08. Jan 2003 13:32
Unumstritten ist sie nicht: die Kunstsammlung von Friedrich Christian Flick. Jetzt kommt sie als Leihgabe für mindestens sieben Jahre nach Berlin.
Berlin bekommt eine neue Kunstsammlung. In der Rieck-Halle neben dem Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof werden ab 2004 zentrale Werke der klassischen Moderne und Gegenwartskunst zu sehen sein: Duchamp, Schwitters und Mondrian gehören ebenso dazu wie Richter, Polke, Serra und Naumann.Die Freude über den Zugewinn an Kultur ist aber nicht ungetrübt. Die Sammlung, die nun zunächst für sieben Jahre in Berlin gezeigt werden soll und rund 2500 Exponate umfasst, war zuvor von der Stadt Zürich abgelehnt worden. Auch München und New York wurden bereits als Ausstellungsorte gehandelt. Friedrich Christian Flicks Sammlung haftet nicht nur der Makel an, aus den Mitteln eines Konzerns finanziert worden zu sein, der zur Zeit des Nationalsozialismus in großem Stile Zwangsarbeiter beschäftigt hatte.
Was Friedrich Christian Flick vorgeworfen wird, ist nicht diese Tatsache als solche und auch nicht die hervorragenden persönlichen Verbindungen seines Großvaters Friedrich Flick zur nationalsozialistischen Führungselite – skandalös erscheint Friedrich Christians Weigerung, entsprechende Zahlungen in den Fonds der Deutschen Wirtschaft zur Entschädigung von Zwangsarbeitern zu leisten.
Kritische Stimmen kamen von prominenter Seite, so äußerte sich der Theaterregisseur Christoph Marthaler und die Kuratorin des Hauptstadt-Kulturfonds Berlin Adrienne Göhler. Sie befürchtet, dass sich Flick der historischen Verantwortung selbst enthebe und diese an die in seiner Sammlung vertretenen Künstler weitergebe.
Als bereits im Dezember ruchbar wurde, dass sich Flick mit dem Bund und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über die Vergabe seiner Sammlung nach Berlin einigen würde, unterstellte der Zürcher Tagesanzeiger hinter dem Angebot des Industriellen schlicht ein steuerliches Kalkül. So bestehe Flick auf einer ungewöhnlichen Vertragskonstruktion: Nicht er selbst solle Vertragspartner der Stiftung Preußischer Kulturbesitz werden, sondern ein Unternehmen mit dem Namen Contemporary Art Limited mit Sitz auf der Kanalinsel Guernsey, einer der letzten europäischen Steueroasen.
Der Tagesanzeiger vermutet hinter der Leihgabe eine «groß angelegte Ablasshandlung» und die «bei Flick seit längerem und nicht ganz unbegründet vorhandene Furcht, vom deutschen Fiskus zur Steuerzahlung aufgefordert zu werden.» (nz)