21.06.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Teile der gefundenen Moorleiche
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In Niedersachsen ist erstmals ein Mädchenkörper aus der frühen Eisenzeit gefunden worden. Wissenschaftler sprechen von einer Sensation.
Für Archäologen und Historiker ist der Fund in einem Torfabbaugebiet nahe der niedersächsischen Gemeinde Uchte eine Sensation: Es handelt sich um die bisher älteste in Deutschland gefundene Moorleiche.
Es ist das erste Mal seit 50 Jahren, dass wieder ein im Sumpf unter Luftabschluss über Jahrhunderte konservierter menschlicher Körper entdeckt wurde. Das «Mädchen aus dem Uchter Moor», dessen durch eine Torfabbaumaschine getrennte Einzelteile Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann am Fundort präsentierte, ist knapp 2700 Jahre alt.
650 vor ChristusMit der Radiokarbon-Methode wurde die junge Frau auf etwa 650 vor Christus datiert. Sie stammt damit aus der frühen Eisenzeit. Aus dieser Epoche seien meist nur einzelne Knochen, aber keine Körper erhalten, sagt der Leiter der Urgeschichtlichen Abteilung des niedersächsischen Landesmuseums, Martin Schmidt. Alle anderen Moorleichen stammten mit einer Ausnahme aus der Zeit um oder nach Christi Geburt.
Nur in den Niederlanden habe man einen im Moor konservierten Leichnam entdeckt, der aus der Bronzezeit stamme und noch mal rund 1000 Jahre älter sei als der Fund aus dem Uchter Moor.
Seit 50 Jahren keine Moorleiche mehrBis Mitte der 50er Jahre wurden in Niedersachsen noch regelmäßig Moorleichen entdeckt. Etwa die Hälfte der rund 120 Toten, die in norddeutschen Sümpfen die Zeiten überdauerten, stammen aus Niedersachsen. Mit der Technisierung des Torfabbaus, die die Torfstecher durch Maschinen ersetzte, blieben weitere Funde jedoch aus. Die dunklen Körper fielen im mechanisch abgebauten Torf nicht mehr auf.
Auch die Überreste des zwischen 16 und 20 Jahre alten Mädchens, auf die man im Jahr 2000 in dem Areal 30 Kilometer westlich des Steinhuder Meeres beim Abtorfen stieß, wurden zunächst nicht als Teile einer Moorleiche erkannt.
Polizei verwirrtDie vom Torf- und Humuswerk Uchte hinzugezogene Polizei glaubte zunächst, die Arbeiter seien auf die Überreste eines Opfer eines Verbrechens gestoßen. Sie vermutete, bei der Toten handele es sich um ein in den 60er Jahren spurlos verschwundenes junges Mädchen, und gab umfangreiche kriminaltechnische Untersuchungen in Auftrag, die sich über Jahre hinzogen. Spuren von Gewalteinwirkung fanden sie an den Knochen und Leichenteilen allerdings nicht.
Ein Vergleich von DNS-Material der Mutter des vor Jahrzehnten verschwundenen Mädchens mit DNS-Material der Moorleiche zeigte schließlich, dass die Ermittler auf der falschen Spur waren.
100 Einzelknochen oder HautpartienAllerdings haben Torfabbaumaschinen die Moorleiche, die bei ihrer Konservierung im Sumpf und zusätzlich bei dessen Trockenlegung stark eingeschrumpft ist, in rund 100 Einzelknochen oder Partien von Haut und Gliedmaßen zerlegt. (nz)