Kundus-Affäre nimmt neue Dimension an: 

netzeitung.deOberst Klein wollte Taliban «vernichten»

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Ausgebrannter Tanklastzug in Kundus nach dem von einem deutschen Oberst angeordneten Luftschlag (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ausgebrannter Tanklastzug in Kundus nach dem von einem deutschen Oberst angeordneten Luftschlag
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach und nach kommen mutmaßliche Details zum verheerenden Luftangriff in Afghanistan Anfang September ans Licht, die das Bombardement in anderem Licht erscheinen lassen. Offenbar billigte das Kanzleramt ein schärferes Vorgehen gegen Taliban.

Die Affäre um den Luftangriff in Afghanistan mit vielen Toten und Verletzten nimmt eine neue Dimension an. Wie die «Süddeutsche Zeitung» und die «Frankfurter Rundschau» übereinstimmend berichten, zielte der Luftschlag bei Kundus nicht auf die beiden Tanklastzüge, sondern auf eine Gruppe von Taliban und deren Anführer.

In einem Schreiben an den damaligen Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, soll der deutsche Oberst Georg Klein laut «FR» bereits am 5. September – also einen Tag nach dem verheerenden Luftangriff – als Ziel angegeben haben, neben den Lastern auch mehrere identifizierte Talibanführer durch den Luftschlag ausschalten und deren Unterstützer treffen zu wollen.

Die «Süddeutsche Zeitung» zitiert aus einem geheimen Untersuchungsbericht der Nato, in dem der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan, der US-General Stanley McChrystal, behaupte, Klein sei es ausschließlich um die Taliban-Führer gegangen. «Er wollte die Menschen angreifen, nicht die Fahrzeuge», zitiert das Blatt eine zentrale Stelle des geheimen Berichts. Angeblich bezieht sich der Bericht auf eine Befragung Kleins durch den Isaf-Kommandeur.

Kanzleramt soll schärferes Vorgehen gebilligt haben
Oberst Klein habe selbst in einem von ihm verfassten Bericht erklärt, die Taliban «vernichten» zu wollen, schreibt die Zeitung. Die Bundesregierung hatte in der Vergangenheit erklärt, die Tanklastzüge seien angegriffen worden, weil eine Gefahr für die deutschen Truppen drohte. Wie die «Leipziger Volkszeitung» derweil berichtet, soll das Bundeskanzleramt vor dem Luftangriff in Afghanistan ein schärferes Vorgehen der Bundeswehr gegen die Taliban gebilligt haben.

Demnach wurden das Kanzleramt, die Spitze des Verteidigungsministeriums sowie mit der Koordination der Geheimdienste beauftragte Regierungsvertreter vor und nach dem Luftschlag bei Kundus am 4. September in eine damals vereinbarte neue Eskalationsstufe in Afghanistan einbezogen. Dabei sei es auch um die gezielte Liquidierung der Taliban-Führungsstruktur gegangen, schreibt die «LVZ».

Nach Informationen der «Frankfurter Rundschau» ging Klein aber fest davon aus, dass sich zum Zeitpunkt des Bombenabwurfs keine Zivilisten an den Lkw aufhielten. Laut dem Isaf-Bericht seien nach Angaben der «Süddeutschen» vor dem Bombardement am 4. September 60 bis 80 Taliban und ihre Anführer zu den Tanklastzügen geeilt. Die Anführer hätten ihre Leute sogar vor einem möglichen Bombardement gewarnt, aber niemand habe dem Beachtung geschenkt. Bei dem Luftschlag wurden bis zu 142 Menschen getötet oder verletzt, darunter zahlreiche Zivilisten.

Guttenberg überlässt Fragen dem Ausschuss
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sagte bei seiner Rückkehr aus Kundus am Freitagabend auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa zu dem Bericht der «LVZ»: «Auch zu diesem Themenkomplex gilt: Vor meiner Zeit als Verteidigungsminister, nicht in meine Verantwortungszeit gefallen. Das ist Gegenstand des Untersuchungsausschusses. Ich glaube, das ist der richtig Weg.»

Der Grünen-Politiker Omid Nouripour, der Guttenberg begleitet hatte, sagte: «Ich kann Ihnen versichern, dass wir die Bundeskanzlerin, den damaligen Kanzleramtsminister und die damaligen Staatsminister vorladen werden und befragen werden. Wenn das so sein sollte, dass alles, was man uns erzählt hat, gelogen war, dann wird das natürlich Konsequenzen haben müssen.» Der Untersuchungsausschuss des Bundestages, der die Kundus-Affäre durchleuchten soll, konstituiert sich am kommenden Mittwoch. (nz/dpa/AP)