16. Jun 2006 08:11
Muslime in Deutschland fühlen sich zunehmend diskriminiert. «Man redet nur noch über Kopftuch oder Ehrenmord», sagt Burhan Kesici, türkischstämmiger Vizepräsident der Islamischen Föderation, im Interview.
Er beobachte, dass Muslime in der deutschen Hauptstadt mit Diskriminierungen im Alltag zu kämpfen hätten. «Sobald man etwas Islamisches im Namen hat, wird man nicht zu bestimmten Veranstaltungen eingeladen, kommt nicht mit bestimmten Politikern zusammen und wenn, dann wird nicht mehr sachlich diskutiert.» Meist frage man ihn nach Kopftuch oder Ehrenmorden, «die eigentlichen Probleme werden verleugnet», so der 33-Jährige Islamlehrer im Interview, alltägliche Benachteiligungen wie zum Beispiel bei der Jobsuche würden in den Hintergrund gedrängt. Schon mehrfach habe er beobachtet: «Wenn sich junge Damen mit Kopftuch irgendwo bewerben, werden sie nicht mehr angenommen», so Kesici.
Früher hätten viele Muslimminen noch als Krankenschwester oder in Kindertagesstätten gearbeitet. Heute sagten immer mehr Ärzte: «Wir würden Sie gerne einstellen, aber wir wissen nicht, was unsere Patienten dazu sagen», sagt Kesici dem Sender 100,6 Motor FM. Dass sich das Zusammenleben verhärtet habe, liege aber auch an den Politikern, die würden schärfer argumentieren und Muslimen öfter Konsequenzen androhen: «Wer sich nicht integriert, wird abgeschoben oder man kürzt ihm die Sozialleistungen.»
Die häufig skizzierte Horrorvision einer zunehmenden Ghettoisierung teile Kesici indes nicht. «Wir sollten das Ghetto nicht als negativ ansehen», sagt er. «Es kann eine Chance sein.» Gerade im sozial schwachen Berlin könne man durch konzentrierte und intensive Arbeit Menschen in relativ kurzer Zeit integrieren. Und wer einen besseren Job findet, ziehe eben um.
Das Interview hören Sie auf 100,6 Motor FM am «Sonntag ab zehn»