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Inlandspresse hinterfragt Osthoffs Motive

27. Dez 2005 21:04
Susanne Osthoff vor 20 Jahren in der Sahara
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Die deutsche Presse kommentiert die angedeutete Rückkehr der Ex-Geisel Osthoff nach Irak als kritikwürdig. Aber: «Sie ist eine freie Bürgerin», heißt es in einem Blatt.

«Frankfurter Rundschau»: Man kann sie nicht abstrafen

«Im Gegensatz zu den vor Jahren entführten Sahara-Reisenden oder anderen Abenteurern macht die Archäologin nicht Spaß-Urlaub im Nahen Osten. Irak ist ihr privater und beruflicher Lebensmittelpunkt. Das mag man verantwortungslos finden oder leichtsinnig. Aber man kann sie dafür nicht abstrafen.

Das macht die Causa Osthoff für die Politik zum Dilemma. Man kann der Ex-Geisel klar machen, dass sie für künftige Unternehmungen auf eigene Rechnung haftet. Man kann ihr den Geldhahn zudrehen für Projekte, sie zur Kasse bitten für die Rettung. Doch im Notfall würde und muss auch für Susanne Osthoff wieder das humanitäre Recht gelten das Recht auf Hilfe.»

«Financial Times Deutschland»: Sie macht es den Deutschen nicht leicht

«Susanne Osthoff macht es den Deutschen nicht leicht. Erst spricht Osthoff lieber mit Al Dschasira als mit Beckmann oder Kerner. Dann will sie sogar in das Land ihrer Peiniger zurückkehren, anstatt in das ihrer Befreier. Das erscheint unvernünftig und undankbar.

Trotzdem rechtfertigt es nicht, Frau Osthoff als Verrückte mit krankhaftem Helfersyndrom abzustempeln oder sie moralisch zu verurteilen. Sie ist eine freie Bürgerin, und das größte Risiko trägt immer noch sie selbst: Für die Kulturgüter im Irak, der ihre Heimat geworden ist, setzt sie ihr eigenes Leben aufs Spiel.»

«Hamburger Morgenpost»: Ist diese Mutter leichtsinnig?

«Man kann mit einiger Berechtigung Susanne Osthoffs Entscheidung, in den Irak zurückzukehren, kritisch hinterfragen: Ist diese Mutter leichtsinnig, gar lebensmüde? Kann sie ihrem gut gemeinten Ansinnen, den Menschen im Irak zu helfen, nicht auch anders nachkommen? Indem sie zum Beispiel vom Ausland aus Spenden sammelt oder Hilfstransporte organisiert.

Die Ablehnung, gar Empörung, die der unlängst befreiten Geisel jetzt aus der deutschen Politik und Öffentlichkeit entgegenschlägt, hat allerdings auch andere Ursachen: Frau Osthoff hält sich nicht an die Spielregeln des Medienzeitalters. Während alles auf die ersten Bilder der eben Befreiten wartete, auf ihre herzergreifenden Schilderungen in großen deutschen Blättern, auf markerschütternde Details (»Was haben sie mir angetan.« ) trat Frau Osthoff mit Tschador verhüllt im arabischen TV Al-Dschasira auf. Tenor: So schlimm waren die Kidnapper gar nicht. Das Klischee eines Terror-Opfers sieht eben anders aus.»

«Rheinische Post»: Eigenwillig, arrogant

«Was kann man Mitmenschen zumuten? Den Mut zum Risiko? Sicher. Ungewöhnliche Weltsicht? Auch das. Ausgefallene Lebensstile? Schwieriger. Eigenwilligkeit? Da wird es sehr bedenklich, vor allem wenn diese Fragen mit Blick auf den Entführungsfall Osthoff gestellt werden.

Frau Osthoff war entführt worden. Als Deutsche im Irak. Als Hilfeleistende in einem von Staatsterrorismus und Krieg geschundenen Land. Sie hat unsere Hilfe deshalb verdient. Nun kritisieren ihre Angehörigen, zu denen sie angeblich keinen Kontakt hatte, dass der Bund das Geld für Osthoffs Projekte kappt. Die Muslimin nimmt ihre Entführer in Schutz. Sie deutet an, dass sie wieder in den Irak will.

Politik und Politiker sind empört. Außenminister Steinmeier rät von der Rückkehr in den Irak ab. Zu Recht. Solidarität ist keine Einbahnstraße. Auf Mitgefühl ist Arroganz die falsche Antwort. Das persönliche und finanzielle Engagement des Krisenstabes verdient Respekt statt Missachtung.

Was immer Frau Osthoff antreibt, sich so zu verhalten: Sie ist dabei, die Hilfe für Geiseln im Irak generell zu diskreditieren. Das ist erschreckend unsolidarisch. Ein zweites Mal wird sie die Solidarität wohl nicht erwarten können, die sie aus der Geiselhaft rettete.»

«Stuttgarter Nachrichten»: Gar nicht richtig begriffen

«Es soll hier nicht am Idealismus der 43-Jährigen gezweifelt werden. Sie hat das Elend im Irak gesehen und sie hat versucht, zu helfen. Spätestens seit der Entführung aber müsste ihr klar geworden sein, dass der Wunsch, helfen zu wollen, inzwischen lebensgefährlich ist. Einmal ist ihr das Leben zurückgegeben worden. Die Entführer waren nett, hören wir. Hier redet eine Frau, die offenbar noch gar nicht richtig begriffen hat, in welche Ängste sie eine Nation zu Hause gestürzt hat und welche Mühen sie der eigenen Regierung verursacht hat.

Egal, sie will es noch einmal wagen. Ein Abenteuer, ein Risikotrip. Geht etwas schief, muss sie die Konsequenzen tragen. Und die Kosten auch.»

«Wiesbadener Kurier»: Stichwort Lösegeld

Und selbstverständlich hat die Ex-Geisel mit der Freilassung unter Mitwirkung der Bundesregierung und möglicherweise (Stichwort: Lösegeld) des Steuerzahlers nicht ihr Recht auf freie Wahl des Aufenthaltsortes und des Berufs verloren. Das darf aber kein Freibrief sein, sich leichtfertig erneut in Gefahr zu bringen.

Die Freiheit der Entscheidung, die die Grünen-Chefin Roth in betonter Solidarität unter Frauen vollmundig einfordert, sei Osthoff unbenommen. Nur: Dann muss sie im Ernstfall auch die Konsequenzen tragen. Das Prinzip, für seine Entscheidungen gerade zu stehen, gilt für jeden von uns. (nz)

 
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