10.10.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Deutsche Patienten ziehen gegen den US-Pharmakonzern Merck vor Gericht. Dessen Medikament Vioxx soll zahlreiche Todesfälle verursacht haben.
Patienten aus Deutschland fordern Schadenersatz von dem US-Pharmakonzern Merck. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» soll dessen Arthrose- und Rheumamedikament Vioxx für zahlreiche Todesfälle verantwortlich sein.
«Wir vertreten unter anderem die Angehörigen eines Verstorbenen, der fast drei Jahre lang Vioxx einnahm», sagte der Berliner Anwalt Andreas Schulz dem Nachrichtenmagazin «Focus». Dabei soll es sich laut der Zeitung «Bild am Sonntag» um den Berliner Ingenieur Grigory R. handeln, der im Dezember 2002 an Herzversagen und einer Lungenentzündung gestorben sei.
Der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Peter Sawicki, hatte dem «Spiegel» gesagt, dass Vioxx bei mindestens 2500 Patienten in Deutschland zu Schlaganfällen, Thrombosen und Herzinfarkten geführt habe. «Ein Teil dieser Menschen wird diese gefährlichen Nebenwirkungen nicht überlebt haben», so Sawicki. Berechnet nach den von den Krankenkassen erstatteten 125 Millionen Tagesdosen 2003 gab es Sawicki zufolge bis zu 430.000 Vioxx-Patienten in Deutschland.
Mehr Medikamente im VerdachtMerck hatte Vioxx Ende September vom Markt genommen, nachdem eine Studie eine Verdoppelung von Herzattacken und Schlaganfällen nachgewiesen hatte, wenn das Mittel mehr als 18 Monate eingenommen wurde. Hinweise auf die Nebenwirkungen hatte es schon seit Einführung des Mittels 1999 gegeben. Die gesamte Wirkstoffgruppe der so genannten Cox-2-Hemmer steht im Verdacht, Herzschäden zu verursachen. Vioxx bracht Merck im vergangenen Jahr einen Umsatz von gut zwei Milliarden Euro.
Für die USA werde hochgerechnet, dass statistisch 27.785 Herzattacken und Herztode zwischen 1999 und 2003 vermutlich hätten verhindert werden können, wenn die Patienten statt Vioxx andere Mittel geschluckt hätten. In den USA ist bereits die erste Sammelklage gegen das Pharmaunternehmen eingegangen. Darin wird Merck vorgeworfen, die Öffentlichkeit und Gesundheitsdienstleister nicht über die Risiken von Vioxx informiert zu haben.
Vergleich mit Lipobay-SkandalDer Berliner Anwalt Schulz will sich dieser Sammelklage im Auftrag mehrerer angeblicher Vioxx-Geschädigter anschließen. Sawicki sprach von grobem Versagen von Pharmaunternehmen und Kontrollbehörden und zog einen Vergleich zum Skandal um den Cholesterinsenker Lipobay des Bayer-Konzerns. Das Mittel hatte ebenfalls vom Markt genommen werden müssen, nachdem es mit dem Tod zahlreicher Patienten in Zusammenhang gebracht worden war.
Hinweise auf die Nebenwirkungen gab es offenbar schon seit Einführung von Vioxx 1999. Der Arzneimittelexperte Wolfgang Becker-Brüser sagte der «Bild am Sonntag», der Rückruf des Merck-Medikaments habe ihn nicht überrascht. Experten hätten schon lange vor der Thrombosegefahr durch Vioxx gewarnt. Das Unternehmen habe das gewusst. (nz)