Angela Merkel auf dem Sprung ins Kanzleramt:
Kohls «Küken» auf dem Weg zur Kanzlerschaft
Angela Merkel schwebt über den Wolken. Schon kurz nach 18.00 Uhr am Sonntag vor einer Woche wusste sie, dass ihr die Kanzlerkandidatur der Union nicht mehr zu nehmen ist. Nach dem historischen CDU-Sieg in Nordrhein-Westfalen war sicher, dass ihr der zweite Anlauf geglückt ist, ganz ohne Streit wie 2002, ohne ein dramatisches Frühstück mit CSU-Chef Edmund Stoiber.
«Ein schöner Tag», sagte sie bereits an jenem Sonntagabend im kleinen Kreis beschwingt. Sie lächelte die ganze Woche weiter, auf dem Kirchentag in Hannover, bei der Werbewirtschaft in Berlin. Dass sie nun schneller als geplant Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) herausfordern wird, ist für sie keine Last - einstweilen zumindest nicht. Merkel hat ihr erstes Ziel erreicht.
Vor dem CDU-Wahlsieg in Schleswig-Holstein stand sie noch mit dem Rücken zur Wand. In der Parteiführung wurde - wieder einmal - abgewartet, ob die «Frau Vorsitzende» noch etwas bewegen könne. Sie kämpfte. «Ich will mir nichts nachsagen lassen», erklärte sie in jenen Tagen, als einige schon den Abgesang angestimmt hatten. Schließlich hatte die CDU-Chefin das, was ein Politiker auch braucht: Glück. Die CDU gewann gegen alle Prognosen im Norden - das einsetzende Gemurmel war mit einem Schlag beendet.
Erst mit 35 Jahren kam die Physikerin in die Politik - zunächst als «Mädchen für alles» im Demokratischen Aufbruch während der Wende in der DDR. Sie wurde nach ein paar Monaten schon stellvertretende Regierungssprecherin. Mit 36 wurde sie Ministerin, das «Küken» in Helmut Kohls Kabinett. Nicht jeder der Kabinettskollegen nahm sie anfangs richtig ernst. Als die CDU in die Opposition musste, wurde sie 1998 mit 44 Jahren Generalsekretärin, als erste Frau, als erste aus dem Osten. Während der Spendenkrise scharte sich die Partei um sie, weil sie als erste in der Führung die Abnabelung von der Kohl-Ära verlangte und anders als der damalige Parteichef Wolfgang Schäuble unbelastet war. Schon ihre Wahl zur Vorsitzenden im Jahr 2000 war ein politisches Wunder.
Alles, was zum politischen Handwerk gehört, hat sich Merkel im Schnellkurs aneignen müssen. Als Nachteil empfang sie, über keine Hausmacht zu verfügen. Ihre engsten Verbündeten in der Partei waren bezeichnender Weise auch erst einmal Frauen. Durch die Abwehrkämpfe als Vorsitzende litt ihr inhaltliches Profil. Merkel galt in den Augen vieler als «männermordende» Taktikerin. Nachdem sie Friedrich Merz 2002 als Fraktionsvorsitzenden entmachtet hatte, ging sie inhaltlich in die Offensive. Ihre Analysekraft stand nie in Zweifel.
Bei aller Vorsicht hat sie nie geleugnet, dass sie gern Macht ausübt: «Macht ist nichts Schlechtes. Sie ist notwendig. Was nützt die gute Idee, wenn ich sie nicht umsetzen kann?» (dpa)

