer betont, wie unvollkommen die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland sei. «Er muss sich dabei halb bewusst immer selbst im Auge gehabt haben.»

Was Grass sage, «ist ohne Vorwurf hinzunehmen. Er war sehr jung und stand unter keinem anderen Einfluss, der ihn abgehalten hätte», sagte Schriftsteller Erich Loest dem «Tagesspiegel». Er könne das sehr gut nachempfinden.

«Schlimmer, als einen politischen Irrtum zu begehen, ist, sich mit ihm nicht auseinander zu setzen», sagte Autor Ralph Giordano dem Radiosender WDR2. Das habe Grass innerlich schon lange getan und sei nun auch damit an die Öffentlichkeit gegangen «Gut, Günter Grass, dass Sie das getan haben», sagte Giordano.(nz)