Angela Merkel auf dem Sprung ins Kanzleramt: 

netzeitung.deKohls «Küken» auf dem Weg zur Kanzlerschaft

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Angela Merkel (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

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Angela Merkel könnte Geschichte schreiben. Die CDU- Chefin wäre die erste Frau in Deutschland, die es ins Bundeskanzleramt schafft. Thema: Neuwahl des Bundestags Merkel in Umfrage erstmals vor Schröder K-Frage in der Union bisher reine Männersache Kauder ruft CDU per SMS zur Ordnung Historiker: Wahlkampf prägte Kirchentag Führende Politiker aus SPD und CDU planen höhere Mehrwertsteuer SPD nimmt Abstand von Grundgesetzänderung

Von Ulrich Scharlack

Angela Merkel schwebt über den Wolken. Schon kurz nach 18.00 Uhr am Sonntag vor einer Woche wusste sie, dass ihr die Kanzlerkandidatur der Union nicht mehr zu nehmen ist. Nach dem historischen CDU-Sieg in Nordrhein-Westfalen war sicher, dass ihr der zweite Anlauf geglückt ist, ganz ohne Streit wie 2002, ohne ein dramatisches Frühstück mit CSU-Chef Edmund Stoiber.

«Ein schöner Tag», sagte sie bereits an jenem Sonntagabend im kleinen Kreis beschwingt. Sie lächelte die ganze Woche weiter, auf dem Kirchentag in Hannover, bei der Werbewirtschaft in Berlin. Dass sie nun schneller als geplant Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) herausfordern wird, ist für sie keine Last - einstweilen zumindest nicht. Merkel hat ihr erstes Ziel erreicht.

Dickes Fell zugelegt
Diese öffentlich gezeigte Leichtigkeit ist untypisch für Merkel. Sie ist vorsichtig - mitunter skeptisch bis misstrauisch. Sie hat sich ein dickes Fell zugelegt, gleichwohl können sie Diskussion über ihr Erscheinungsbild immer noch irritieren. Auch wenn die Parteivorsitzende jetzt auf dem vorläufigen Gipfel ihrer Macht steht, werden sie gerade die vergangenen Monate in ihrer Vorsicht bestätigen.

Vor dem CDU-Wahlsieg in Schleswig-Holstein stand sie noch mit dem Rücken zur Wand. In der Parteiführung wurde - wieder einmal - abgewartet, ob die «Frau Vorsitzende» noch etwas bewegen könne. Sie kämpfte. «Ich will mir nichts nachsagen lassen», erklärte sie in jenen Tagen, als einige schon den Abgesang angestimmt hatten. Schließlich hatte die CDU-Chefin das, was ein Politiker auch braucht: Glück. Die CDU gewann gegen alle Prognosen im Norden - das einsetzende Gemurmel war mit einem Schlag beendet.

«Küken» in Kohls Kabinett
Die 50-Jährige wird erste Kanzlerkandidatin in Deutschland. Jetzt geht es aber nur noch um Top oder Flop. Scheitert sie, noch dazu bei der für die Union günstigen Ausgangslage, ist ihre Laufbahn beendet. Sie hat kein Auffangnetz wie Stoiber vor drei Jahren. Die erste zu sein - die Erfahrung hat die Pfarrerstochter aus Templin in Brandenburg mehrmals gemacht.

Erst mit 35 Jahren kam die Physikerin in die Politik - zunächst als «Mädchen für alles» im Demokratischen Aufbruch während der Wende in der DDR. Sie wurde nach ein paar Monaten schon stellvertretende Regierungssprecherin. Mit 36 wurde sie Ministerin, das «Küken» in Helmut Kohls Kabinett. Nicht jeder der Kabinettskollegen nahm sie anfangs richtig ernst. Als die CDU in die Opposition musste, wurde sie 1998 mit 44 Jahren Generalsekretärin, als erste Frau, als erste aus dem Osten. Während der Spendenkrise scharte sich die Partei um sie, weil sie als erste in der Führung die Abnabelung von der Kohl-Ära verlangte und anders als der damalige Parteichef Wolfgang Schäuble unbelastet war. Schon ihre Wahl zur Vorsitzenden im Jahr 2000 war ein politisches Wunder.

Keine Hausmacht
Sie, die in zweiter Ehe verheiratet und kinderlos ist, Protestantin noch dazu, passte nie zum Bild der «alten» CDU, dieser männer- und westdominierten Partei mit katholischen und konservativen Wurzeln. Und schon gar nicht entsprach sie den Erwartungen der «bayerischen Schwester» CSU. Merkel, die Außenseiterin, hat sich durchsetzen müssen. Sie hat nicht schon als Jugendliche das Kungeln gelernt. Da lebte sie noch in ihrer Nische in der DDR.

Alles, was zum politischen Handwerk gehört, hat sich Merkel im Schnellkurs aneignen müssen. Als Nachteil empfang sie, über keine Hausmacht zu verfügen. Ihre engsten Verbündeten in der Partei waren bezeichnender Weise auch erst einmal Frauen. Durch die Abwehrkämpfe als Vorsitzende litt ihr inhaltliches Profil. Merkel galt in den Augen vieler als «männermordende» Taktikerin. Nachdem sie Friedrich Merz 2002 als Fraktionsvorsitzenden entmachtet hatte, ging sie inhaltlich in die Offensive. Ihre Analysekraft stand nie in Zweifel.

Merkel: macht ist nichts Schlechtes
Merkel riskierte viel, als sie im Irak-Konflikt einen pro-amerikanischen Kurs vertrat, der in der Bevölkerung und besonders im Osten wenig Zustimmung fand. Innenpolitisch wollte sie sich an die Spitze der Reformkräfte in Deutschland stellen. Damit brüskierte sie aber die CSU. Jetzt gibt es auch in der bayerischen Schwesterpartei keine entscheidenden Widerstände mehr gegen ihre Kandidatur, die sie nach der vorgezogenen Bundestagswahl als erste Frau ins Kanzleramt führen könnte.

Bei aller Vorsicht hat sie nie geleugnet, dass sie gern Macht ausübt: «Macht ist nichts Schlechtes. Sie ist notwendig. Was nützt die gute Idee, wenn ich sie nicht umsetzen kann?» (dpa)