30.07.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Die Brückenhälften kippen zueinander
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In einer spektakulären Aktion haben Bauarbeiter die erste Brücke über den Lehrter Bahnhof in Berlin zusammengefügt. Die angewandte Technik gilt als weltweit einmalig.
In Berlin ist mit dem Umklappen zweier 70 Meter hoher Türme zu einer Brücke auf dem künftigen Berliner Hauptbahnhof ein weltweit einmaliges Bauprojekt in eine entscheidende Phase getreten. Die Bauleute kippen die hoch in den Himmel ragenden Stahltürme um 90 Grad so gegeneinander, dass ein neuer Baukörper über den Gleisen entsteht.
Die Querverbindung soll Grundlage für den Bürotrakt des Bahnhofs werden. Das spektakuläre Bauverfahren zog viele Schaulustige an. Auf den angrenzenden Straßen sicherten sich Berliner und Gäste bereits seit den frühen Morgenstunden die besten Beobachtungspunkte.
Der Kippvorgang läuft in drei Stufen ab; zwölf Hydraulikpumpen und Stahlseile werden dabei eingesetzt. Die Drehpunkte der jeweils 1250 Tonnen schweren Stahlkonstruktionen liegen in 23 Metern Höhe. Die beiden Türme bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern je Stunde aufeinander zu. Sobald sie wie eine geschlossene Bahnschranke waagerecht liegen, sollen zwischen den beiden Turmspitzen nur noch zwei Zentimeter Platz bleiben. In dieser Position werden sie miteinander verbunden und fixiert.
Eröffnung zur Fußball-WMSo entsteht bis Montagmorgen der erste Bügelbau. Zwischen den beiden Bügeln wird anschließend ein 200 Meter langes Dach in mehreren Phasen eingeschoben.
Eine zweite Traverse soll mit derselben Technik am Wochenende des 13./14. August folgen, so dass hoch über den Gleisen 25.000 Quadratmeter Bürofläche in bester Citylage entstehen.
Ärger um ICE-fahrtenDer Bahnhof soll nach dem Willen der Bahn AG am 28. Mai 2006 und damit pünktlich zu Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft als neuer Hauptbahnhof in Betrieb gehen. Dazu wird auch 15 Meter unter der Erde an den Fern- und Regionalbahnsteigen gearbeitet.
Der Komplex in Sichtweite des Kanzleramts ist das Herzstück des so genannten Bahnknotens in Berlin, für den die Deutsche Bahn seit 1990 insgesamt zehn Milliarden Euro verbaut hat. Er ist das derzeit größte Infrastrukturprojekt in Deutschland. Auf den oberirdischen Gleisen verläuft die Hauptstrecke von Ost nach West. Die Nord-Süd-Strecke verläuft im neuen Tunnel.
Imageverluste befürchtetDas künftige Bahnkreuz hat in Berlin bereits für Ärger gesorgt. So wollen die Zugbetreiber den Bahnhof Zoologischer Garten im Westen der Hauptstadt vom ICE-Verkehr befreien. Damit erblicken Fernreisende statt des majestätischen Stadtbildes aus traditionsreichen und bekannten Bauten künftig nur Industrie- und Hafenanlagen, bevor sie im Tunnel des Hauptbahnhofs verschwinden.
Das Berliner Stadtmarketing beklagte Imageverluste. Auch überirdisch musste Berlin einbußen hinnehmen: So kürzte Bahnchef Hartmut Mehdorn die zwei Gewölbedächer um mehr als 100 Meter, um den Bahnhof bis 2006 vollenden zu können. (nz)