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Presse würdigt Rau als Vermittler

27. Jan 2006 20:52
Johannes Rau
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Die deutsche Inlandspresse hebt den Einsatz des verstorbenen Altbundespräsidenten für ein tolerantes, friedliches Miteinander hervor. Besonders loben die Kommentatoren Rau für seine Glaubwürdigkeit.

«WAZ»: kein Absolutheitsanspruch

Modernes Christentum und politische Ideologie vertragen sich nicht. Somit war Rau jeder Absolutheits-Anspruch zuwider. Diese Haltung und nicht etwa Konfliktscheu machte ihn zum Versöhner, Moderator, Mann der Mitte und des Ausgleichs. Multikulti verstand Rau darum nicht überhöht als Verheißung wie die von ihm ungeliebten Grünen, sondern bodenständig; als konkreten Auftrag, Menschen zusammenzuführen. So konnte er glaubhaft beide mahnen: Ausländer zur Integration und Deutsche zu Respekt und Toleranz.

«Nürnberger Nachrichten»: Patriot und Protestand

All die Schlagworte, die nun in nahezu jedem Nachruf auf Johannes Rau wieder zu finden sind – sie stimmen. Ja, er war durch seine Art ein «Menschenfischer». Ja, er handelte und redete so, dass es seinem Lebensmotto vom «Versöhnen statt Spalten» entsprach. Die tiefere Schicht dieser Etikettierungen, die beiden festen Wurzeln, auf die sich «Bruder Johannes» gestützt hat – sie gehen beim schnellen Blick auf sein Leben eher unter, schälen sich aber sehr präzise heraus, wenn man die Jahrzehnte seines politischen Wirkens genauer unter die Lupe nimmt: Rau war vor allem Patriot, und er war ein überzeugter Protestant. Diese zwei Säulen bildeten das sehr stabile, unerschütterliche Fundament seiner Überzeugungen.

«Thüringer Allgemeine»: Versöhner mit Israel und Polen

Als achter Bundespräsident schalt Johannes Rau nicht selten sogar die Parteien. In ihrem zuweilen kleinlichen Streit sah er einen der Gründe, warum Ausländer in Deutschland auf so viele Hindernisse stoßen. Gemäß seiner Lebensmaxime «Versöhnen statt Spalten» verlieh er dem höchsten Staatsamt Würde und Autorität. Ihm folglich überließ Israels Parlament als erstem Deutschen das Rednerpult, und man nahm es ihm ab, eine Zukunft zu entwerfen, in der trotz der begangenen Verbrechen die Kinder beider Völker Seite an Seite stehen. Wiederum überwand er eine Kluft im Verhältnis zu Polen nach neuerlichen Schuldzuweisungen für die Vertreibungen.

«Fuldaer Zeitung»: als Landesvater unschlagbar

Auch wenn seine «Berliner Reden» und viele andere Ansprachen äußerlich den gewohnten Duktus des Kanzel-, bisweilen auch des Plaudertons behielten, so ist bei der näheren Analyse seiner Texte zu spüren, wie nahe Rau die Themen gingen, über die er sprach. Die Aussöhnung mit den Juden und mit den polnischen Nachbarn, die Integration von Ausländern oder die Gefahren für das Auseinanderbrechen der Gesellschaft überall hat Rau als Staatsoberhaupt Wegmarken gesetzt, an denen sich seine Nachfolger messen lassen müssen. Und in einem Punkt werden sich diese besonders schwer tun, ihn zu übertrumpfen: In seiner Rolle als Landesvater aller Deutschen und «aller Menschen, die ohne einen deutschen Pass bei uns leben und arbeiten» - wie er es selbst bei seinem Amtsantritt formulierte - war er einfach unschlagbar.

«Badische Neueste Nachrichten»: ehrlich und beharrlich

Er stand für Ehrlichkeit und Verlässlichkeit. In einer Zeit, in der Politiker ihre Ansichten viel lieber auf der Basis von Meinungsumfragen formulieren, wird seine Beharrlichkeit fehlen. Fehlen könnte bald aber auch der Erfahrungsschatz von Politikern, die in den Aufbaujahren der Bundesrepublik ihre politische Sozialisierung erhielten. Mit Johannes Rau neigt sich diese Ära dem Ende zu.

«Leipziger Volkszeitung»: Versöhner und Kämpfer

Wie sein politischer Ziehvater Gustav Heinemann war Johannes Rau ein Bürgerpräsident. Ruck-Reden lagen ihm anders als seinem Vorgänger Roman Herzog nicht. Aber wie sein Nachfolger Horst Köhler verstand sich der Sozialdemokrat traditioneller Prägung als politischer Präsident, wenn auch inhaltlich von diesem weit entfernt. Politisch groß geworden in den goldenen sechziger und siebziger Jahren der Bundesrepublik war für Rau Konsens und sozialer Frieden wichtiger als Reformen. Allerdings kennzeichnen zwei herbe politische Rückschläge seinen politischen Weg: Gegen Helmut Kohl verlor er als Kanzlerkandidat, eine erste Kandidatur für das Präsidentenamt scheiterte ebenfalls. Dass er diese Niederlagen als Politiker überstand, beweist: Der Versöhner Rau war auch ein Kämpfer.

«Neue Osnabrücker Zeitung»: seltener Politiker-Typus

Um Johannes Rau trauern auch Menschen, die ihn weder persönlich kannten noch ihm politisch nahe standen. Ihnen war der frühere Bundespräsident einfach sympathisch. Sie schätzten seine ehrliche, mitfühlende Art des Umgangs. Denn Rau verkörperte einen seltenen Typus des Politikers: harmoniebedürftig und zugleich zielstrebig, gesinnungstreu, aber kompromissbereit, volkstümlich und humorvoll, ohne anbiedernd zu sein. Mit diesem Stil hat er die Herzen nicht nur vieler Sozialdemokraten gewonnen. Diese warmherzige Art von «Bruder Johannes» wurde gelegentlich bespöttelt; aber ohne eine solche Art von Nächstenliebe wäre es in Deutschland politisch sehr kalt und unwirtlich.

«Rhein-Neckar-Zeitung»: Mitmenschlichkeit im Mittelpunkt

Viele Etiketten haben sich im Laufe der Jahrzehnte an Johannes Rau festgemacht. Ich bin umstellt von Sinnsprüchen, hat er einmal gesagt. Aber dass in deren Mittelpunkt immer seine ausgeprägte Mitmenschlichkeit stand, war nicht Zufall, sondern der politische und menschliche Wesenskern dieses großen Politikers. Ohne ihn wäre die deutsche Nachkriegsgesellschaft ärmer - und kälter gewesen. (nz)

 
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