14. Apr 2004 13:21
Der Solarstrom-Experte Gerd Stadermann erklärt im Gespräch mit der Netzeitung, wie vor der Verabschiedung des neuen Erneuerbare-Energien-Gesetzes die Stimmung gegen Ökostrom gewendet werden sollte.
Den konservativen Stromkonzernen, die kein Verständnis für eine dezentrale Stromproduktion auf der Basis erneuerbarer Energieträger hätten, gehe es bei der anstehenden Erneuerung des Kraftwerksparks überdies um «viele Milliarden an Investitionen und an Profit». Das neue EEG dagegen ermögliche, dass Ökostrom zwischen 2020 und 2050 «eine tragende Säule» der Energieversorgung werde, sagte Stadermann.Netzeitung: Herr Dr. Stadermann, wie zufrieden sind Sie mit dem neuen Erneuerbare-Energien-Gesetz?
Gerd Stadermann: Man kann mit der Neuauflage des EEG sehr zufrieden sein, denn es garantiert auch in Zukunft eine Technologieentwicklung auf dem Gebiet der erneuerbaren Energie, die uns in den Stand setzt, eines Tages über eine effiziente Energieversorgung zu verfügen. Die fossilen Brennstoffe halten ja nicht ewig. Mit den Vergütungen, die es nach dem Gesetz für Ökostrom gibt, kann man nicht nur leben, man kann mit ihnen auch vernünftig wirtschaften. Gewinne sind möglich, und damit auch Investitionen in die Forschung und eine weitere Verbreitung der erneuerbaren Energien in unsere Versorgungssysteme.
Netzeitung: Es gab vor der Verabschiedung des Gesetzes Versuche, die Wirtschaftlichkeit von Ökostrom durch Gutachten in Frage zu stellen. Wie kommentieren Sie das?
Stadermann: Das war im Grunde ein Skandal. Beide Gutachter, Professor Wolfgang Pfaffenberger vom Energiewirtschafts-Institut in Bremen und der Wirtschaftswissenschaftler Carl Christian von Weizsäcker, der als Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums federführend das Gutachten geschrieben hat, haben meines Erachtens nicht seriös gearbeitet. Das Weizsäcker-Gutachten für das Bundeswirtschaftsministerium habe ich selbst gelesen, und ich habe himmelschreiende Fehler darin festgestellt. Die Fehler lassen nicht nur auf Unkenntnis des neuen und des alten EEG schließen, sondern auch des Emmissionshandelsgesetzes des BMU.
Netzeitung: Nennen Sie bitte Details.
Stadermann: Schon die Grundthese des Weizsäcker-Gutachtens ist falsch. Es wird darin behauptet, dass der Handel mit CO2-Emissionszertifikaten das EEG überflüssig mache. Das entspricht nicht der Gesetzeslage. Der eingespeiste Ökostrom, den man vergütet bekommt, muss natürlich aus dem Emissionshandel herausgenommen werden. So steht es im Gesetz. Die Professoren haben diese Gesetzeslage aber gar nicht zur Kenntnis genommen. Das macht ihre Gutachten zu einem wirren Wolkengebilde.
Beispiel: Angenommen, RWE würde in einen großen Windpark investieren. Dann würden sie den Strom nach dem EEG vergütet bekommen, den der Windpark produziert. Wenn sie jetzt noch die eingesparten CO2-Lizenzen verkaufen würden, würden sie noch einmal Geld bekommen, also doppelt kassieren, denn die Stromkunden haben den Ökostrom schon per Umlage bezahlt.
Man muss überdies sagen, dass erneuerbare Energien die einzige Möglichkeit sind, CO2 grundsätzlich zu vermeiden. Daher sie sind die Energieträger der Zukunft. Öl und Gas sind nur begrenzt verfügbar. Und wir steigen nicht nur aus politischen Gründen aus der Kernkraft aus, sondern weil auch dort die Rohstoffe in etwa fünfzig Jahren zur Neige gehen. Die Wirtschaft bringt also nicht Opfer für den Klimaschutz sondern gewinnt die Zukunft mit neuen Energietechnologien.
Netzeitung: In wessen Interesse ist es, solche Gutachten anzufertigen?
Stadermann: Das liegt im Interesse der konservativen Energieproduzenten. Man darf nicht alle Manager bei RWE oder Eon in einen Topf werfen. Aber es ist klar, dass in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren der Kraftwerkpark in Deutschland erneuert werden muss. Da geht es um viele Milliarden an Investitionen und an Profit. Jetzt werden die Weichen gestellt, wohin es geht. Heute beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien 8 Prozent, das neue EEG ermöglicht ein ungebrochenes Wachstum, sodass es absehbar ist, dass die erneuerbaren Energien eine tragende Säule bei der Energieversorgung werden – zwischen 2020 und 2050.
Netzeitung: Das neue EEG erweckt den Eindruck, dass es bei der Windenergie potenziell vor allem Konzerne fördert, die nicht wirklich an Windkraft interessiert sind. Dass Offshore-Anlagen finanziell besonders begünstigt werden heißt, dass die höchste Förderung der Windkraft da geleistet wird, wo die höchsten Investitionen in Forschung und Aufbau erforderlich sind. Bisher war der Bau von Windparks das Geschäft von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Wie ist die Tendenz beim Solarstrom?
Stadermann: In der Fotovoltaik ist die Vergütung für Strom aus Freiflächenanlagen am niedrigsten, Fassaden- und Dachanlagen werden wegen des geringeren Flächenverbrauchs bevorzugt. Das ist vernünftig. Wir müssen alles vermeiden, dass wir in eine ähnliche Debatte geraten wie die Windenergie. Ohne gesellschaftliche Unterstützung wird sich die erneuerbare Energie nicht durchsetzen, schon weil sie teilweise durch die Konsumenten selbst erzeugt wird. Ohne grundsätzliche Akzeptanz der Bevölkerung wird es kein Solarzeitalter geben. Im Englischen ist von „socially shaped technology“ die Rede. Wir gestalten die Technik gemeinsam, und Willensbildung gehört ebenso dazu wie die technische Entwicklung selbst.
Netzeitung: Konzerne haben an der Fotovoltaik einigen Anteil. Hilft das?
Stadermann: Shell und BP gehören zu den größten Produzenten von Solarzellen. RWE hat die modernste Solarzellenproduktion der Welt. Die Ölkonzerne wissen am besten, wann ihr heute gängiges Produkt am Ende sein wird. Es ist nicht verwunderlich, dass sie nun schon in etwas anderes investieren. Windenergie bringt zwar zurzeit mehr ein, aber das größte Energiepotenzial liegt in der Sonnenenergie.
Netzeitung: Wenn das so offensichtlich ist, erscheinen die Ökostrom-Gutachten noch einmal in einem besonderen Licht...
Stadermann: Da stehen handfeste Interessen der nordrhein-westfälischen Stein- und Braunkohlelobby dahinter, die derlei befördert. Und Carl Christian von Weizsäcker ist erklärter Kernkraft-Befürworter. Die Denkmuster dieser Lager vertragen sich schwer mit dem Gedanken einer dezentralen Energieerzeugung. Sie können sich eine Stromversorgung an vielen Orten und mit vielen verschiedenen Quellen technisch nicht vorstellen. Sie können es sich nicht vorstellen, dass man mit einem informations- und kommunikationsbasierten Netzmanagement heute mit erneuerbaren Energien eine stabilere Stromversorgung aufbauen könnte als mit den konventionellen Methoden. Sie stehen dem EEG daher skeptisch gegenüber. Selbst wenn man das Weizsäcker-Gutachten gutwillig liest, ergibt sich daraus jedoch an keiner Stelle die logische Konsequenz, dass das EEG eigentlich fallen müsste, wenn man von der falschen Ausgangsthese einmal absieht.
Das Bremer Gutachten hat den Ansatz, dass erneuerbare Energie nur einen Cent pro Kilowattstunde wert ist – unter dieser Prämisse wäre es klar, dass Ökostrom Arbeitsplätze vernichtet. Nun haben wir aber 140.000 Arbeitsplätze in diesem Sektor geschaffen. Da stimmt etwas nicht. Pfaffenberger kommt auf den einen Cent, indem er sagt, das sei fluktuierender Strom, dessen Verfügbarkeit vom Wetter abhängt, so dass wir große Kraftwerke dahinter bereit halten müssen. Durch die doppelte Investition liegt der energiewirtschaftliche Wert dann nur bei einem Cent. Tatsache ist aber, dass der Ökostrom an der Strombörse mit 3,2 Cent gehandelt wird. Wir haben heute außerdem Wettervorhersagen, nach denen auf drei Tage im Voraus mit 80-prozentiger Sicherheit absehbar ist, wann wo der Wind weht oder die Sonne scheint. Vier-Stunden-Vorhersagen haben eine Treffsicherheit von 96 Prozent. Da muss nichts in Sekunden umgeschaltet werden, um das Ärgste zu vermeiden, und es ist auch nicht so, dass konventionelle Kraftwerke immer nebenher gefahren werden müssen, damit es nicht zu Ausfällen kommt.
Netzeitung: Wenn ich das Konzept richtig verstehe, soll sich das Problem ja auch über den Energiemix, die Produktionsdichte und die Verteilung der Produktionsstätten auf der Fläche selbst regulieren.
Stadermann: Richtig. Die Wasserkraft ist mit fünf Prozent Anteil dabei, Pumpspeicherwerke lassen sich in Sekunden aktivieren. In Zukunft werden wir auch mehr Strom aus Biomasse und Geothermie haben, die die Grundlast mit abdecken können. Im Energiemix der Zukunft gleichen ständig verfügbare erneuerbare Energien die zeitweiligen Defizite der mit dem Wetter fluktuierenden erneuerbaren Energien aus.
Netzeitung: Sind in den Gutachten die externen Kosten der einzelnen Energieträger berücksichtigt worden?
Stadermann: Nein. Der niedersächsische Wirtschaftsminister, Walter Hirche von der FDP, hat einmal ausgerechnet, dass bei den konventionellen Energieträgern 12 Cent pro Kilowattstunde dazugerechnet werden müssten, um die externen Kosten (etwa der Umweltbelastung, d. Red.) aufzufangen. Zum Vergleich mit den Kosten der erneuerbaren Energien: Der Windstrom kostet heute sieben bis neun Cent, und er bringt keine Umweltschäden mit sich. So gerechnet ist Windstrom heute schon billiger als jeglicher Kohlestrom.
Mit Gerd Stadermann sprach Joachim Widmann.