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Vize der Jüdischen Gemeinde Berlin zurückgetreten

16. Apr 2004 15:20, ergänzt 17:43
Julius Schoeps
Der Vize-Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Julius Schoeps, ist zurückgetreten. Nach Informationen der Netzeitung wegen Missständen in der Berliner Gemeinde.

Julius Schoeps ist nicht mehr stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Das bestätigte Schoeps der Netzeitung. Er betonte, dass sein Rücktritt nicht mit dem Streit um die öffentliche Förderung von jüdischen Gruppen in Deutschland zu tun habe. Es habe mit «unterschiedlichen Auffassungen» innerhalb der Berliner Gemeinde zu tun, so Schoeps gegenüber der Netzeitung. Nähere Angaben wollte er nicht machen.

Mehr in der Netzeitung:
Schoeps, der auch Direktor des Moses-Mendelsohn-Instituts an der Universität Potsdam ist, hatte zuletzt den Zentralrat der Juden wegen seiner Haltung zu den liberalen Juden scharf kritisiert. Er hatte vor einer Spaltung des deutschen Judentums gewarnt.

Nicht abschotten

Vom Zentralrat verlangte er in der Netzeitung, sich den liberalen Gemeinden zu öffnen. «Wenn man das Prinzip der Einheitsgemeinde künftig noch vertreten will, so darf man sich nicht abschotten», hatte der Historiker gesagt.

«Interne Streitigkeiten»

Der frühere Berliner Gemeindevize Moshe Waks sieht interne Streitigkeiten als Grund für Schoeps' Rücktritt. Der Netzeitung sagte er, der Gemeindevorsitzende Albert Meyer habe Schoeps Kompetenzen beschnitten, weshalb dieser schön öfter damit gedroht habe, sein Amt aufzugegeben.

Der Vorstand der Berliner Gemeinde sei ein «inhomogener Haufen», so Waks weiter. Dass dieser nicht lange halten werde, habe er geahnt.

Interview:
Die Vorsitzende des Kulturauschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, Alice Ströver (Grüne), bedauerte den Rücktritt Schoeps'. «Ich finde das ausgesprochen schade», sagte sie der Netzeitung. Schoeps sei ein wichtiges «Bindeglied» zwischen der Gemeinde und der Berliner Bevölkerung gewesen.

Sein Kollege als Lehrer am Abraham Geiger Kolleg, das an der Universität Potsdam angesiedelt ist, Walter Homolka, bezeichnete den Rücktritt Schoeps' als großen Verlust für die jüdische Gemeinschaft von Berlin. Der Netzeitung sagte er: «Ich bedauere, dass er die Verantwortung nicht weiter tragen wollte, weil er die Unterstützung nicht bekam, auch nicht von Seiten der Berliner Politik».

Kritik an Selbstbedienungsmentalität

Die Berliner Einheitsgemeinde war in der Vergangenheit vor allem durch Machtkämpfe und massive finanzielle Sorgen geprägt. Nach Informationen der Netzeitung soll Schoeps den Umgang mit öffentlichen Mitteln kritisiert haben. Er habe demnach die «Selbstbedienungsmentalität» innerhalb der Gemeinde beenden wollen. Wie Gemeindekreise der Netzeitung sagten, sollte der Landesrechnungshof prüfen, wofür die öffentlichen Mittel eingesetzt wurden.

Homolka, der auch Gouverneur der «Weltunion für progressives Judentum» ist, sagte dazu der Netzeitung: «Der Rücktritt von Julius Schoeps ist ein Zeichen von Missständen in der Berliner Jüdischen Gemeinde, die vom Rechnungshof von Berlin nicht aufgeklärt werden.»

Grünen-Politikerin Ströver sagte, ihr sei nichts von einer Mittelprüfung durch den Landesrechnungshof bekannt. Die der Gemeinde zustehenden Gelder würden entsprechend dem Staatsvertrag mit der Bundesregierung weiter geleitet, sagte sie.

Defizit im Etat

Der Etat der Jüdischen Gemeinde Berlin beträgt 25 Millionen Euro jährlich. In den vergangenen Jahren ist das Defizit demnach auf sechs Millionen Euro angewachsen. In diesem Jahr fehlen nach Angaben der Gemeinde mindestens eine Millionen Euro.

 
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