Jung will «Feuer frei» auch im Terrorfall
21. Mai 2006 12:32
 |  Bundeswehr-Kolonne
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Trotz SPD-Kritik bohrt Verteidigungsminister Jung weiter: Ein Terrorangriff soll als Kriegsfall gelten, damit die Armee die Attacke abwenden kann. Dafür, so Jung, müsse man nicht mal das Grundgesetz ändern.
Ungeachtet des Widerstands von Teilen der SPD hält Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) daran fest, dass ein Einsatz der Bundeswehr gegen einen Terrorangriff im Inland ohne Verfassungsänderung möglich wäre. Im Interview mit dem Münchner Magazin «Focus» plädierte er erneut dafür, zu diesem Zweck den Begriff der Landesverteidigung neu zu definieren und terroristische Angriffe einzubeziehen.
«Ein Angriff mit Massenvernichtungswaffen kann heute nicht mehr nur von Staaten, sondern auch von Terroristen kommen. Dann ist für mich der Verteidigungsfall gegeben, in dem der Einsatz militärischer Mittel zum Schutz der Menschen geboten ist», zitierte das Magazin den Minister. Wenn beispielsweise ein entführtes Passagierflugzeug auf ein Stadion zufliege, müsse die Bundesregierung handeln können. Wenn zum Schutz der Bevölkerung als letztes Mittel nur der Abschuss möglich sei, müsse der Waffeneinsatz erlaubt sein. Das gehe seines Erachtens auch ohne Änderung des Grundgesetzes.
Staat ohne Kriegsmonopol
Die Neudefinition des Verteidigungsbegriffes ist im Entwurf des Bundeswehr-Weißbuches formuliert, das zum Jahresende vorgestellt werden soll. Darin heißt es unter anderem, die Bundeswehr müsse «immer dann eingesetzt werden können, wenn nur sie über die erforderlichen Fähigkeiten verfügt, um den Schutz der Bevölkerung oder kritischer Infrastruktur zu gewährleisten».Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte am Freitag Hintergründe erläutert und darauf verwiesen, dass der UN-Sicherheitsrat am 12. September 2001 die Terroranschläge des Vortags als Angriff auf die Vereinigten Staaten bezeichnete. Damit habe er das Völkerrecht weiterentwickelt, so Schäuble. Das Gremium hob somit die Grenze zwischen innerer und äußerer Sicherheit auf, eine Grenze, die der Innenminister selbst für «obsolet» hält. Diese Trennung nütze nicht mehr. «Die Staaten haben das Monopol für Kriegsführung verloren», so Schäuble, offenbar mit Blick auf das Handeln von Terroristen.
Merkel will neu nachdenken
Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) meldete sich zu Wort: Angesichts des internationalen Terrorismus verwischten sich die Unterschiede zwischen innerer und äußerer Sicherheit. Deshalb müsse über den Auftrag der Bundeswehr neu nachgedacht werden, sagte die Merkel Bundeskanzlerin auf einem Regionalkongress ihrer Partei am Freitagabend.Große Teile der Sozialdemokraten lehnen die neue Definition ab. Die Netzeitung zitierte aus einer Stellungnahme der Arbeitsgruppe Sicherheitsfragen der SPD-Bundestagsfraktion. In dem Papier heißt es, die Initiative Jungs, eine «gesellschaftspolitische Diskussion» über die zukünftige Ausgestaltung der Sicherheit Deutschlands zu führen, sei zwar «ausdrücklich» zu begrüßen. «Einige Ansätze im Weißbuch widersprechen jedoch sozialdemokratischen Grundsätzen und sind mit uns in dieser Form nicht durchzusetzen.» Ein Terroranschlag sei ein Fall schwerster Kriminalität, aber kein Kriegsfall. Einem Terroranschlag könne mit der Notstandsgesetzgebung begegnet werden.
Hickhack in der SPD
Demgegenüber hatte der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz das Vorhaben Jungs bei Bekanntwerden des Entwurfs vor zehn Tagen befürwortet: «Wenn ein Angriff von außen eine bestimmte Dimension überschreitet, dann darf auch militärisch reagiert werden - unter Inkaufnahme von Opfern unter Unbeteiligten», sagte der Bundestagsabgeordnete. Eine Verfassungsänderung sei dafür nicht notwendig.Auch unterhalb der Bundesebene kocht die Debatte: SPD-Vertreter forderten hat die Unions-Ministerpräsidenten auf, sich aus der Debatte um Bundeswehreinsätze im Inland herauszuhalten. Der CDU-Politiker und saarländische Ministerpräsident Peter Müller hatte im Gespräch mit der Netzeitung von der SPD verlangt, sie solle sich einer Grundgesetzänderung, die den Einsatz der Bundeswehr im Innern erlaubt, nicht länger verweigern.
Der Verteidigungsexperte der Sozialdemokraten, Rainer Arnold, wies das Ansinnen in Netzeitung zurück: «Wenn die CDU-Ministerpräsidenten meinen, sie müssten die Truppe zu einem billigen Polizei-Ersatz machen, dann stoßen sie damit bei uns auf Granit.» (nz)