Pisa-Studie: Migrantenkinder ohne Chance
15. Mai 2006 20:28
 |  Migrantenkinder | Foto: dpa |
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Schulkinder von Zuwanderern haben es laut einer neuen Pisa-Auswertung in keinem Industriestaat so schlecht wie in Deutschland. Trotz hoher Motivation werden ihre Schulleistungen immer dürftiger.
Zuwandererkinder haben es laut der neuesten Pisa-Auswertung in Deutschlands Schulen besonders schlimm. In keinem anderen Industriestaat seien die Chancen für sie so schlecht. In beinahe allen anderen Nationen verbesserten sich ihre Leistungen, je länger die Familie im Land sei – in Deutschland werden sie schlechter.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte am Montag in Berlin bei der Vorstellung der Studie durch die OECD eine «Gesamtstrategie» von Bund und Ländern für mehr Sprachförderung und Integration an.
Hohes Maß an Lerninteresse
An den Kindern liegt das Problem nicht: Die 15-Jährigen seien in Deutschland wie auch in den anderen 17 untersuchten Industriestaaten «hochmotiviert» und zeigten «ein hohes Maß an Lerninteresse», sagte die Bildungsdirektorin der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Barbara Ischinger. Eine Ursache für das schlechte deutsche Abschneiden macht Ischinger in der weltweit nur noch in Deutschland und Österreich üblichen frühen Aufteilung von zehnjährigen Schülern auf verschiedene Schulformen und in der Konzentration von Ausländer- und Problemkindern in den Hauptschulen aus.
40 Prozent mit erheblichen Problemen
Laut Studie sind nahezu nur in Deutschland die Schulleistungen der bereits hier geborenen so genannten zweiten Migranten-Generation deutlich schlechter als die von Ausländerkindern, die zusammen mit ihren Eltern eingewandert sind und noch einen Teil ihrer Schulzeit im Heimatland verbracht haben. Dies gibt es ansonsten nur noch in Dänemark und dem flämischen Teil Belgiens, allerdings weitaus nicht in dem Maße wie in Deutschland.Besonders drastisch ist das Ergebnis, dass in Deutschland mehr als 40 Prozent der Migrantenkinder der zweiten Generation nicht über die untersten Kompetenzstufen in Mathematik und Lesen hinauskommen. Sie hätten erhebliche Probleme im späteren Berufsleben.
Drei Jahre Lernunterschied
Schavan räumte ein, dass in deutschen Schulen «zu spät» das Integrationsziel aufgegriffen worden sei. Sie bot den Ländern Gespräche «über eine zweite Phase des Ganztagsschulprogramms» an, bei dem Integrationsförderung ein Kriterium sein könne.Besonders extrem ist laut Studie der Leistungsabstand zwischen Migrantenkindern und gleichaltrigen Einheimischen, wenn in der Ausländerfamilie nicht deutsch gesprochen wird. Schüler aus Migrationsfamilien liegen dann in Mathematik im Schnitt mit ihren Leistungen drei Jahre hinter den Kenntnissen von Jugendlichen deutscher Herkunft zurück. Das ist der mit Abstand schlechteste Wert von allen untersuchten OECD-Staaten. Noch deutlicher als in Mathematik fällt der Leistungsunterschied in der Schlüsselkompetenz Lesen/Textverständnis aus.
Das Vorurteil, dass ein hoher Anteil von Migrantenkindern den Integrationsprozess erschwert, bestätigte die Studie gerade nicht. So erzielten Länder mit weitaus höheren Migrantenzahlen als Deutschland - etwa Luxemburg, Australien, die Schweiz, Kanada oder Neuseeland - deutlich bessere Werte bei ihren Integrationsbemühungen. (nz)