Null Promille für alle?:
Inlandspresse will «null Promille - für alle»
26. Jul 2006 10:56
 |  Für Fahranfänger heißt es bald: Weiterfahrt nur bei 0,0 Promille | Foto: dpa |
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Das Alkoholverbot für Fahranfänger kommt - doch Leitartikler deutscher Zeitungen fragen sich, ob der Bund mit einem solchen Gesetz den Verkehr wirklich sicherer macht. Ins Blickfeld geraten auch ältere Fahrzeuglenker, Drogen und die Polizei selbst.
Mehr als ein Drittel der bei Unfällen mit Verkehrstoten und Verletzten unter Alkoholeinfluss beteiligten Fahrer sind zwischen 18 und 24 Jahre alt. Nun will der Bund ein Alkoholverbot für alle Führerscheinneulinge einführen – also auch ältere Absolventen einer Fahrprüfung. Kommentatoren plädieren für null Promille für alle und dafür, das Verbot auch auf Drogen auszuweiten. Thema sind auch die Polizeikontrollen.
Mittelbayerische Zeitung: Nicht nur Alkohol am Steuer verbieten
Allerdings greift ein solches Sonderrecht für jugendliche Fahranfänger zu kurz. Erstens sollte es nicht nur um ein totales Verbot von Alkohol am Steuer gehen. Auch andere Drogen, die etwa auf Partys konsumiert werden, sollten für Fahrzeuglenker und -lenkerinnen tabu sein. Zweitens aber heizt ein Null-Promille-Gebot für jugendliche Fahrer die Debatte um ein generelles Alkoholverbot für alle Fahrzeugführer an. Und das ist gut so.
Badische Zeitung: Auch Aufputschmittel berauschen Fahrer
Gegen ein solches Gesetz gibt es diesen und jenen Einwand, aber keinen prinzipiellen. Man kann allenfalls argumentieren, die 0,0- Promille-Grenze für Fahranfänger sei nicht konsequent genug. Denn auch Aufputschmittel und Amphetamine gehören zu den berauschenden Substanzen, die im Straßenverkehr nichts zu suchen haben, und 0,0 Promille für Ältere wären ebenfalls nicht verkehrt. Nein, der Gesetzentwurf ist zu begrüßen. Unerfahrenheit plus Risikobereitschaft plus Enthemmung durch Alkohol ergeben nun mal eine Mischung, die bei Jugendlichen häufiger vorkommt als bei Älteren, und die besonders gefährlich ist.
Westdeutsche Zeitung: Altersunterscheidung macht keinen Sinn
«Fahranfänger müssen künftig auf Alkohol verzichten, das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass alle anderen weiterhin benebelt Gas geben dürfen. Es macht einfach keinen Sinn, beim Thema Alkohol im Straßenverkehr zwischen Jung und Alt zu unterscheiden. Die chemischen Reaktionen, die sich nach einem Viertel Wein oder einer Flasche Bier im Gehirn abspielen, wirken nun einmal generationenübergreifend. Studien beweisen, dass schon bei 0,4 Promille die natürliche Fehlerkorrektur im Hirn außer Kraft gesetzt ist. Auf genau diese Korrektur aber kommt es an, wenn Fahrer in Bruchteilen von Sekunden auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren müssen.»
Fuldaer Zeitung: Mut hat den Bund auf halber Strecke verlassen
Das Thema Alkohol am Steuer ist in Deutschland eine ähnlich heilige Kuh wie die Pkw-Maut oder die Diskussion über ein Tempolimit auf der Autobahn. Gut, dass sich die Politik nun endlich traut, sie zur Schlachtbank zu führen. Schade allerdings, dass sie der Mut auf halber Strecke schon wieder verlässt und es am Ende doch höchstens eine Schlachtung auf Raten ist. Immerhin: Auch dabei ist die Kuh irgendwann tot, und das wäre besser heute als morgen der Fall. Die Devise muss lauten: null Promille, und zwar für alle.
Augsburger Allgemeine: Null Toleranz für alle
Es gibt Dinge, die kosten kein Geld und sind einfach sinnvoll. Dazu gehört die Einführung der Null-Promille-Grenze für Fahranfänger. Denn die Unfallstatistik belegt, dass die jungen Autofahrer nicht nur sich, sondern auch andere heftig gefährden insbesondere wenn Alkohol im Spiel ist. Im Grunde genommen wäre es sogar sinnvoll für alle Automobilisten null Toleranz walten zu lassen. Doch zu einem solch gravierenden Schritt wird sich die Politik vorerst wohl noch nicht durchringen.
Neue Ruhr-Zeitung: Weitere Sicherheitsmaßnahmen vonnöten
Das Herantrinken an die Promille-Grenze, die in der Clique oft fatale Ein-Bier-geht-noch-Dynamik wird erschwert, wenn Verstöße gegen die obligatorische Abstinenz mit harten Sanktionen belegt sind. Aber der Gesetzgeber sollte es sich nicht zu einfach machen. Unzureichende Fahrpraxis und ein insgesamt «rasantes» Lebensgefühl sind ebenso häufige Gründe für die zu hohe Unfallrate bei Fahranfängern. Eine bessere Fahrausbildung, Begleitung durch Erwachsene und verpflichtende Sicherheitstrainings in der Probezeit wären darum gleichrangig wichtig. Der Versuch, einer singulären Gefahrenquelle - Alkohol - mit neuen Vorschriften beizukommen, reicht nicht.
Flensburger Tageblatt: Kontrollen zu lax
Die Gesetzesinitiative des Bundes für eine Null-Promille-Grenze für Fahranfänger ist mehr als überfällig und hat nichts mit Diskriminierung einer bestimmen Altersgruppe zu tun. Betroffen ist vielmehr eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern, die das Autofahren noch lernt. Um Leben zu retten, ist es kein großes Opfer, wenn Führerscheinneulinge ohne Alkohol im Blut unterwegs sind. Noch schöner wäre es, wenn sie ihr ganzes Autofahrerleben darauf verzichten würden. Und alle anderen auch. Doch das Sprit-Verbot allein reicht nicht. Wenn heute nur jeder 600. Alkoholfahrer der Polizei ins Netz geht, sind die Kontrollen offenbar noch zu lax.
Stuttgarter Zeitung: Dem Gruppenzwang den Nährboden entziehen
Die Null-Promille-Grenze für Fahranfänger ist während der zweijährigen Probezeit sinnvoll. Zumal die Jugendlichen selbst ein gesetzlich vorgeschriebenes Alkoholverbot begrüßen würden, wie Untersuchungen ergaben. Die jungen Führerscheinbesitzer sehen darin die wirksamste Maßnahme gegen Alkoholunfälle, weil es ihnen leichter macht, das Fahren ohne Alkohol beim Disco- oder Kneipenbesuch in der Clique durchzusetzen. Dem Gruppenzwang, sich zu beweisen, wäre der Nährboden entzogen. Das im Südwesten für den Verkehr zuständige Innenministerium sollte den Regierungschef schnell überzeugen, dass das Land in Sachen Verkehrssicherheit künftig mit einer Stimme spricht und keinen Schlingerkurs fährt.