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Kardinal: Die Leute laufen der Kirche nicht davon

15. Aug 2005 07:42
Friedrich Kardinal Wetter
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Beim Weltjugendtag werden «auch viele sein, die auf Distanz zur Kirche leben». Aber auch ihr Kommen sei wichtig, sagt Friedrich Kardinal Wetter. Münchens Erzbischof hofft im Netzeitungs-Interview auf Nachhaltigkeit im Sog der Papst-Begeisterung.

Netzeitung: Eminenz, Hunderttausende Jugendliche kommen zum Weltjugendtag nach Köln, in München haben am Wochenende 30.000 Menschen die «Tage der Begegnung» gefeiert. Erleben wir eine Renaissance des Glaubens bei der Jugend - oder sind diese Veranstaltungen letztlich nicht mehr als bloße Happenings und Events?

Friedrich Kardinal Wetter: Hier muss man unterscheiden. Wir finden bei Ereignissen wie dem Weltjugendtag Menschen, die fest in der Kirche verankert sind, die Freude haben am Glauben und am Christsein. Aber es gibt auch solche, die in einer gewissen Distanz leben. Die kommen dann halt, weil Jugendliche eben hingehen, wenn es einen Event gibt. Aber das ist ja auch gut so. Jugendliche, die mit dem Glauben und der Kirche kaum etwas anfangen können, erleben auf einem Weltjugendtag, dass man zu dieser Kirche stehen kann. Sie können – wie es im Evangelium heißt – den Saum des Gewandes Jesu berühren. An dieses Bild denke ich oft.

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Netzeitung: Die Zahl der bekennenden, praktizierenden Katholiken ist jedenfalls in unseren Breitengraden rückläufig. Was muss die Kirche der Jugend in dieser modernen, globalisierten, digitalisierten Zeit bieten?

Wetter: Wir müssen ihr den Weg zu Christus zeigen. Dort findet die Jugend das wahre Leben. Indem wir an Jahren zunehmen, müsste unser Leben eigentlich reicher, tiefer und schöner werden. Aber leben die Menschen auch oder werden sie nur alt? Die Kirche muss den Jugendlichen darlegen, worum es im Leben eigentlich geht. Sie suchen - oftmals verführt oder ohne Orientierung gelassen - an der falschen Stelle.

Netzeitung: Wo liegen diese falschen Stellen?

Wetter: Im sich Berauschen am Konsum, an Drogen, an Alkohol. Oder in der Flucht in virtuelle Welten.

Netzeitung: Was kann die Kirche dem entgegensetzen?

Wetter: Ich meine, dass das gemeinsame Erlebnis eines Weltjugendtages da einen Kontrapunkt setzen kann. Da kann man froh sein, da kommt eine ganz andere Freude auf, als wenn man irgendwo bei Idolen seine Zuflucht sucht.

Netzeitung: Welches Signal erhoffen Sie sich vom Weltjugendtag, rechnen Sie mit einem Impuls für die Ökumene?

Wetter: Ich hoffe, dass vielen Jugendlichen etwas aufgeht von Christus und damit vom wahren Leben. Und dort, wo das Christsein vertieft wird, müsste eigentlich die Ökumene profitieren. Die Frage ist, wer sich davon anstecken lässt.

Netzeitung: Der Papst stammt aus Bayern. Spüren Sie hier in seinem ehemaligen Erzbistum München-Freising etwas von einem «Wir-sind-Papst»-Gefühl?

Wetter: Die Begeisterung für den neuen Papst ist groß. Wo ich auch hinkomme, treffe ich Leute, die sagen 'Ich kenne den Papst persönlich.' oder 'Als Erzbischof hat er mich gefirmt'. Es wird viel von Benedikt XVI. geredet. Diese Wahl hat schon etwas bewirkt. Ich hoffe, dass damit auch etwas verbunden ist an größerer Zuwendung zur Kirche. Da sehe ich überhaupt keine Hoffnungslosigkeit. Im Gegenteil, ich bin sehr zuversichtlich. In der Großstadt München hat die Zahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher in den letzten Jahren nicht abgenommen. Sie ist gestiegen. Das ist doch was. Und deswegen ist es absurd zu sagen, der Kirche laufen die Leute davon.

Das Gespräch führte Stephan Kabosch.

 
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